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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

großer Gleichgültigkeit soeben an einem Nußkern. „Wenn dir 
einer von meinen Herren nicht gefällt, brauchst du’s doch nur 
zu sagen, dann lade ich ihn nicht mehr ein, Tylli“, ist die 
in etwas kleinlautem Tone gegebene Antwort. 
„Ach Unsinn! So bin ich gar nicht! — Warum soll mir denn 
einer nicht gefallen, der dir Vergnügen macht?“ 
Frau Ilka knüpft nervös die seegrüne Schleife ihres Matinees, 
welche das seidige Gewand nur lose zusammenhält, so daß 
man ein winziges schneeweißes Stückchen ihres Halses sehen 
kann. „Du bist eben so ganz anders wie ich — du denkst dir 
nichts dabei und ich bin manchmal wütend Uber dich — ich 
möchte dich gleich beim Schopfe packen, dir beinah “ 
„den Hals umdrehen“ ergänzt Tylli lachend. In Frau llkas 
großen, tief veilchenfarbenen Augen, die immer in feuchtem 
Schimmer glänzen, stehen nun ein paar wirkliche Schmoll- 
tränchen. „Du hast dich gestern mit der Irma Armali direkt 
auffallend benommen!“ 
„Ist mir nicht bewußt!“ 
„Doch, ich habe euch beobachtet, eure Scherze gehört.“ 
„Na, warum denn nicht? In der Sekllaune!“ 
„Eine ganz abscheuliche Person.“ 
„Kann ich nicht finden.“ 
„Sie hat Augen wie ein Grashüpfer.“ 
„Nein, recht hübsche!“ 
„Und Haare wie gedroschenes Stroh.“ 
„Von einem ganz seltenen Rotblond.“ 
„Sie ist furchtbar dick.“ 
„Na, das bist du doch auch?“ 
„Ich dick?“ 
Frau Ilka wiegt sich kokett in den Hüften; „Das ist doch 
nicht dein Ernst? Das ist ja beinahe eine Beleidigung für mich! 
Ich bin doch nur gut proportioniert!“ 
„Pardon, ich meine im Verhältnis zu mir—man muß eben 
immer die Kontraste miteinander vergleichen!“ 
„Nun, das will ich meinen.“ 
„Versprich mir, daß du niemals mit dicken Frauen Freund 
schaft anfangen willst, die finde ich einfach abscheulich, eine 
wahre Geschmacksverirrung.“ 
„Na, die Schlankheit ist auch nicht jedermanns Sache!“ 
„Doch, ich muß das besser wissen, es ist rassig“, betont 
Frau Ilka. Sie betrachtet „Bubi“ mit einem zärtlich umfassenden 
Blick. „Werde bloß nicht stärker, mein Kleines, so gefällst du 
mir gerade. Du bist wie mein junger Windhund, man darf euch 
nicht zu gut füttern, damit ihr rassig bleibt—“ 
Tylli hat ruhig zugehört. Endlich unterbricht sie die Freundin: 
„Bist du nun endlich fertig mit deinem langweiligen Mustern 
und Angucken, das ich nicht leiden mag! Du denkst wirklich, 
ich bin ganz dein Eigentum; wenn ich Freundschaft mit dir 
halte, so ists eben mein guter Wille — gar nichts zwingt 
mich dazu —“. Tylli lacht dabei wie ein Kobold und voll- 
führt mit den Absätzen ihrer Schuhe auf dem Teppich einen 
Höllenlärm. 
Da flüstert ihr Frau Ilka einige Worte ins Ohr, ihre 
Augen haben nun einen seltsamen, beinah starren Ausdruck. 
„Alles ist dir Scherz, Tylli, nichts 
ernst, bis ich einmal sehr böse werde — 
meinetwegen sei dreimal klüger wie ich, 
ich bin viermal stärker, mein Arm zittert 
nicht — ein Griff meiner Hand nach 
deiner schmalen, schlanken Kehle“ — —. 
Aus dem Perlmutter geschliffenen 
Kästchen, das immer seinen Plal? vor 
ihrem Bett auf dem Onyxtischchen hat, 
entnimmt sie einen kleinen, stets ge 
ladenen, gefährlichen Gegenstand und 
verbirgt ihn anscheinend scherzend hinter 
ihrem Rücken —. 
„Was habe ich hier, Tylli?“ 
„Nun, irgend ein Dingsda!“ 
„Weißt du auch, daß ich dich rück 
sichtslos niederschießen könnte, falls du 
mich so aus Bosheit quälst, ich stehe 
dann nicht für mich ein.“ 
Frau Ilka beugt sich zu dem Bubi 
herab, heiß schlägt ihr Atem Tylli ent 
gegen. Funkelt es nicht beinah wie 
Haß in ihren Blicken? Ja, das ist 
grausamer Ernst, Liebe, die zu allem fähig ist und darin 
liegt für Tylli der seltsame Reiz mit dieser Natur zu spielen, 
wie der Bändiger wohl dem Raubtier die Hand in den ge 
öffneten Rachen legt! 
Tylli hat sich langsam umgewandl. Wer kennt die Natur 
ihrer Freundin besser, als sie! Wie schön sie jeljl aussieht! 
Die schmalen, messerrückenfeinen Nasenflügel vibrieren wie 
einem edlen Rassetier, hastig fliegt der Puls, ein heißes 
Rot auf den Wangen flutete auf und ab. Tylli hat plötjlich 
aufgehört zu lachen und zu tollen, ihr leichtsinniger Spott 
ist verstummt, sie verliert sich nur noch im selbstlosen 
Anschauen, einer stummen, ganz instinklhaflen Bewunderung. 
Sie duckt sich förmlich vor der hohen, kräftigen Gestalt 
der Freundin, deren physische Übermacht sie fühlt, dehnt 
ihre geschmeidigen Glieder wie eine Kalje zum Sprunge, 
ln dem pikanten Gesichtchen zittert ein rätselhafter Aus 
druck. Mil einem gewaltsamen Aufschrei fliegt sie an den 
Hals ihrer Freundin —. 
„Da — hast du mich — und ich liebe dich schreck 
lich — weißt du — du könntest mich getrost um 
bringen — ich habe keine Furcht —• nicht ein bißchen — 
weil du's bist — Dummchen, laß dich nicht necken — 
du bist doch die Beste, die Schönste, du hast solch 
wildes, tolles Blut, und solch ein 
goldgutes Herz — du!“ 
Als einige Stunden später Frau llkas 
jüngster, bevorzugter Verehrer, ein ele 
ganter, P er lgraubehandschuhler Herr, 
seine Aufwartung macht, findet er beim 
Hineinsinken in die seidenweichen Kissen 
des Divans, die ihm Frau Ilka huld 
voll anbietet, einen prächtigen Schild- 
paltkamm, der unzweifelhaft einer Frau 
gehört. Unwillkürlich will er ihn mit 
sichtbarem Widerwillen zurückstoßen, 
besinnt sich jedoch diplomatisch 
eines besseren und faßt ihn vorsich 
tig mit spitjen Fingern an — hat 
er doch schon längst von der bei 
nah sprichwörtlich gewordenen Freund 
schaft der schönen Sängerin gehört; 
zwischen den Zähnen aber murmelt 
er unhörbar, ein „verdammtes Frauen 
zimmer “.
        
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