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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

Novelelle von 
Im hohen Norden 
schmutzigen, 
Hinterhäusern 
Das Kind. 
Ilse-Dore Tanner. 
von Berlin, in der 
engen Proletaricrstrasse mit den hohen 
und den unglaublich vielen, elenden verwahrlosten Kindern 
war es eine Seltenheit, wenn gut gekleidete .feine Leute“ 
einmal den Weg hierher fanden. 
Das elegante, hübsche junge Paar, das Arm in Arm 
schnell der hässlichen Umgebung zu entgehen trachtete, 
erregte daher berechtigtes Aufsehen. Aus den Fenstern 
schauten verarbeitete, vor der Zeit alt gewordene Frauen 
gesichter den schnell Dahinschreitenden nach, hörten den 
ungewohnten Ton, das Frou — Frou der seidenen Röcke 
und atmeten das feine Veilchenparfüm ein, das die Beiden 
umgab. Die Kinder auf der Strasse hielten im Spiel ein 
und schauten ihnen nach und aus den finstern Kellerluken 
krabbelte und kroch noch schnell hier und da ein 
elendes Geschöpfchen hervor, um auch noch den 
ungewohnten Anblick zu haben. 
„Ptui Deibel! ■— entschuldige das harte Wort, 
Ingeborg — aber das ist ja ein pestilenzialischer Gestank, 
einfach nicht zum aushalten. Grässlich, dass wir hier 
durchgehen müssen — hätte ich eine Ahnung 
gehabt, wie’s hier ist, hätte ich mich „ ,L- r - [= n-rr-\ 
schönstens bedankt “ Aber Fritz, denk’ doch 
an die armen Menschen, die hier immer wohnen 
müssen -— wie furchtbar das sein muss! Man 
ist noch immer nicht dankbar genug, dass es einem so 
gut geht — und da willst Du böser schlechter Mann noch 
nicht einmal hier durchgehen, um dem armen, von Dir 
überfahrenen Burschen selbst ein Schmerzensgeld zu 
bringen.“ Die junge Frau drückte halb zärtlich, halb 
vorwurfsvoll den Arm des Mannes. 
„War auch nicht nötig Ingeborg,“ brummte der. „Du 
weisst, ich bin, weiss Gott, nicht hartherzig, aber diese 
modernen Beglückungsideen von Euch jungen Weiberchen 
sind wirklich höchst unbequem für unsereinen! Einfach 
das Geld per Post geschickt und damit basta. Im 
Uebrigen habe ich den Bengel garnicht überfahren, sondern 
nur angerempelt und er war selbst schuld daran und 
wird jetzt wahrscheinlich das Anrempelnlassen als einträg 
lichen Nebenerwerb ergreifen.“ 
Ein Zug von Traurigkeit breitete sich über das hübsche 
Gesicht der jungen Frau. 
„Wie hässlich .Du manchmal redest, Fritz — wenn 
ich nicht wüsste, wie gut Du bist — Ach sieh’ nur, 
das arme, arme Kind!“ entsetzt bleibt sie stehen und 
ihre Augen füllen sich mit Tränen — an der Erde vor 
einer Kellertüre hockt ein blasses, elendes kleines Mädchen, 
starrend vor Schmutz, die dünnen Beinchen ganz ver 
krümmt, die Augen rot entzündet. Mit einem jammervoll 
hilflosen, klagenden Blick sieht es zu den Beiden empor. 
„Ach, Fritz, wie furchtbar, wie schrecklich, so verwahrlost 
so elend das arme, arme Geschöpfchen — wenn ich da 
gegen an unser süsses, dickes, gepflegtes Mädelchen 
zu Hause denke — und dies ist doch auch ein Kindchen, 
das Anrecht auf ein bischen Glück und Sonne hat. Ich 
will hineingehen und — heftig hält der Mann sie 
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RUDOLPH 
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zurück. „Bist Du toll, Ingeborg? Willst Du vielleicht 
hier einen Menschenauflauf veranlassen? Er drückt dem 
schmutzigen vergrämten Weibe, das neugierig die Keller 
stufen in die Höhe gekommen ist, ein Geldstück in die 
Hand und zieht seine Frau heftig weiter. 
„Ingeborg, um Himmels Willen, ich bitte Dich, sei 
doch nur nicht so schrecklich impulsiv und unklug, Du 
bringst uns hier in Teufels Küche damit, Du glaubst 
garnicht, wie grässlich gemein diese Leute sind.“ 
„Aber Fritz, das arme Würmchen und unser 
„Du machst mich wirklich böse, Ingeborg, wie kannst 
Du das blos vergleichen? Wenn solche verkommenen, 
schmutzigen, kranken Menschen heiraten, dann können 
sie sich auch nicht wundern, wenn sie solche Kinder haben.“ 
„Ach Fritz, das ist doch nicht immer Schuld, das 
Meiste tut doch die schreckliche Armut der Leute 
dann denk mal an die vielen unehelichen Kinder, 
und 
die 
Am Potsdamer Platz 
gewiss oft sehr reiche Väter haben und dann werden 
sie zu solch’ einem armen Weibe in „Pflege“ gegeben 
und die will natürlich noch an dem armen Wurm was 
verdienen. Ich weiss es, ich habe in der Kinderkrippe, 
wo ich doch vor meiner Verheiratung eine Zeit lang 
geholfen habe, so manches gehört.“ 
Auf dem Gesicht des jungen Mannes zeigt sich lebhaftes 
Unbehagen, Verlegenheit und Missbilligung. „Das ist auch 
ein so moderner Unsinn, dass die jungen Mädchen jetzt 
alles Mögliche zu hören bekommen, was nicht für ihre 
Ohren taugt. Die unehelichen Kinder kommen zu ordent 
lichen Bürgerleuten in Pflege und ausserdem gibt es ja 
extra Leute, die diese Pflegeeltern kontrollieren. Du 
brauchst Dich wirklich nicht über solche Dinge aufzuregen, 
Ingeborg. Du wirst die Welt nicht besser machen!“ 
Die junge Frau seufzt: „Es ist sehr bequem, wenn 
man sich garnicht erst mit solchen Gedanken abgibt, 
Fritz, aber ich — ich kann das nicht, daran wirst Du 
Dich gewöhnen müssen,“ sagt sie fest. Ich bin modern 
in dieser Beziehung. ■— Gott sei Dank — meine Eltern 
haben mich daran gewöhnt mit offenen Augen durchs 
Leben zu gehen und gerade was Kinder anbetrifft, 
interessiert mich alles — ich habe ja Kinder so furchtbar 
lieb.“ 
Der Zug des Missbehagens auf seinem 
Gesicht verschärft sich noch, trotzdem drückt 
er ihren Arm zärtlich an sich. „Du bist ein 
gutherziges kleines Frauchen, Ingeborg, das 
weiss ich, ich bin gewiss der letzte, der Dich in Deinen 
menschenfreundlichen Bestrebungen hindern will, aber — 
jedes zu seiner Zeit.“ 
Sie presst die Lippen zusammen und schweigt. Sie 
hätte gern noch vieles gesagt, aber sie weiss, dass es 
jetzt keinen Zweck hat. — 
Er kann den Gedanken an das Gespräch, das er mit 
seiner jungen Frau geführt, nicht los werden. Wie hat 
Ingeborg doch gesagt? „Sie haben oft reiche Väter und 
kommen dann zu so einem Weib in Pflege, das noch 
an dem Wurm verdienen will.“ Es ist ja Unsinn — 
purer Blödsinn, dass er dabei an „den* Jungen denken 
muss, an das Kind, das die hübsche, blonde Marie von 
ihm hat — ausgeschlossen, dass es dem Kind schlecht 
geht, er hat ja sein Möglichstes getan — und doch — 
immer und immer wieder peinigt ihn die Idee: es wäre 
doch eigentlich scheusslich, wenn das Kind so verkommen 
würde — es ist doch schliesslich sein Kind, sein Fleisch 
und Blut und war, weiss Gott, ein Staatsbengel. Rosig, 
frisch und dick mit blonden Löckchen und grossen 
dunklen Augen. Fast mit Stolz muss er an ihn denken. 
Gross war die Abfindungssumme nicht, die er der blonden 
Marie gegeben — er hatte ja damals noch keine reiche 
Frau, — aber für solch Wurm — — — — freilich, wenn 
er so denkt, was die Pflege und Wartung der süssen, 
kleinen Hilde kostet! — — 
Zu komisch, wie er sich geändert hat, seit er verheiratet 
ist — ordentlich sentimental, wie ein Backfisch kommt 
er sich manchmal vor. — Und was gar so ein Paar kleine 
Kinderhändchen, so ein liebes, kleines, dummes Dingelchen
        
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