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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

Der Brillantring. 
Skizze von Julius Knopf. 
(Nachdruck verboten). 
Walter Hafke war ein junger Mann von zweiund 
zwanzig Jahren. Schneidig, fesch, elegant, stets nach der 
neuesten Mode gekleidet, zeichnete er sich durch ein 
stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein aus. Das Leben 
hatte sich ihm bis dahin immer nur von der Sonnenseite 
gezeigt. Alle Unannehmlichkeiten und Sorgen waren 
ihm erspart geblieben. 
Sein Vater, ein wohlhabender Berliner Juwelier, hatte 
seinem Einzigen alle Vorteile zu gute kommen lassen, 
die ihm sein Reichtum erlaubte. Erst als Walter das 
zweiundzwanzigste Lebensjahr erreichte, machte der Juwe 
lier dem arbeitslosen Dasein des Sohnes ein Ende und 
nahm ihn zu sich ins Geschäft. 
Die Schwäche des Vaters für den Sohn hörte da auf, 
wo das Geschäft anfing. Wohl Hess er es sich angelegen 
sein, ihn in alle Einzelheiten des Berufes einzuweihen, 
wohl bemühte er sich, ihn über die verschiedenen Arten 
und Qualitäten der Edelsteine und Halbedelsteine zu 
belehren. Aber es fiel Herrn Hafke durchaus nicht ein, 
seinen Sohn mit einer richtigen geschältlichen Mission 
zu betrauen. Dafür erschien ihm sein Walter denn doch 
noch zu unreif und lebensunkundig, um ihm die selb 
ständige Erledigung bedeutender geschäftlicher Angelegen 
heiten zu überlassen. Bür diese zog er seinen bejahrten 
Prokuristen, Herrn Müller, heran. 
Walter Hafke bemerkte diese väterliche Vorsicht wohl, 
die ihm als höchst überflüssig erschien. Er war selbst 
bewusst, wie so viele junge Männer, die noch nichts 
geleistet, und bildete sich ein, es mit den erfahrensten 
Geschäftsleuten aufnehmen zu können. Von seiner Tüchtig 
keit war er vollkommen durchdrungen, und so verschärfte 
sich sein Unmut immer mehr, als der Vater ihn nur mit 
hi ebenarbeiten beschäftigte und seinen Tatendrang unter 
band. Die Erledigung wichtiger geschäftlicher Angelegen 
heiten blieb ausschliesslich Herrn Müller Vorbehalten. 
„Lieber \ater,“ sagte er darum eines Tages im Tone 
höchsten Unmuts, ,diese Zurückstellung ertrage ich nicht 
länger. Du misstraust meiner Erfahrung, aber Du kennst 
mich eben nicht.. Ich bin zwar noch jung, das ist wahr, 
doch in Berlin wird man früh reif. Du hast eben eine 
ganz falsche Meinung über die Jugend von heute. Wir 
leben und geniessen, aber wir kennen dafür auch Welt 
und Menschen. Ich sage Dir, lieber Vater, ich mit meinen 
zweiundzwanzig Jahren habe die Erfahrung eines Sechzig 
jährigen. Na, und älter bist Du nicht und unser Prokurist, 
Herr Müller, auch nicht. Diesen Herrn ziehst Du mir 
gar zu offensichtlich vor. Mich kränkt das. Furchtbar 
kränkt mich das! Also kurz und gut, alter Herr, ich 
bitte, dass Du es mit mir versuchst und mir auch einmal 
eine wichtige Geschäftsbesorgung überträgst. Du wirst 
mit mir zufrieden sein, denn so schlau und vorsichtig, 
wie ihr beide, bin ich noch alle Tage.* 
Herr Hafke senior sah seinen Sohn etwas spöttisch 
an. An die Weltklugheit seines Walters schien er nicht 
so recht zu glauben. Aber er gab seinem Zweifel keinen 
lauten Ausdruck, sondern sagte nur: „Gut, lieber Walter, 
was Du mir gesagt hast, v/erde ich mir durch den Kopf 
gehen lassen. Vielleicht dass —“ 
Er brach ab und rauchte sich eine Zigarre an. Dann 
bot er dem Sohn seine Zigarrentasche: „Willst Du nicht 
auch —?“ 
Walter lehnte ab. ,,Ich rauche nur Zigaretten.“ Er 
nahm sein silbernes Etui aus der Tasche und zündete 
sich eine seiner teuren Zigaretten mit Korkmundslück an. 
Zwei Tage später sagte Herr Halke zu seinem Sohne: 
„Lieber Walter, ich habe mich in Folge unserer letzten 
Unterredung entschlossen, Dich mit einem wichtigen ge 
schäftlichen Auftrag zu betrauen. Unserem Vertreter in 
Cöln soll ich einen Brillantring im Werte von achtzehn- 
tausend Mark übersenden, für den er, wie er mir vorhin 
telephoniert hat, einen Käufer hat. Es ist eines unserer 
besten Stücke. ■ Ich wollte Herrn Müller mit dem Ring 
nach Cöln senden, damit er den Betrag gegebenenfalls 
gleich einkassiert, aber, damit Du Dich nicht wieder zu 
rückgesetzt fühlst, habe ich mich entschlossen, Dir diese 
Mission zu übertragen. Hier hast Du dein Billet erster 
Klasse nach Cöln. Der D-Zug geht morgen früh um 
sieben Uhr, kurz vor sechs bist Du in-Cöln, hast also 
noch Zeit genug, das Geschäft morgen abzuwickeln. Bist 
Du bereit?“ 
„Aber selbstverständlich, lieber Vater.“ 
„Vergiss nicht, dass der Ring einen ungeheuren Wert 
darstellt. Bewahre ihn gut, dass er Dir nicht abhanden 
kommt oder gar gestohlen wird.“ 
„Aber Vater“ — es klang sehr entrüstet — „wie 
kannst Du nur den geringsten Zweifel hegen. Bei mir 
ist der Ring so sicher, wie in dem Tresor der Reichsbank. 
Ich lasse eher mein Leben als den Ring.“ 
„Na, na“ — der alte Herr klopfte ihm gemütlich auf 
die Schulter — „so tragisch wollen wir es doch nicht 
nehmen. Was mich anbetrifft, so ist mir Dein Leben 
unendlich wertvoller als zehn solcher Ringe. Also ruhig 
Blut, und nicht den Kopf verlieren, falls Dir irgend etwas 
Unangenehmes zustösst.“ 
Frühzeitig bestieg Walter Hafke am andern Morgen 
den Cölner Zug. In dem Abteil erster Klasse war er 
der einzige Fahrgast. Der Vater hatte ihm das kleine, 
mit rotem Samt ausgeschlagene Kästchen eingehändigt, 
das den wertvollen Brillantring enthielt und ihm noch 
mals die grösste Vorsicht anempfohlen. 
Das Etui lag sicher in einer inneren Tasche der 
Weste. Der junge Mann konnte der Versuchung nicht 
widerstehen, den herrlichen Ring noch einmal zu be 
wundern. Er knöpfte die Weste auf, nahm das Kästchen 
heraus und öffnete es. 
Ein wundervolles Prunkstück, drei Brillanten vom 
reinsten Wasser. Sie funkelten, glänzten, blitzten — 
er konnte sich nicht genug daran tun, den Blick daran 
zu weiden. 
Auf einmal kam ihm der Gedanke, den Ring aufzuziehen. 
Er passte genau auf den Ringfinger der rechten Hand 
und machte sich ungeheuer vornehm. Er überlegte. 
Weshalb sollte er ihn nicht während der Fahrt auf dem 
Finger behalten! Es war lichter, heller Tag und der Ring 
musste auf seiner Hand zum mindesten eben so gut ge 
borgen sein, wie in der Westentasche. Eher sollte ihm 
der Finger genommen werden, als der Ring. Also beliess 
er das gleissende Juwel ruhig auf seiner gepflegten Hand, 
deren Schönheit durch diesen Schmuck beträchtlich ge 
hoben wurde. , 
Eine Minute vor Abgang des Zuges erhielt Walter 
Hafke Gesellschaft. Eine junge Dame Hess sich in dem 
Abteil nieder. Eine elegante Erscheinung, hübsch, jung 
und üppig, das Haar von jenem metallenen Goldblond, 
dessen Glanz Walter so sehr liebte. Die Dame nahm 
keine Notiz von ihm und machte es sich bequem.
        
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