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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

„Nein, — ich will nur da drin auf- und abgehen. 
Hier ersticke ich. So eng — so —.“ Sie verstummte. 
Vollkommen gleichgültigen Tones sagte er: „Du bist 
eben nervös, mein Kind. — Wollen wir in die Oper?“ 
„Nein.“ Sie schrie es fast. Dort war ja Edi — mit 
ihr! — Ihre Schritte wurden immer heftiger, das Kleid 
rauschte unwillig, zischend. — Ob er heute zum letzten 
Male hier war. Das konnte jetzt jeden Tag eintreten. 
Die Männer sind ja so unberechenbar. Diese Ungewissheit 
war auch der Grund, dass sie heute mit ihm nicht so 
war, wie sonst. Alles hatte sie an ihm geärgert. Sie 
hätte ihn am liebsten gequält, gepeinigt. Aber dann 
jetzt — — wie er gegangen — zur anderen. Und 
doch — —! 
„Ich bitte Dich, lass doch endlich einmal dieses ewige 
Kratzen. Ich sage Dir ja ununterbrochen : nimm’ einen 
andern Hemdknopf.“ 
Der Gatte lässt leise die Zeitung zu Boden rascheln. 
Ununterbrochen — ewiges Kratzen — —? Er halte zum 
ersten Male die Finger in den Kragen gesteckt, da ihm 
heiss war. Und sie sagte „ewiges Kratzen?“ Von einem 
anderen Hemdknopf Statte sie ihm gesprochen? Ununter 
brochen? — Er hörte es jetzt das erste Mal. 
Nochmals wiederholte er die Bewegung; doch diesmal 
mit zitternden Fingern; sein Auge lag lest auf der zer 
streuten, rastlos hin- und hereilenden Frau, deren Gedanken 
weit — weit ablagen. 
„Edi, ich bitte Dich — Du machst mich wahnsinnig. 
Nimm doch einen Hemdknopf von meinem — —.“ 
Er erhob sich. Sie blieb stehen; die Hallucination 
war verschwunden. Trotz der halbdunklen Lampe, die 
sie hatte in der Silhouette ihres Mannes den Rücken Edis 
erkennen lassen, sah sie ein bleiches Gesicht. 
„Es scheint — ich habe verspielt? Ich oder Du?“ 
Lange sahen sie sich stumm in die Augen. 
Wie ein hassvoller Fluch schleuderte sie ihm entgegen: 
„Beide!“ und verliess dass Zimmer. — 
Das Ehepaar galt weiter für das, als was es bisher 
gegolten: als eines der glücklichsten Musterehepaare. 
Der arme Millionär. 
Humoreske von Max Hirtchfeld. 
(Nachdruck verboten.) 
„Sie lassen sich also auch einmal blicken, mein lieber 
Herr Schröder! wie liebenswürdig von Ihnen! seien Sie 
mir herzlich willkommen!“ Der Hofrat drückte seinem 
Besucher herzlich die Hand und wies auf einen Sessel, 
der dem Sitze an seinem Schreibtische gegenüber stand. 
„Wie gebt es Ihnen denn, mein werter Herr Kom 
merzienrat? Ich hoffe, dass Ihre liebe Familie wohl ist, 
— auch Ihre Frau Gemahlin — habe ich — schon eine 
Ewigkeit — nicht — gesehen.“ 
Die letzten Worte hatte der Hofrat etwas zögernd 
ausgesprochen, denn es war ihm aufgefallen, dass der 
sonst so muntere Kommerzienrat fast kein Wort sprach 
und eine ziemlich trübselige Miene aufsetzte. Nun 
musterte er ihn auch etwas genauer, und jetzt ward er 
inne, dass sein Freund Schröder zwar immer noch an 
ständig, aber doch nicht mit der sonst an ihm gewohnten 
Eleganz gekleidet war. In seinem ganzen Wesen lag 
offenbar etwas gedrücktes. 
„Ich danke Ihnen, Herr Hofrat, ich danke Ihnen recht 
sehr“, erwiderte Schröder, indem er jenem seine Rechte 
hinstreckte, die aber nur flüchtig berührt wurde. „Es 
freut mich, dass ich bei Ihnen die alte Freundlichkeit 
wieder finde , übrigens geht es mir wohl, — auch 
meiner Familie, — die Migräne meiner Frau ist augen 
blicklich etwas stärker, als gewöhnlich, aber das hat 
nichts zu segen —“ 
Er murmelte noch einiges in den Bart. Der Hofrat 
kam aus einem innerlichen Staunen nicht heraus, er 
konnte sich das verwandelte Wesen des Kommerzienrate's 
nicht erklären. Sonst konnte es kaum einen stolzeren 
Mann geben, und nun sass er so demütig da, so wie — 
ja, er konnte keinen anderen Vergleich finden — wie 
ein Bittsteller. Aber das war er sicherlich nicht, der 
Hofrat musste über diesen Gedanken lächeln. Kommer 
zienrat Schröder war ja als einer der Reichsten der Stadt 
bekaönt. 
Oder sollte ein plötzliches Fallissement — —? 
„Werter Herr Kommerzienrat! Sie verzeihen eine 
Frage, — ich las in der Zeitung von dem grossen Preis 
sturz in der Zuckerindustrie, — ich hoffe, dass Sie von 
der Krisis unberührt geblieben sind —“ 
Jetzt huschte ein kaum merkbares Lächeln über das 
Gesicht des Besuchers. 
„Ganz unberührt, kann ich nicht sagen, — aber nicht 
zu hart getrofien. Uebrigens haben wir ja jetzt die 
Sauregurkenzeit, eine Periode, in der bekanntlich übqfall 
Geschäftsflauheit herrscht, da pflegt dergleichen eben 
einzutreten.“ 
„Apropos Sauregurkenzeit“, unterbrach ihn der Hof 
rat, „wo haben Sie denn während der ganzen Badesaison 
gesteckt? Als ich mit meiner Familie nach Norderney 
reiste, sassen Sie noch fleissig hinter Ihrem Kontortische, 
und als wir zurückkehrten, fand, man Sie noch immer 
sbei der Arbeit. Wo also 
„Ich? Ich war zu Hause!“ 
„Sie waren zu Hause?“ fragte der Hofrat und wich 
zurück, als ob er auf eine Schlange getreten wäre. „Sie 
haben doch eine Villa in —“ 
„Nun ja, — die habe ich, — aber ich wollte gern 
einmal daheim bleiben.“ 
„Du lieber Himmel“, sagte der Hofrat offenbar be 
stürzt, „das ist doch so etwas ungewöhnliches, man bleibt 
doch heutzutage nicht so ohne weiteres zu Hause, — 
namentlich ein Mann in Ihrer Vermögenslage —“ 
„Nun ja, aber es können doch Fälle eintreten, — 
kurz und gut, ich meine, es ist doch einmal eine Ab 
wechslung. Anstatt sich Sommer für Sommer im Bade 
herumzutreiben —“ 
„Aber ich bitte Sie, Herr Kommerzienrat, das ist 
doch nur eine Ausrede, wie sie von armen Schluckern 
gebraucht wird. Wenn ich mich nicht irre, waren wir 
früher darüber einer Meinung. Der Mensch muss einmal 
im Jahre ausruhen, wenn seine Nervenkraft nicht ganz 
und gar zerrüttet werden soll. AVer hielte es denn aus, 
ohne Rast zu arbeiten und — denn auch das ist eine 
Anstrengung — sich zu amüsieren, was wir Grosstädter 
eben „amüsieren“ nennen.“ 
Der Kommerzienrat hatte zerstreut vor sich hin ge 
blickt, nun griff er das letzte Wort auf. 
„Nicht wahr, Herr Hofrat, auf meinen Soupers haben 
wir uns nicht übel amüsiert, — Sie erinnern sich wohl 
noch das letzte Mal —“ 
„Ja, ja, es war recht schön, — sehr liebenswürdig 
von Ihnen gewesen, mich einzuladen, aber aufrichtig, ich 
habe mich recht oft dadurch versäumt, — Sie wissen ja, 
wie sehr ich in Anspruch genommen bin, — und wenn 
man eine grosse F'amilie hat —“ 
Da Kommerzienrat Schröder nicht antwortete, sondern 
stumm und ein wenig verlegen vor sich hinblickte, kam 
der Hofrat gänzlich ausser Fassung und tat, was er sich 
sonst in seiner Wohlgezogenheit einem Herrn der guten 
Gesellschaft gegenüber nicht erlaubt hätte, er sah unge 
duldig nach der Uhr. 
Und nun geschah das Unerhörte, der Kommerzienrat 
erhob sich, atmete einige Male tief auf und stammelte 
dann mit zu Boden geschlagenen Blicken; 
„Herr Hofrat, wollen Sie mir einen grossen Gefallen 
tun? Borgen Sie mir 100 Mark.“ 
RESTAURANT-KEIMEyER 
69 MOTZ-^*lkSTRASSE69 
WEIN ABTEI LG. 
• ^pupf 
KAMMERMUSIK
        
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