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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

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WIE SONST 
A 1s Lisbeth, das hübsche Ge- 
sichtchen vom dichten Schleier 
ganz verdeckt, die Treppen herab 
stieg, beherrschte sie völlig e i n 
Gedanke: ,Es ist aus. Das war 
das letzte Mal.“ Sie fühlte, wußte 
es, ohne daß Erwin oder sie auch 
nur ein einziges Wort gesprochen 
hatten, das darauf schließen ließ. 
Es war genau so gewesen wie 
sonst au einem der vielen Nach 
mittage, die sie seit einem halben 
Jahre oben in seiner Junggesellen 
wohnung verbracht hatte. Man 
hatte lieb und nett geplaudert 
wie sonst, einander geküßt wie 
sonst, war einander zärtlich in 
den Armen gelegen wie sonst — 
Nein, doch nicht; das eben war’s: 
von Zärtlichkeit und Leidenschaft 
hatte Lisbeth heute nichts verspürt; 
es war so gewesen wie — mein 
Gott, etwa wie eheliche Pflicht 
erfüllung. Wenigstens bei ihr. 
Ob auch bei Erwin? Das wußte 
sie gar nicht zu sagen; darüber 
fehlte ihr das Urteil. Sic war zu 
sehr mit sich selbst beschäftigt 
gewesen, mit ihrem eigenen Emp 
finden. Aber wahrscheinlich war 
diese ihre Gleichgültigkeit entwe 
der eine Spiegelung der seinen 
gewesen oder aber hatte sich ihm 
mitgeteilt. Ja, gewiß war es so. 
Woher sonst auch dieses tiefwur 
zelnde, untrügliche, unerschütter 
liche Instinklempfinden: ,Es ist 
aus. Das war das letzte Mal ?‘ 
Daheim angelangt, wechselte 
Lisbeth mit ihrem Gatten wie 
sonst die wenigen notwendigsten 
Worte und zog sich dann in 
ihr kleines Empfangszimmer zu 
rück mit der Bemer 
kung, sie wünsche 
ungestört zu bleiben. 
Sie holte aus der 
Geheimlade ihres 
Schreibtisches die 
gewisse Kassette her 
vor, entnahm ihr das 
kleine Päckchen, das 
aus Erwins Liebes 
briefen bestand, und 
las sie alle durch, 
vom ältesten bis zum 
jüngsten, O, sie war 
eine gewissenhafte 
Frau. Und eben 
deshalb konnte sie, 
als auch die letzte 
Zeile seiner Schrift 
gelesen war, mit ru 
higem Gewissen sa 
gen: „Es ist aus.“ 
Denn sie hatte beim 
Lesen keinen Atem 
zug lang so empfun 
den — wie sonst. 
Kein Zweifel: eine 
erstorbene Liebe. 
Nun überlegte Lis 
beth noch einige 
wenige Minuten lang. 
Dann stand ihr Ent 
schluß fest. 
,Weißt du, ich bin 
immer lieber die 
Verabschiedende als 
die Verabschiedete. 
Und da ich fühle, es 
ist zwischen uns nicht 
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bereinigt. @S fann fein feinfinnigeceS'UBeifjnadjtSgefdjenf geben, 
©amtliche übrigen CiebfjgberauSgaben beS beroorragenben ©id)» 
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©&&a*3$ertag, <3)lajr Qlfmcrt 3« ©affet 
Qlbfeilung für Jünfftcrifdfc Bud)em6änbe 
ISIBIBI 
illiilllllilll 
mehr wie sonst, komme ich 
dem, was ich von deiner Seite 
kommen sehe, zuvor und ——‘ 
So fing sie zu schreiben an, und 
in diesem Ton und Sinn vollendete 
sie den kurzen Brief an Erwin. 
Als sie am Abend das Haus 
verließ, um zu ihrer Freundin 
Dora zu fahren, nahm sie den 
Brief mit und steckte ihn ohne 
Zögern und Bedauern, ja, mit 
einem kleinen Triumphlächeln in 
die Ritze eines Briefkastens. So, 
nun konnte Erwin ihr auf keinen 
Fall mehr zuvorkommen und sie 
demütigen. Schlimmstenfalls kreuz 
te sich ihr Abschiedsschreiben 
mit dem seinen. ln wenigen 
Augenblicken würde sie unter 
einem halben Hundert anderer 
Bekannter ihren ahnungslosen Ge 
liebten — nicht doch, gewese 
nen Geliebten treffen und be 
grüßen. O, sie war ihrer sicher: 
er würde ihr nichts anmerken, 
nicht das Geringste. Denn so 
wollte sie es. Ob er sich ebenso 
meisterlich verstellen konnte wie 
sie? Darauf war sie gespannt: 
das war jedenfalls das Interessan 
teste am heutigen Abend. 
Lisbeth und Erwin begrüßten 
einander wie sonst, genau wie bei 
jedem Zusammentreffen vor ande 
ren Menschen seit einem halben 
Jahre. Lisbeth spähte verstohlen 
nach einem Blick, einer Geberde, 
die ihn entlarvt hätte, horchte 
scharf auf den Ton seiner Stimme, 
so oft sie mit ihm sprach. Nichts, 
nichts verriet, daß er ihr geschrie 
ben hatte, wie sie ihm, oder doch 
die Absicht hatte, es zu tun. 
Er war ihr also ge 
wachsen in der Ver 
stellungskunst. Das 
schuf ihr Arger und 
Enttäuschung, und 
immer fieberhafter 
spähte und horchte 
sie, ob nicht vielleicht 
doch — Vergebens; 
er war in allem ganz 
wie sonst. Aber 
nein, doch nicht. 
Widmeteer sich nicht 
mit ungewöhnlichem 
Eifer der kleinen, 
für Lisbeths Ge 
schmack viel zu üppi 
gen, fettgepolsterten 
Lona? Sprach er 
nicht viel zu viel und 
viel zu heimlich mit 
ihr? Gewiß. Und 
wie sie lachten und 
wie seine Augen 
glänzten! Es war 
ja allerdings zwischen 
ihnen beiden verab 
redet worden, daß 
er, wenn sie in Ge 
sellschaft einander 
trafen, sich ihr wenig 
widmen und umso 
auf fälliger irgendeine 
andere Frau bevor 
zugen sollte. Aber 
das war heute doch 
nicht wie sonst; das 
war allzu auffällig, 
gradezu skandalös.
        
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