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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

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ach der Vorstellung vieler Provinzler und auch 
einiger Berliner muß die Eingangsstraße zur Hölle 
ungefähr so aussehen wie der Kurfürstendamm. Hier 
treffen sich - wohlgemerkt in derVorstellung jener Leute - 
alle Laster, die derTeufel geschaffen hat:Völlerei, Protzerei, 
Unzucht, Suff — von den weniger natürlichen, erst durch 
Kultur entstandenen, ganz abgesehen. Hier werden hinter 
keusch herabgelassenen Rouleaus bis früh um fünfe 
jene Orgien in Sekt, Schlagsahne und Nackttänzen ge 
feiert, die sich der von Schweiß und Blut des Volkes 
gemästete Schieber so gern leistet. Hier . . . 
Gemach! Einen Augenblick! Es sei den gerechten 
Chronikeur gegönnt, die bekannte „warme Lanze“ für 
diesen Kurfürstendamm einzulegen. Schimpfen ist so 
leicht, und wenn die ungeheure Biederkeit des Mannes 
im Lodenrock mit der Jägerwäsche drunter und dem 
Riesenvollbart um den Hals garnichts Besseres mehr 
weiß, um ^Volksversammlungen die Wähler zu ködern — 
nun dann tobt er eben über den Kurfürstendamm als 
das Symbol der sittlichen 
Verderbnis. Dem historisch 
und kulturell Beobachten 
den aber gebührt es, von der 
Höhe seinesStandpunktes zu 
urteilen und, wie Goethe 
sagte, Mäusedreck von Ko 
riander zu sondern. 
Gewiß : ästhetisch ist der 
Anblick des Kurfürsten 
damms nicht immer erfreu 
lich. Weder seine Bauten 
noch seine Bewohner. Natür 
lich wohnen in diesen oft 
wild gebauten, ja stellen 
weise bunten und meist sehr 
„individuell“ gehaltenen, also 
architektonisch scheußlichen 
Häusern nicht nur Schieber 
und unangenehme Kriegs 
gewinnler. Aber die, dies 
tun, genügen grade. Wenn 
so ein dicker Herr, dem man je nachdem die Münz 
oder Mulackstraße noch recht deutlich ansieht, in seinem 
Fünfzigtausend - Mark - Pelzchen sein Auto für eine 
Viertelmillion besteigt — wo eine noch dickere und 
mit einem Millionenwert an Schmuck behangene Gattin 
bereits dreiviertel desFonds einnimmt —da kann manchem 
gutem Bürger, der sich ehrlich schinden muß, „der 
Papierkragen platzen“, wies in Berlin heißt. Und wenn man 
die Töchter und Söhne dieser Herrschaften, die leider gar 
nichts kräftiges, volkhaftes Ursprüngliches mehr haben, 
sondern wie Hinterhofpflänzchen wirken, die man plötzlich 
in die grelle Sonne setzte, wenn man die ihren „Bummel“ 
machen sieht, ausschließlich auf Sexuelles erpicht, da— kann 
ein etwas cholerisch Veranlagter eine Gallenkolik erben. 
Gewiß, alles richtig. Und wir sind die letzten, die 
diese Krebsschäden verheimlichen wollen. Aber nun 
betrachten wir mal die Kehrseite, in diesem Falle die 
gute dieser so unbeliebten Medaille! 
Zum Donnerwetter, soll denn Berlin, bis 1914 die 
am schnellsten und üppig 
sten aufblühende Stadt der 
Erde, ein Provinznest wer 
den? Wollt ihr durchaus 
unter das Niveau von Bres 
lau oder Stettin (von Leipzig 
oder Hamburg zu schweigen) 
herabsinken? Soll denn 
alles Großstädtische, alles, 
was Fremde anzieht, aus Ber 
lin verschwinden? Laßt das 
Lästern auf den Kurfürsten 
damm und glaubt mir: keine 
andere Stadt der Welt hat 
solche Straße! 
Denn hier konzentriert sich 
alles, was man früher high 
life nannte. Wochentags und 
Sonntags ist der Kurfürsten 
damm voll von schönen und 
mit europäischer Eleganz ge 
kleideten Damen, voll von
        
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