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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

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■Schade, daß man nur die Kehrseite 
der Medaille sieht, sie ist ein wenig 
bloß, während dieKopfseite gerade 
zu puritanisch ist. Das Kleid steigt 
fast bis zur Halsgrube empor. 
Damit böse Zungen nicht sagen 
sollen, sie sei „zu nackt", deshalb 
trägt sie eine Riesenschleife im 
Nacken. Als Trappistin wirkt sie 
auch so noch nicht, aber es ist 
unwahrscheinlich, daß sie das 
beabsichtigt hat. 
D ieses sind die Tage des überwältigend großen 
Dekolletes. Es kam ein wenig überraschend. In 
des — wir Menschenkinder sind Überraschungen nicht 
abgeneigt, vorausgesetzt, daß sie angenehm sind. 
Angenehm ist dies fraglos, nur gehts auch in 
diesem Falle wie so oft in dieser Tränenwell: das 
starke Geschlecht schöpft die Fettaugen von der Suppe, 
sein ist das Vergnügen, zusammengesetzt aus den di 
versesten Sortiments. Wenn auch nicht alle fünf Sinne 
beschäftigt werden, so treten ihrer doch vier in Funktion. 
Ich will ja nicht gerade behaupten, daß sie immer und 
einzig allein eitel Freude erleben — aber das braucht 
uns keine Träne zu entlocken, denn in der histoire 
naturelle des Menschen steht geschrieben, der Mann 
wisse derlei kleine Mißhelligkeiten mit Bravour zu 
umgehen. 
So stehen denn in einem Ballsaal die Herren der 
Schöpfung und Situation, gleichviel ob ausgestattet mit 
angekleistertem Blondhaar oder mit den Resten einstiger 
Pracht, mit Gigerl- oder Biedermannallüren, kritisierend, 
wägend und wählend, was die Frau zu bieten hat? 
Quantitativ? — Hm, die Majorität bietet wenig, herz 
lich wenig, oder viel, übermäßig viel. Nur die goldene 
Mitte zwischen beiden, die hochgeschätzte Gourmandise, 
die fausse maigre ist rar. 
Qualitativ? — Ach, wer wollte ein Urteil fällen, so 
auf den ersten Blick! Nicht alles was glänzt ist Gold 
und umgekehrt — — — Bedünken will es uns ja, als 
obs fehle an „Qualitätsware“, an Frauen, von denen 
nicht tausend, sondern höchstens eine auf ein Dutzend 
gehn. 
Die Siegespalme im Turnier gehört, wie angedeutet, 
der „falschen Mageren“. Oder sind Sie anderer Mei 
nung? Neigt Ihr Geschmack den Überformen derVenus 
von Willendorf aus der Urzeit zu? Oder dessen 
Gegenteil, der Frau mit den Formen eines Clown? 
Da gibts keine Frauenbüsten und runde Frauenschultern, 
auf den Rippen kann man Klavier spielen, wie man 
so zu sagen pflegt. Die Beine könnten die eines Jungen 
sein, denn ihnen fehlt die kritorische Schweifung, die 
den Übergang von der schlanken Fessel zur gerundeten 
Wade bildet. Es entbehrt der Rücken jenes sanft 
weichen Gefälles, das sich, über Grübchen hinweg, in 
tieferen Regionen verliert. 
All dies und das und noch etwas zu ergründen, 
braucht man bloß einen Ballsaal aufzusuchen, denn das 
große Kleid ist gar so klein. Wenn sie ganz schick 
sind, meine Damen, dann tragen sie überhaupt kein 
Kleid, sondern sozusagen nur einen Rock, der irgend 
wie befestigt wird. Sie waren in diesem Falle auch
        
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