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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

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Funden zu erklären. Aber die kostbare Vase kann 
kaputt gehen und fehlt dann im Dutzend. Also lassen 
wir das und kommen wir gleich zum wesentlichen, zum 
in flagranti. 
Also da haben wir 
drei Arten. Zunächst 
die sogenannte D-Zug- 
Art, so nach ihrer Ge 
schwindigkeit genannt, 
und eigenst von mir 
erfunden. Das flagranti 
ist irgend ein kleines 
Mädchen, das sogar 
ein ganz klein wenig 
nach, na, sagen wir 
Leipziger Straße aus- 
sehen darf. Bei diesem 
Scheidungsgrunde wird 
nur die Bluse ganz leicht geöffnet und das Haar ein 
wenig zerzaust. Höchstens, daß auf dem Divan ein 
Strumpfband liegen darf — aber auch nur so quasi 
zur Dekoration. Wenn die Zeugen eintreten, äußert 
die junge Dame diskret: „Siehste wohl, hab icks nich 
jleich jesacht. Abjeklappt!“ und verschwindet ohne 
Schwertstreich. Preis dreihundert Mark. 
Der zweite Scheidungsgrund heißt Bürger. Junge 
Dame aus mittleren Kreisen, Trotteurhut, anständige 
Handschuhe und Stiefel. Hier schon stärkeres De- 
collete, Schuhzeug und ähnliches durch das Zimmer 
verstreut, Haare aufgelöst. Beim Eintreten der Zeugen 
schreit die Dame: „O meine Mutter“ oder auch „Meine 
armen Kinder“ und bedeckt das Antlitz. Auch sie ver 
schwindet diskret sofort nach Beendigung der Szene. 
Preis fünfhundert Mark. 
Der dritte Scheidungsgrund heißt Aristokratie und 
ist bis in die höchsten Kreise außerordentlich beliebt. 
Er findet im Schlafzimmer statt. Die Part 
nerin, vollkommen Dame der Gesellschaft, 
liegt im Bett, und zwar im Evakostüm. 
Bei Eintritt der Zeugen, die aufs 
vornehmste ausgestattet sind — 
für je ein Monokel werden zehn 
Mark extra berechnet — ruft 
die Dame: „Quelle guigne!“ oder 
auch: „O Gott, mein Mann“, oder: 
„Bitte reich mir mein Hemd rüber!“ 
Die Dame erhebt sich erst, nachdem 
Sie selbst das Zimmer verlassen haben. 
Preis tausend Mark.“ — — — — — 
Schlömilch machte eine Pause und räusperte sich. 
Kabelbaum und Gattin saßen da wie die bekannten 
Chinesen, die man mit einem Brett vor den Kopf ge 
hauen hatte. Schließ 
lich brummte Kabel 
baum: „Na ja, sehr 
schön, aber wissen 
Se - “ 
„Versteh, meine Herr 
schaften, versteh. Mo- 
ralischeBedenken;aber 
die sehr verehrten Herr 
schaften dürfen ver 
sichert sein, daß meine 
Angestellten ihrer eh 
renvollen Aufgabe voll 
und ganz bewußt sind. 
Irgendwelche [Sitten 
verderbnis ist bei ihnen ganz ausgeschlossen. Ich 
nehme nur Damen, die mir vom Jünglingsverein bestens 
empfohlen werden. Es ist ausgeschlossen, meine 
gnädigste Frau, daß ihr sehr werter Herr Gemahl irgend 
wie ernsten Aufwallungen ausgesetzt ist. — Dafür 
bürgt außerdem — “ 
„Mein ick ja jarnicht“ grinste Kabelbaum. Und auch 
die Gattin äußerte: „Was kann ihm schon groß passieren?“ 
„Soso, meine Herrschaften, noch ein anderer Punkt? 
Ich glaubte — .“ Pause. 
„Gewiß, gewiß, meine Herrschaften, ich weiß, der 
Preis ist Ihnen zu hoch. Sie suchen, was man so eine 
occasion nennt. Auch damit kann ich natürlich dienen; 
und bin ich in der angenehmen Lage, Ihnen die be 
treffende Dame bestens zu empfehlen. Nicht mehr ganz 
so jung, aber nett und sehr rundlich und von durchaus 
angenehmen Umgangsformen. Ich habe die Dame bei 
mir, unten im Auto. Ich gestatte mir, sie sofort herauf 
zuholen. Preis 256 Mark, auch 80 Pfennig. 
Es ist meine Frau Gemahlin.“ 
Schlömilch sprang auf und lief zur 
Tür. Kabelbaum ihm nach. Schon 
auf dem Korridor drehte er sich 
um und flüsterte dem Schei 
dungskandidaten ins Ohr: „Übri 
gens, bei näherer Bekanntschaft 
erhöht sich der Preis netto 
um 32 Mark, 20 Pfennig, sodaß 
es alles in allem genau auf 290,— Mark 
kommt, aber immer noch zehn Mark billi 
ger als der flagranti, Abteilung 1
        
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