Path:

Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

15 
^p^ver neunte November. Zu allem Glück feiert auch noch die 
/ iHochbahn Revolution. Der Aboag gleicht einem Bienenkorb, 
/ -/ an dem die Bienen in schweren Dolden hängen. Arthur steht 
mit einem Fuße auf der Treppe, mit dem andern auf dem Gehwerk 
zeug irgendeines Mitbürgers. Da keucht ein kleiner, rothaariger 
Herr kurz vor dem Lützowplatz hinter dem Wagen her und schreit 
in höchsten Tönen: „Schaffnerlein, Schaffnerleinchen! Ach, nimm 
mich doch mit“. Der Aboag fährt langsamei, Arthur aber beugt sich, 
alle seine Athletenkünste zusammenraffend, hinaus und hebt den 
kleinen Mann auf die Plattform. 
Arthur: Mäxchen, famos! Seh ich dich auch mal in Zivil! 
Was willst du denn hier oben? Warum bleibst du heut nicht zuhause? 
Mäxchen: Heut zuhause? Ich fahr doch in die Stadt, um einen 
Streik zu organisieren! Ein süßes, kleines Streikelein! 
Arthur: Nanu? Reicht dir nicht, was uns augenblicklich ge 
boten wird? Was willst du denn auch noch streiken? Einen 
Theaterstreik machen hat keinen Zweck, mein Junge; dich schleppen 
sie wewaltsam auf die Szene! 
Mäxchen: O nein, Herr, Herrlein! Kein Theaterstreikchen! 
Ein Geschlechtsstreik wird inszeniert! Sämtliche Weiberlein von 
Berlin müssen ran — oder vielmehr nicht ran! Es lebe Lysistrata! 
Nieder die Liebe! 
Arthur: Aber Mäxchen, warum denn? Wo doch das büschen 
Liebe schließlich noch das Einzige ist, was uns bleibt? 
Mäxchen; Was nützt mir das Liebelein ohne Licht? Stell 
dir vor einen jungen Ehemann, der endlich eine Wohnung gekriegt 
hat! O frivol ist ihm am Abend! Aber dunkel ists im Häuschen! 
Die Stimme seiner holden Flitterwöchnerin kennt er noch nicht so 
genau, außerdem ist sie belegt — 
die Stimme natürlich, von der 
Grippe! In der Dunkelheit irrt er 
sich und geht ins Kämmerlein der 
Dienstjungfrau! Entsatzelich! 
Streik! Ich verlange Streik! Das 
Siegel der Keuschheit auf alle 
Weiber, bis es wieder Licht gibt! 
Arthur; Und den willst du 
jetzt organisieren? 
M ä x ch e n : Jawohl ! Ich, das 
Mäxchen! Das Theater fängt los! 
Die ganzen kleinen Mädchen wollen 
schon lange nicht mehr! Nieder 
mit der Valuta, rufen sie! Die 
halten sie nämlich für eine Kon 
kurrentin, weil der verehrte Herr 
Freund immerfort über sie stöhnt! 
Wir machen einen Demonstrations 
zug die Linden lang, ich vorneweg 
mit der Fahne, mit der sinnigen 
roten Fahne natürlich! 
Arthur: Laß das lieber sein, 
Mäxchen! G, h ins Theater, da 
" as *- ^.l 1 unc ^ andere mehr davon! 
M ä x ch e n : Ach ja, wie gerne 
möchte ich wiedermal! Aber ich 
komm ja nicht dazu! Erzähl mir 
was vom Theater! Ich armer Blöd 
sinniger möchte mal was von wirk 
lichen Dramen hören und sehn! 
Arthur: Dann geh zu Jesner, 
Richard III. Das großartigste, was 
es seit Reinhardts Landung in 
Berlin gegeben hat! Dein Kollege 
Jahr 
Aber, na 
Was tut 
Berlin! 
ge- 
AUTOMOBILE 
Unter den Linden 42 
Kortner, dieses Scheusal, ist zurzeit das prächtigste schauspielerische 
Genie in Berlin — du verzeihst schon, Mäxchen! 
M ä x ch e n : Aber, was kümmert mich das an, nächstes 
bin ich doch von der Rotte Kohra verschlunchen! 
Arthur: Nanu, Mäxchen, du willst weg? 
Mäxchen: Nein, so meint ich das grade nicht! 
überhaupt und insotief! Ich armes Einsiedelkrebselein! 
sich sonst in Kreditaktien —• ach verzeih, ich meinte, in 
Arthur: Nun, es wird schon wieder munter getanzt! In der 
Philharmonie zwei Amateurkonkurrenzen, auf denen paradiesisch gut 
getanzt wurde. Schade nur, verschiedene unserer besten Craks 
waren nicht erschienen, denen wars im Saale nicht warm genug! 
Im Esplanade das Fest der Terra-Filragcsellschaft am letzten Sonn 
abend — da hab ich mich am besten amüsiert! Alle Augenblicke 
kein Licht! Rechts und links und vorn und hinten so viele schöne 
Schultern, Rücken, Brüste „mit ohne dran" — ich bin für F'orldauer 
des Lichtstreiks in solchen Fällen! 
Mäxchen; Du bist ja ein ganz unmoralisches Herrlein! Und 
das will hier in Berlin, der Stadt der Sittlichkeit, den Lebejüngling 
spielen! Das setzt dem Faß die Krone auf! 
Arthur: Entrüste dich nicht, mein Goldjunge! Wir sind ja 
alle so moralisch geworden — und jetzt zieht man uns von unserm 
bißchen Unmoral noch täglich eine halbe Stunde ab! Elf Uhr 
Reslaurationsschluß! Und seines Lebens ist man nicht mehr sicher 
in den großen Hotels! Alles wird beschlagnahmt! Ich bin wirklich 
deprimiert, ganz im Ernst: was ist aus imserm famosen Berlin 
worden! Und was soll aus ihm werden?! 
Mäxchen (sehr ernst); Was es früher gewesen ist: die Stadt 
der Arbeit. Da helfen wir alle! 
Und ich nicht zuletzt: bei mir lachen 
sich die Leute gesund und arbeits 
kräftig für eine ganze Woche! Und 
wenn ich mir die Sache recht über- 
lege — die Sache mit Lolachen, 
weißt du, — dann find ich: wir 
kommen schon wieder hoch! Die 
Berliner sind zu tüchtige Kerls, 
und wenn sie auch zu neun zehntel 
aus Ostdeutschland stammen. 
Arthur: oder noch weiter 
südlicher — 
Mäxchen: Sie Frechling! 
Weißt du nicht, wen Sie vor sich 
haben? Übrigens, ich steig hier am 
Brandenburger Tor ab! Ich eile 
in die Arme meiner Geliebtesten! 
Arthur: Nanu, schämst du 
dich nicht! 
M ä x ch e n ; Nein. Meine Ge 
liebte ist eine große Künstlerin 
und wunderschöne Frau — aber 
meine Geliebteste: das ist das 
Theater! 
Mit diesen Worten läßt er sich 
auf den Asphalt plumpsen. Arthur 
grüßt ihm nach, bewundert und 
beneidet ihn, tröstet sich aber da 
mit, daß seine Geliebte — auf zwei 
wunderschönen Beinchen — zwar 
nicht ganz so idea IwiedieMäxchens, 
aber dafür leichter zu umarmen ist, 
was er in zehn Minuten zu tun 
beabsichtigt. Figo.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.