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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

„Hier muß man also abladen?“ fragte der kleine ßellmann und 
streifte mit seinen neugierig funkelnden Augen den schwarzgekleideten 
Herrn, der, hinter einem Tische thronend, jeden Ankommenden mit 
scharfen Blicken musterte, um Unberufene oder unnütze Frager im 
Kommandoton „abzuwimmeln.“ 
„Jawohl, fünfzig Mark Eintrittsgeld und zwanzig Mark Monats 
beitrag“, belehrte Rolf, während er einem kleinen, wohlbeleibten 
Herrn, der breitspurig am Treppenabsatz stand, zuwinkte, was jener 
mit hoheitsvollem Kopfnicken erwiderte. Er war der Vorsitzende 
der N. G. und daher in seinen Augen von eminenter Wichtigkeit. 
„Ein bißchen reichlich, aber das Vergnügen ists wert“, flüsterte 
Bellmann gut gelaunt und legte einen Hundertmarkschein auf den 
Tisch vor dem Herrn mit der strengen Miene. Als dieser dreißig 
Mark herausgeben wollte, schob Bellmann den Schein zurück mit 
der Bemerkung: „Bitte als kleinen Extrabeitrag zu behalten.“ 
Der beleibte Herr verlor etwas von seiner repräsentativen Würde 
und komplimentierte die beiden Freunde, nachdem sie ihre Garderobe 
abgelegt hatten, persönlich in den Saal. Er war schon ziemlich gefüllt. 
Herren und Damen, offensichtlich sehr verschiedener Gesellschafts 
kreise, hatten an kleinen Tischen Platz genommen und lauschten den 
Klängen des Orchesters; 
Bellman schaute sich mit seinen vergnügten Äuglein lüstern um. 
Da erlosch die Saalbeleuchtung. 
Das erste Bild: „Was wir wollen“ war eine allegorische Dar 
stellung der Bestrebungen des Vereins. 
„Viel Fleisch!“ flüsterte Rolf dem neben ihm 
sitzenden Bellmann zu. 
„Aber viel zu viel Schleier!“ 
gab dieser murrend zurück. 
Man applaudierte. Der Saal 
wurde wieder hell. Man plauderte 
und betrachtete sich gegenseitig neu 
gierig, denn jeder suchte in dem 
andern einen speziellen Gesinnungs-, 
Geschmacks- oder „Richtungs“- 
Genossen. 
Wieder verlosch das Licht. Die 
ägyptische Tänzerin trat auf. Sie 
entschleierte sich mehr und mehr, 
und je mehr sie sich entschleierte, 
desto heftiger wurden die kleinen 
Rippenstöße, die Bellmann seinem 
Nachbarn versetzte. 
Da kündigte der Konferenzier 
schon das nächste Bild an: Adam und 
Eva vor dem Sündenfall, und laut 
lose, andächtige Stille verbreitete 
sich. 
„Das kommt ja immer besser!“ flüsterte Bellmann beglückt und 
preßte Rolfs Arm. Und es kam immer besser. — 
Kaum waren Adam und Eva durch ein Klingelzeichen zwar nicht 
aus dem Paradiese, wohl aber von der Bühne vertrieben, da kün 
digte der Vorsitzende eine Einlage an. 
„Meine Damen und Herren! Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit 
für das Kunstwerk „Die Gerechtigkeit“. Eine von den Damens . ..“ 
BeUmann trat bei dieser kleinen Entgleisung Rolf auf den Fuß, so 
daß er unwillkürlich „Au!“ schrie. Ein strafender Blick des Vor 
sitzenden traf die Dunkelheit, die Bellman und Rolf einhüllte, dann 
wiederholte er mit erhobener Stimme: „Eine von den Damens unserer 
Gesellschaft stellt dies Bild nach einem berühmten Gemälde. Ich 
bitte um Ihre größte Aufmerksamkeit.“ 
Der Vorhang rauschte in die Höhe. Bellmanns Blick begleitete 
sein Hinaufrollen mit den Augen. Er sah ein kleines Podium, dann 
ein Paar schlanke Beine, dann mehr und mehr und endlich die Ge 
rechtigkeit in voller, harmonischer Nacktheit einer pikanten Blondine, 
die Augen verbunden, in der Linken die Wage, in der Rechten 
das Schwert. 
Je höher der Vorhang stieg, desto länger wurde Bellmanns Hals; 
es war, als zöge der Vorhang ihn mit aus. 
Jetzt schlug die Vorhanglatte dumpf oben an die Holzverkleidung, 
als wollte sie sagen; „Bis hierher und nicht weiter!“ da wurde 
Bellmann von nervöser Unruhe ergriffen. Keuchend und aufgeregt 
fuhr er hin und her, so daß Rolf sich vergeblich bemühte, einen 
ruhigen Blick auf das Bild zu werfen. 
„Stille doch, ich kann ja nichts sehen“, sagte er unmutig und 
drückte Bellmanns Hand, die ihm, wie absichtlich, immer mit dem 
Programm vor den Augen fuchtelte, gewaltsam herab. — Da stutzte 
er. — Auch er reckte den Hals, und plötzlich griff seine Hand nach 
der des Freundes. Sie war eiskalt und mit Schweiß bedeckt. — 
„Das ist doch“ . . . begann er aufgeregt, besann sich dann aber 
und vollendete: „merkwürdig.“ 
Diese aus vor Erregung trockener Kehle hervorgestoßenen Worte 
mischten sich mit dem leisen Stöhnen des kleinen Bellmann, der 
einen Moment seinen Freund mit krampfhaftem Lächeln anschaute. 
„Das ist doch“ .. . wiederholte Rolf halb geistesabwesend, und 
Bellman fiel rasch ein: „Die kleine Lilli vom Metropol. Nicht? — 
Fabelhafte Ähnlichkeit. Bleib mal ruhig sitzen. Ich werde mal 
nachsehen. Du bleibst aber ruhig sitzen!!!“ 
Bellmann war plötzlich von quecksilberner Lebendigkeit und 
entwischte in das Dunkel, zum Bühnenausgang hin, von dem die 
Darsteller zu ihrem Garderoberaum hinüber mußten. 
In diesem Augenblick senkte sich der Vorhang zum letzten 
Male und ließ eben als Letztes die schlanken Beine der „Gerech 
tigkeit“ verschwinden. 
Rolf blickte sinnend der ver 
schwindenden Schönheit 
nach und murmelte: „Merk 
würdig! — Den Leber 
fleck da an der linken 
Wade — den kenne ich 
doch!“ — Dann versuchte er seinem 
Freunde Bellmann zu folgen, denn 
man erhob sich allgemein, da die 
Pause begann. 
Eben klinkte Rolf die Verbin 
dungstür zu dem Gange auf, da 
hörte er zwei kurze Schreie, von einer 
tiefen und von einer hellen Stimme, 
und dann Bellmann vorwurfsvoll: 
„Aber Ada, ich denke, so etwas 
siehst du dir überhaupt nicht ah!“ 
„Ich habe mir auch gar nichts an 
gesehen; die Augenbinde ist ganz 
dicht!“ war die erregte Entgegnung. 
Rolf schmunzelte und zog sich 
diskret zurück. „Sie hat wieder mal 
recht!“murmelte er. „Ich aber auch!“ 
IO
        
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