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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

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D u mußt auf alle Fälle mit 
kommen; du mußt Mitglied 
werden. Es ist eine ganz famose 
Sache!“ sagte Dr. Rolf Bernd be 
geistert zu seinem Freunde, dem 
behäbigen FViedrich Bellmann, 
Getreide engros. Er hatte zwei 
weiße Blätter in den schlanken, 
sehnigen Händen und las daraus 
vor, wobei auf dem feisten Gesicht 
Bellmanns die verschiedensten Em 
pfindungen spiegelten. Es mischten 
sich Neugier, faunisches Behagen, 
Lüsternheit, halbe Abwehr und 
nervöses Lauschen nach einer mit 
dichter Portiere verhangenen Tür 
hinein. Er legte die Hand auf Rolfs Arm und sagte leise mahnend: 
„Nicht so laut! Meine Frau kann jeden Augenblick hcreinkommen.“ 
„Ach -so“, lächelte Rolf und fuhr gedämpft fort: „Also hier: 
Schönheitsabend. Erster Teil: Musikalische Unterhaltung. Na, 
das ist nichts. Nun aber kommts. Zweiter Teil: „Was wir wollen. 
Plastische Gruppe. Ägyptischer Schleicrtanz. Adam und Eva vor 
dem Sündenfall.“ 
„Alle Wetter! Alle Wetter!“ schmunzelte Bellmann. „Und das 
ist alles so . . . so . ..“ 
„Naturalistisch“, fiel Rolf ein und lächelte vielsagend. 
„Wirklich so ganz ohne...?“ „Jawohl; alles mit ohne. 
„Das ist ja großartig! Großartig ist das!“ sagte Bellmann, stand 
auf und rieb sich die fleischigen Hände. „Das muß ich sehen. Das 
muß ich unbedingt sehen!“ 
„Also, lieber Freund, komm mit und werde Mitglied der N. G. 1 
Bellman blieb stehen. „N. G.? — Was heißt denn das? 
„Naturalistische Gesellschaft.“ 
„Ach so! Naturalistisch nennt man das jetzt! Ich dachte schon, 
N. G. hieße Nackte Gruppen“, setzte er verschmitzt lachend hinzu. 
„Nee, nee, lieber Freund, die Sache hat einen ernsthaften 
Hintergrund ..." 
„Was hat einen ernsthaften Hintergrund?“ unterbrach Frau Ada, 
die in diesem Augenblick durch die Portiere trat und Rolf ihre 
ringgeschmückte, kleine, zarte Hand mit gewinnendem Lächeln ent 
gegenstreckte. „Wovon sprechen die Herren?“ 
„Ach, wir sprechen nur so im allgemeinen“, sagte Rolf verwirrt 
und versuchte die Einladung vom Tische zu nehmen. Frau Adas 
scharfe Augen aber hatten die Blätter schon entdeckt. Sie streckte 
die Hand darnach aus. 
„Was haben Sie denn da? Wohl wieder eine Einladung für den 
Sportverein? Nein. — Was ist denn das?... Ach, das ist ja in 
teressant!“ Eilig flogen ihre Blicke über Einladung und Programm, 
während sie sich in einen Stuhl gleiten ließ und die Beine über 
einander schlug, so daß deren vollschlanke, grazile Schönheit sich 
klar unter dem Stoff des Seidenkleides abzeichnete. 
Die Herren tauschten Blicke hinter dem Rücken der schönen 
Frau, ohne sich jedoch recht verständigen zu können, wie sie sich 
benehmen wollten. Jetzt ließ Frau Ada ihre Hand, die die Blätter 
■ hielt, sinken und blickte mit einem Gesicht, das nichts von ihren Ge 
danken verriet, Rolf fragend an. „Sind Sie Mitglied des Vereins?“ 
„Behüte, gnädige Frau“, beeilte sich Rolf zu entgegnen, „Ein 
Freund von mir hatte die Einladung bekommen und ich sprach nur 
eben mit Fritz über diese Bestrebungen.“ 
„Und was ist Ihre Meinung?“ „Nun . .. man sollte .. . wenn 
gleich“, begann Rolf mehr ungeschickt als diplomatisch. 
„Ja, ja, ich weiß schon“, schnitt 
Ada seine Ausführung ab, und 
blickte gedankenvoll in das Pro 
gramm. „Was heißt das eigentlich 
hier: Damen und Herren aus dem 
Kreise unserer Mitglieder, die in 
den plastischen Gruppen mitwirken 
wollen, werden gebeten, sich 
te'ephonisch an unser Sekretariat 
Amt Rheingau 17845 zu wenden?“ 
„Nun . .., wer irgend ein Bild 
stellen will, muß sich dort melden“, 
entgegnete Rolf tastend. 
„Ganz recht. Und was für 
Bilder sind das?“ 
„Sie sehen ja: Adam und Eva 
vor dem Sündenfall, die schlafende Venus“, sagte Rolf mit viel 
sagendem Lächeln. 
„So, wie man sie auf den Gemälden sieht?“ Rolf nickte. 
„Und das stellen Damen und Herren aus dem Verein?“ 
„Sieh mal, liebes Kind, du mußt das nicht so auffassen“, mischte 
sich Bellmann ins Gespräch. 
„Was weißt denn du von meiner Auffassung, Friede!?“ wies 
ihn Ada ab und blickte ihn groß an. 
Dann wandte sie sich an Rolf: „Mittwoch ist die Veranstaltung? 
Da werden Sie natürlich mit Ihrem Freunde hingehen.“ 
„Behüte, ich gehe nicht. Und mein Freund Arthur auch nicht. 
Ich habe von Arthur Jessen das Programm und wir spielen doch 
Mittwochs immer unsern Skat im Klub. Nicht wahr, Bellmann?“ 
„Ja, Mittwoch ist unser Skatabend“, bestätigte Friedei Bellmann. 
„Aber wenn du dir das etwa ansehen willst. . .“ 
„So etwas sehe ich mir überhauptnichtan“, entschied Frau Ada kurz. 
„Aber wir!“ flüsterte Bellmann seinem Freunde zu und kniff 
ihn in den Arm, als sie das Zimmer verließen. 
Nachdem die Herren gegangen waren, blickte Frau Ada ein paar 
Augenblicke überlegend auf das Programm, das zurückzugeben sie 
wohl vergessen hatte. Dann nahm sie den Hörer des Telephons 
aus der Gabel und rief: „Bitte: Amt Rheingau 17845“... 
♦ 
Es war Mittwoch. Auf der breiten Freitreppe des „Tivoli“, in 
dem die N. G. ihr Fest veranstaltete, drängten sieh ^ie Gäste. 
Zeichnungen von Erich Godal
        
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