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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

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ganz besonders das Großzügig-Praktische mit 
dem Schönen zu verbinden hat, sowie vom 
Wohn- und Schlafzimmer, wo die Forderung 
des Bequemen die des Gesunden notwendig 
cinschließt. Natürlich spielt auch die Größe 
des einzurichtenden Raumes eine bedeutsame 
Rolle für seinen Inhalt; starke, reichverzierte 
Säulenpfeiler setzen prunkvolle, weitausladende 
Räume voraus und würden andernfalls weniger 
großartig als g e r n e g r o ß artig wirken. Das 
rechte Verhältnis ist wie in allen Kunst- und 
Lebensformen auch hier von nicht zu unter 
schätzendem Wert Die malerische Frage, ob 
etwas gut im Raum steht, ist für die Innen 
architektur gradezu Lebensfrage. 
Und so müssen auch die Menschen gut im 
Raume stehen, wenn ein harmonisches Ver 
hältnis zwischen ihnen und ihrer Umgebung 
herauskommen, wenn dem Subjekt vom Ob 
jekt ein gutes Prädikat erteilt werden soll. 
Hie gradlinig, hie geschwungen; gemalt oder geschnitzt; 
einfach oder reichverziert: so schwingt auch hier der Pendel 
der Zeit im Wechsel ewiger Wellenbewegung, oft auf früheres 
zurückgreifend, die Grundformen der Möbel, die zum Teil 
recht früher Herkunft sind, bleiben, trotz aller Umformung 
im einzelnen, die alten. Was Meister Boule an Intarsien 
durch Schildpatt und Elfenbein erfand, was Mr. Chippen 
dale als epochemachende Neuheit aufbrachte, hat nur noch 
historischen (wenn auch geldlich sehr bedeutenden) Wert, und 
wenn dieser seine Entwürfe als die „elegantesten und nütz 
lichsten Zeichnungen fürWohnungs-Ameublementin gotischem, 
chinesischem, oder modernem Geschmack“ herausgab, so ist 
in dieser Ankündigung besonders das Hervorheben der 
„Modernität“ interessant. Denn das Moderne, wie sehr auch 
bewundert und verwöhnt und über das Veraltete lächelnd, 
wird morgen immer wieder die Mode von gestern sein, von 
dieser allgemein gültigen Wahrheit ist der Stil der Umgebung, 
die wir uns schaffen, nicht ausgenommen. „Wenn er selig 
einst verstorben, wird er auch ein Ahne sein!“ Das Voll 
kommene ist nicht von dieser Welt, auch von dieser Moden 
welt nicht, oder wie einmal witzelnd gesagt wurde: präsens 
imperfectum, perfectum futurum • die Gegenwart ist un 
vollkommen, vollkommen ist nur die Zukunft. Hoffen wir, 
daß dem, was wir heute in unsern Räumen mo iern nennen, 
wenigstens eine möglichst lange Zukunft beschieden sein 
möge. 
P. Inguis. 
Das ist nun freilich nicht durchgängig der Fall — 
wo sollten auch die Witzblätter bleiben, wenn das 
rechte Einvernehmen zwischen Bewohnern und 
Bewohntem immer vorhanden wäre! Es ist schade 
um die — Räume! sagt ja wohl Strindberg irgendwo. 
Das Gesetz, das von aller menschlichen Entwickelung 
und Veränderung gilt, daß nämlich jede Generation 
im stolzen Gefühl des Überwinders auf die vorige 
herabschaut, paßt im allgemeinen wohl auch auf die 
Möbelstile. Auch hier triumphiert die Königin Mode, 
deren Reich freilich immer nur von kurzer, ja oft win 
ziger Dauer ist. Wer sichs leisten kann, „richtet sich 
dann neu ein“ und ist froh, wenn er das alte aus den 
Augen bekommt, bis er eines Tages noch froher wäre, 
wenn er es wieder für teures Geld zurückkaufen könnte. 
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Das auf dem mittleren Bilde wiedergegebene Interieur stammt aus dem Hause 
Friedmann & Weber, die beiden andern aus dem Hause Paul Redelsheimer
        
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