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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

/'-J) ^Veit Diogenes in seiner sagenhaften Tonne wohnte 
V^^/und keinen andern Wunsch hatte als sich die Sonnen 
seite nicht verstellen zu lassen, hat sich in den Wohnungs 
bedürfnissen manches geändert. Immer aber haben sie 
sich den Luftverhältnissen und bis zu einem gewissen 
Grade auch den Artunterschieden des Menschen ange 
paßt, oder, um deutsch zu reden, Temperatur und Tempe 
rament waren die Träger der Entwicklung des Hauses 
sowohl wie seiner Ausstattung. Die Sitte des Alter 
tums, bei Tische zu liegen, gab dem Tischler ebenso 
die nötigen Richtlinien, wie die englische Wesensart in 
der steifen Gradlinigkeit und dem Behagen des Sich- 
auslebens nach Bewegung und Körperform zum Aus 
druck kommt. Wer zwischen den Wänden zu lesen ver 
steht, erkennt an den Möbelstücken, ihrer Auswahl und 
Anordnung gar bald, aus welchem Holz die Bewohner 
der sie beherbergenden Räume geschnitzt sind. Wo 
durch sich aber die Möbel auch unterscheiden mögen, 
zwei Forderungen müssen sie wie jedes Stück des Kunst 
gewerbes erfüllen, zwei Eigenschaften sich in ihnen 
durchdringen, Bedürfnis und Geschmack, und wenn, wie 
es ja häufig geschieht, Künstler sich an ihnen ver 
suchen und dabei vergessen, daß der Mensch mehr oder 
weniger viele Pfund wiegt, daß aufzubewahrende Gegen 
stände mehr oder minder viel Raum verdrängen und be 
anspruchen, so haben die auf diese Weise zur Welt 
kommenden „Kunstwerke“ ihren Beruf verfehlt. Da 
heißt es Farbe bekennen, und schön, bequem und fest 
muß hier die Trikolore sein. So aber jemand der 
Ansicht wäre, der Eigenschaften seien noch zu viele, 
denn grade das Zusammenwirken der beiden letzteren 
zum Zweckmäßigen mache ja die Schönheit von Ge 
brauchsgegenständen aus, so wäre gegen solche Meinung 
nicht eben viel einzuwenden. 
Daß die Ausstattung des einzelnen Raumes seiner 
Bestimmung entsprechen muß, scheint selbstverständ 
lich und wird doch häufig nicht genügend beachtet, 
oft dürfte hier weniger mehr sein. Eher darf ein 
nicht durchaus notwendiges Stück fehlen, als daß eins 
hineingestellt wird, das zum Wesen des Raumes nicht 
paßt. Das schönste Speisezimmer ist ohne Zweifel 
das, das nichts enthält wie Tisch und reichlich Stühle, 
das Büffet möglichst in den Ausschnitt der Täfelung 
eingefügt oder in ihr verborgen (wenn auch ein im 
mobiles Möbel eigentlich ein Widerspruch in sich selbst 
ist). Daß der Wandschmuck der Eigenart des Raumes 
angepaßt sein muß, braucht nicht hervorgehoben zu 
werden. Das gleiche gilt vom Bibliotheksraum, der 
Das auf dem mittleren Bilde wiedergegebene Interieur stammt aus dem Hause 
Friedmann & Weber, die beiden andern aus dem Hause Paul Redelsheirner.
        
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