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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

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Von A ff r e d Danzer 
T T Tarum ich seit einer Woche regfelmäßig schon nach 
r. Kmittags in den Klub komme und erst nach Mitter 
nacht verschwinde? Ach Kinder, ich hab ja solches Pech 
in der Liebe gehabt — das gibts wahrhaftig überhaupt 
nicht wieder! 
Also Ihr [wißt doch, mit meiner Rita lebte ich sehr 
glücklich. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag um halb 
vier erschien sie in meiner Wohnung, blieb zwei Stunden, 
brachte mir den mit Recht so geschätzten Himmel auf 
Erden und verschwand sodann wieder'in den Schoß der 
Familie zurück. Das ging nun schon drei Jahre sehr 
nett so. 
Ich war ihr buchstäblich treu. Wenn die jüngeren 
Herrn Klubmitglieder etwas weniger grinsten, wär ich 
ihnen dankbar. Glaubt mir, o glaubt mir, junge Herren: 
die Treue ist besonders dann kein leerer Wahn, wenn 
der Divan nicht leer ist! Diener, einen Hennessy! Prost. 
Aber da lernte ich neulich in Warnemünde im Spiel 
saal eine kleine Person kennen — Gattin von irgend 
einem hohem Beamten oder sowas — sie hatte stark 
verloren und kämpfte mit den Tränen — ich, vornehm 
wie ich mich habe, und so weiter und so weiter. Also 
seitdem kommt sie jeden Dienstag, Donnerstag und 
Sonnabend pünktlich um halb vier. Elli heißt sie. 
Was, wie lange ich diese pace ge 
standen hab? Ach Gott, sechs Wochen. 
Guter Gaul muß im Training bleiben, 
sonst setzt er Fett an! 
Also vorletzten Montag — ich hatte hier gegessen — 
nein, Diener, ich nehme keinen Sellerie mehr. Auch 
den Paprika können Sie wegnehmen! — also ich komm 
gerade so noch um halb vier bei mir in der Gabels 
berger Straße glücklich an. Ich war recht froh, daß ich 
nicht zu spät kam, denn Rita liebt das nicht. Sie ist 
selbst sehr pünktlich. Ich warte und warte — sie kommt 
nicht. Schließlich tu ich, was streng verboten ist: ich 
telephonier bei ihr zu Hause' an. Die Gnädige hätte 
Kopfschmerzen und käme nicht an den Apparat. Auch 
gut, denk ich: sie wird ja warten können! Solls Elli 
morgen doppelt gut haben! 
Sieh da: es wurde am Dienstag halb vier, vier, halb 
fünf, fünf und später: Elli kommt nicht! Ich läute an: 
Die Gnädige habe Kopfschmerzen und so weiter! 
Also — was soll ich Ihnen lang erzählen? Die ganze 
Woche durch dieselbe Geschichte. Mir fing allmählich 
an schwül zu werden — lieber Gott, man ist doch sein 
bißchen Liebe genau so gewohnt wie seine Mogul und 
sein Gläschen Benediktine — und wenn das auf einmal 
aussetzt. Am Sonnabend Abend war 
ich drauf und dran, ins Palais zu 
fahren. Ich kämpfte mit mir wie ein 
Löwe und blieb, wie immer, Sieger:
        
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