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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

Dunkelheit rings umher. Nasse Wolkenfetzen. Unheimliche, 
unergründliche Stille. Minuten, Viertelstunden, Stunden. 
„Wo mögen wir sein ?“ 
Und wie eine Antwort auf ihre Furage plötzlich hindurch durch 
grauschwarzes Wolkengehudel aus schwarzstarrender Tiefe ein 
Rauschen. Monotones Rauschen windgepeitschter Wassermassen. 
Sie fing an leise zu weinen. Sie wußten es: hier dehnte sich 
die Ostsee in unabsehbarer Breite. Hunderte, viele Hunderte von 
Kilometern. Bis ans kurländisch-livländische Ufer. Vielleicht bis 
Estland? Wer konnte es wissen? 
Ein letzter Kognakrest war im Thermos. Er setzte ihn an den 
Mund und leerte ihn bis zur Neige. Ilse stürzte den Inhalt der 
Benediktinerflasche in hastigen Zügen hinunter. Feuer. Wärme. 
Ihre Augen brannten. Sie warf die leere Flasche über Bord. Er 
erhob sich und entleerte einen der drei noch vollen Sandsäcke. 
„Wenn wir Mann und Frau wären“, sagte sie mit vibrierender 
Stimme. „Dann wäre es schön, so im Meer zu versinken.“ 
„...Wenn wir Mann und Frau wären...“ er wiederholte es 
klanglos. Bis er zu verstehen schien. Seine Augen aufblitzten 
In wildem Elan riß er sie an sich. „Und sag, sag, warum sind 
wirs denn nicht? Was trennt uns. .? warum, warum . .? o, mein 
Gott, ... ja, . . . wir wollen als Mann und Frau sterben . . . Wir 
brauchen keinen Pfaffen zur Trauung . . . Die Nacht, die pech 
schwarze, ist Trauzeuge. Und Boreas, der nasse Wind, er ist der 
Standesbeamte.“ Er sprach laut und hastig wie im Fieber. „Und 
wir feiern Hochzeit. Das ist unsere Hochzeitsnacht . . . Hochzeits 
nacht, Mädel, hörst du’s, Hochzeitsnacht . . .“ 
Und weil sie ihn anstarrte mit erschrockenen Augen in halbem 
Verstehen, wurde er aufbrausend. „Du bist mein Weib, . . . Mein 
Weib . . . weißt du, was das heißt?“ Und er riß ihr den Mantel 
auf, mit gierigen, suchenden Fingern. 
Willenlos ließ sie es geschehen. Sie empfand seine Hitze wohl 
tuend in der eisigen Kälte ringsumher. Und er hatte ja Recht. 
Zum Tode vereint in brausender See . . . Da fielen die Schranken 
der Erziehung. Da gab es keinen europäischen Sittenkodex, da 
gab es nur Menschen, aller Hüllen und alles Firnis ledige Menschen. 
Sie empfand einen süßen Taumel. Sie vergaß die rauhe Wirk 
lichkeit. Um sie herum verschwand alles in feuriger Glut. Ein 
Kind des Todes, empfand sie am Manne Genuß. Der Genuß der 
verbotenen Frucht machte sie zum verlangenden Weibe. Das Blut 
durchraste ihren Körper, durchrauschte brausend die Adern. Laut 
brausend wie das Meer. Wie das Bersten wogender, sturm- 
gepcitschter Wellen . . . 
Und nun . . . nun ein anderes Brausen . . . Echter Wellenschlag. 
Meeresrauschen dicht unter ihnen. Sie fuhren jäh empor aus dem 
Himmel der Leidenschaften. Ihre Lippen lösten sich. Die Blicke 
wurden zu Stein. 
Schäumende Gischtflocken sprühten empor. Sprühten hinein in 
den Ballonkorb. Im Nu waren die beiden wach. Ein Handgriff 
und noch einer . . . Die beiden Sandsäcke waren im Meer. Wurden 
röchelnd verschlungen vom gefräßigen Naß. 
Der Ballon hob sich. Die weißen Schaumkämme verschwanden 
in der Tiefe. Der Wind pfiff in Böen. Die schwarze Masse des 
Ballons hing, einem Alp gleich, über ihnen. Am Himmel fliehendes 
Wolkengefetz. Dazwischen Sterne . . . Sterne . . . 
„Jetzt bist du mein Weib“, er flüsterte es in satter Begierde. 
Sie nickte. Ihre eiskalten Hände suchten die seinen. Ihre Sinne 
lohten abermals auf. Lohten auf in fiebrigem Wahn und trium 
phierten, vom hohnlachenden Tode gehetzt, über banale Vorurteile. 
Sie gaben sich, was sie konnten. Sie löschten ihren quälerischen 
Durst mit heißem Blute. Der Südwind pfiff den Hochzeitsmarsch. 
Dem Tode geweiht, berauschten sie sich am bacchantischen 
Leben. Und wieder fiel der Ballon. Obwohl sie es merkten, wars 
ihnen gleichgültig. Sie hatten den Kelch der Lebensfreude ge 
trunken. Unheimlicher wars diesmal in der Tiefe unter ihnen. 
Stiller. Und schwärzer. 
Plötzlich ein Rütteln am Korb. Sie sprangen auf. Entsetzen 
in den Gliedern. Erwachten . . . Die Wirklichkeit . . . Die rauhe 
Wirklichkeit . . . 
Mit gläsernem Blick starrten sie in die nachtschwarze Tiefe. 
Doch was war das? Das war ja kein Meer. Das waren Baum 
kronen. Wald . ... 
Mit bebenden Händen warfen sie aus dem Korb, was noch drin 
war. Der Ballonkorb schleifte weiter über hohes Geäst. Bis nun . . 
nun endlich der Wald ein Ende hatte. Gebüsch. Eine Schonung. 
Nur Wiese . . . Weideland. Der Korb berührte den Boden. Setzte 
hart auf. Blieb ein paar Sekunden stehen, wurde dann umgeworfen, 
ein paar Meter geschleift . . . 
In unfaßbarem Staunen standen sie an Land. Und wanderten 
dann hinein in die dunkle Nacht. Ziellos. Man hatte ja Boden 
unter sich. War gerettet. Endlich eine Hütte. Klopfen. Schwere 
Verständigung. Fremde Laute. Wo sie wären. . . „auf Bornholm.“ 
Sie fuhren mit dem Morgengrauen mit dem Dampfer nach Kopen 
hagen. Dann zurück nach ihrer mitteldeutschen Heimat. Gerührter 
Empfang. 
Und danach . . . danach wollte sie fort. Beschwor ihren Vater: 
fort, fort . . . Sie litt es nicht mehr am Orte, wo er war. Er, der 
sie zur Übergabe gezwungen in grausiger Not. Er, den sie plötz 
lich haßte in jüngst erweckter Leidenschaft 
Den Schluß? . . . Ein Freund erzählte ihn mir neulich bei einer 
Flasche Chablis. Sie war nach München gegangen, die Ilse Brünning- 
haus. Lebte dort in wilder Ehe mit einem Maler. Vordem wars 
ein Diplomat. Vordem ein Offizier. 
„Und Heinz Hansen, ihr Bräutigam?“ 
Der war Flieger geworden. Und Ballonführer. 
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