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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

Er, fünfunddreißig. Glatze, mittelgroß, pervers 
elegant, rundlich, lächelnd, Monocle von 5 cm 
Durchmesser. . . den ganzen Krieg über getragen 
und auch beim Kappputsche durchgehalten. Das 
goldene Armband angeschmiedet. 
Sie, achtundzwanzig, ein bischen voll, aber 
rank in den Hüften, ganz in weiß, besteigt vor 
der Schloßkondilorei den Aboag, auf dessen 
Hinterperron Er Posto gefasst hat, unmittelbar 
unter der Treppe. Sie klettert aufs Oberdeck, 
er kuckt hinterdrein, diskret, aber nicht ganz. 
Er: Diese Beinchen kenne .... Herr Gott, 
das kann doch nur Elli sein! 
Steigt sofort hinterher, setzt sich neben sie, 
fixiert sie leicht. 
Sie (für sich): Arthur! Ob ers wagt? 
Er: Es hat doch keinen Sinn, liebe gnädige 
Frau. Wir haben uns erkannt. 
Sie: Art . . . Herr Doktor. . . Also guten 
Tag. Seit gestern abend bin ich in Berlin, heut 
abend fahr ich nach Heringsdorf weiter. 
Er: Ich habe mir sowieso keine Illusionen 
gemacht. Aber ein paar kurze Stunden werden 
Sie mir doch accordieren müssen. Wo kommen 
Sie her? 
Sie; Aus Baden-Baden. Es war nicht mehr 
zum Aushalten im Stephanie. Man sagt, die 
Schieber sind pleite, sind tot! Gott beschere 
uns allen eine solche Pleite! Mein alter Freund, 
der Oberkellner Charles, steht Qualen aus wie ein 
Wehrminister, der einenPazifistenmord dementieren 
soll- Aber an einem hat er sich wenigstens gerächt. 
Er: Erzählen, Ellichen! Ich sehe, Sie haben 
sich nicht verändert. 
Sie: Also ein Kerl mit knallroten Pfoten 
und ebensolcher Nase, Tagesverbrauch zehn 
braune Lappen, heult wie eine Dampfsirene 
durchs Lokal: Ober, haben Sie Kaviar? 
Charles nähert sich mit der Würde eines 
Montmorency und gibt zu, daß er hat. 
„1s er jut?“ Charles lächelt, wie die 
selige Rejane gelächelt hat: „Wenn Sie 
schon vor dem Kriege Kaviar gegessen 
haben sollten, dann lassen Sies lieber!“ 
Er: Bravo! Wahrhaft vornehme Ironie 
gibt es nur noch unter den Oberkellnern! 
Wenn wir so einen nach Spaa geschickt 
hätten statt Herrn Fehrenbach 
Sie: Lassen wir die Politik. Was gibts 
sonst Nettes in Berlin? Irgend was Neues? 
Kein kleines Skandälchen? 
Er: Oja. Aber ist interner geblieben,als 
man dachte. Einer unserer interessantesten 
Literaturmacher hat seine Tätigkeit bis auf 
weiteres in die Gegend von Tyrus und 
Sidon verlegt. 
Sie: Ist das ein Skandal? 
Er: Nein, aber dessen Konsequenzen. 
Der Herr konnte sich nämlich mit der zu 
ständigen Behörde über die Altersgrenzen 
nicht verständigen. Ihn interessierten nur 
unter vierzehn und über fünfundfünzig. 
Nun gibts da zwei Versionen: die eine 
sagt, wütende Matronen seien in des 
Herren Villa gestürzt, und hätten die 
Unschuld ihrer Enkelinnen zürückgefordert — 
die andern behaupten, heulende Vierzehnjährige 
hätten an seine Tür gehämmert, um ihre Groß 
mamas vor Schändung zu bewahren. Jedenfallsmuß 
es ein lieblicher Reigen von Noch nicht und Nicht 
mehr gewesen sein. Rund um den verzweifelten 
Germanen herum. Nun ruht er sich aus. 
Sie: Ein bösartiges Mundwerk habt Ihr 
Berliner immer noch. Sind Eure Beinchen ebenso 
in Schuß? Tanzt Ihr noch so viel? 
Er: Danke, Komma, es geht. Alle von Gott 
im Zorn erschaffenen Tänze. Kommen Sie, 
statt heute nach Herinßsdorf zu fahren, mit mir 
in die Lunalaube, wo Majewski seine süßen 
Weisen geigt. Nur mache ich Sie darauf auf 
merksam, daß der Jazz nach neun Uhr abends 
verboten ist. Wegen der Jazzsperrstunde. 
Sie: Schaffner, anhalten! Ich steige aus. 
Er: Nicht gleich so hitzig, Frau Elli. Lassen 
Sie uns doch unsere Kalauer, was bleibt uns 
sonst viel übrig? Höchstens das bischen Jeu. 
Sie: Nanu! Ich denke, das hat Weismann 
ausgerodet? 
Er: Offiziell ja. Offiziös überzeugt er sich 
hie und da selbst davon, dass nichts Verbotenes 
gespielt wird. Manche Klubs haben übrigens 
fallehalber so eine Art geistiger Allüren an 
genommen; einige haben jetzt sogar ihr eigenes 
ßundeslied. Das schönste nach der Kinder 
tanzmelodie aus Hänsel und Gretel: 
Wenn gemischt ist, dann koupier, 
Nichts gesetzt mehr — ab dafür! 
Rechts gebeten, links gedankt, 
Und Schlag Neune hat die Bank! 
AUTOMOBILE 
Unter dien Linden 42. 
Sie; Hören Sie auf, sonst diletlierts mich 
gleich, die Taille abzuziehen. 
Er: Aber Gnädigste, wir können doch 
sofort . . . 
Sie: Ich meine doch die Bactaille, Sie Ver 
brecher! Um auf was anständiges zu kommen; 
was filmt denn jetzt so in Berlin? 
Er: Der Affe Wolfsohn hat eine Austern 
prinzessin mit dem Doktorhut ins Traumboot, 
Kaliber 52, verschleppt und läßt sie dort von 
Vampiren aussaugen. 
Sie: Sind Sie irrsinnig geworden? 
Er: Ich dachte, Sie wünschten ein kompri 
miertes Referat. Im Ernst: Auch hier stille Zeit, 
Ellichen, wie in allem. Wir sehnen uns schon 
alle nach „Sumurun“ — das soll etwas ganz 
fabelhaftes sein. Sonst gibts nur etwas ganz 
Neues: Hasenclever (Pallenberg sagte neulich 
geschmackvoll „Hosenkläffer“) hat das erste 
gedruckte Filmmanuscript erscheinen lassen, 
„Die Pest“. Irgend ein Drama von Georg 
Kaiser und dieser Film hier — die Stile sind 
so angeglichen, daß man sie kaum unter 
scheiden kann. Denn das neue Drama wird 
Pantomime sein .... 
Sie: So daß nicht mehr geredet wird. 
Pantomimen Sie auch ein bischen und würdigen 
Sie die Schönheit dieses Lützowufers, das 
wenig seinesgleichen hat in der Welt. 
Er: Ja, fast das letzte Stück des vornehmen 
Berlins. Noch zwei Minuten und wir sind am 
Kurfürstendamm. Da hört die Schönheit auf 
und die Dielen beginnen. Alle mit Schiebe 
türen! 
Sie: So? Ich habe gehört, die Re 
ginaterrasse soll das netteste in ganz 
Berlin sein? 
Er: Stimmt auch fast. Nachmittags um 
sechs, eh’ man in einen Saftladen, ins 
Atlantic z. B. verschwindet, sitzt dort alles, 
was ein bischen was ist. Im Freien und 
doch abgeschlossen von der Strasse. Und 
eine Musik! Wenn der Geiger mit den 
neusten Boston „Long dy long“ einsetzt, 
da wird uns allen anders, und wenns 
auch vierzig Grad im Schatten sind. 
Sie- Ihre günstige Auskunft freut mich, 
lieber Arthur — denn sehen Sie, dort treffe 
ich mich in fünf Minuten mit Ihrem alten 
Rivalen, meinem guten dicken Edu .... 
Er: Gniddering Snake! 
Sie: Erstens verstehe ich kein Englisch 
und zweitens Sie mit Ihrem Zynismus! 
Was heißt das? 
Er: Na sagen wir: Der MenSch kann 
sich schneiden! Also, liebe Frau Elli. 
Sie steigen ab. Er küßt ihr wortlos die 
Hand, trotzdem sie Handschuh trägt, tra 
ditionsgetreu zwischen Ring- und Zeige 
finger. Als Sie abgerauscht ist, rückt er 
sich das doch ein bischen aus dem Reifen 
gerutschte Monocle zurecht, begibt sich 
ins alte Cafe und erkundigt sich beim 
schönsten aller kommunistischen Maler nach 
den letzen Kokainpreisen.
        
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