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Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

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grossem Hallo eine Rotte von Apachen und 
Griselten den Weg versperrte. 
„Ein Befreiungsversuch!“ sagte einer der Po 
lizisten. 
Voran standen Henri und Pierre, zwischen 
ihnen Amely. 
„Gebt uns John frei!“ rief Pierre. 
Glänzend inszeniert, dachte ich und em 
pfand vor diesen Menschen eine gewisse Hoch 
achtung. 
„Lasst uns durch (der wir schiessen! er 
widerte ein Polizist. 
„Gebt ihn frei!“ wiederholte Pierre und die 
ganze Rolle brüllte: 
„Frei!“ 
Die PoHzislen zogen die Säbel. 
Die Rotte johlte und lachte. 
Ein Schuss fiel. 
Er war in die Luft abgegeben. 
Im selben Augenblick war die Strasse leer. 
Auf dem Polizeirevier wurde mir ein glän 
zender Empfang zuteil. 
Der Wachthabende strahlte auf die Meldung 
hin: „John Smith verhaftet!“ über das ganze 
Gesicht, Hess doppelte Fesseln an Händen und 
Füssen anlegen und wiederholte ein über das 
andere Mal: 
„Neinl Wie ich mich freue!“ 
Er liess trotz der vorgerückten Nacht 
stunden sämtliche Vorgesetzten und Untergebenen 
wecken, die verschlafen von allen Ecken und 
Enden heratrgekrochen kamen, bei dem Namen 
John Smith aber wie von der Tarantel gestochen 
auffuhren, in ihre Schlupfwinkel zurückstrcbten 
und erst wieder zum Vorschein kamen, nachdem der 
Wachhabende sie von der Solidität meiner vierfachen 
Fesseln überzeugt halte. 
Nun also näherten sie sich mir, gingen an mir 
herum wie an einer Modepuppe, berochen und be 
schnupperten mich, und ein besonders Mutiger richtete 
sich ganz dicht vor mir auf, sah mich herausfordernd 
an und sagte höhnisch: 
„Nun. Mister Smith, wue fühlen Sie sich?" 
Da mir der Äbsynth bis zur Kehle stand, er 
widerte ich; 
„Danke, schlecht. Mir ist übel!“ 
Zehntausend Frauken, die auf John Smiths Ergreifung 
ausgeselzl rvaren, wurden in meiner Gegenwart unter 
die glücklichen Beamten verteilt. 
Dann musste ich zwecks Feststellung der Identität 
an einen Tisch heranlreten 
Der Beamte sagte beinahe feierlich: 
„Sie sind John Smith aus Glasgow.“ 
Ich schüttelte den Kopf und sagte klar und deutlich: 
„Nein I“ 
Lautes Gelächter folgte, und der Beamte fragte mit 
spöttischem Lächeln: „sondern?“ 
„Ich bin der Schriftsteller Doktor Atlui Landsbetgcr 
aus Berlin.“ 
Das Gelächter wuchs otkanarlig an. 
„Etwas ausgefallen“, meinte der Beamte, worauf 
ich erwiderte: 
„Nicht durch meine Schule.“ 
Die Kriminalbeamten, die mich verhaftet halten, 
erzählten die Begleitumstände. 
Danach, so meinte der Beamte, der die Personalien 
aufnehraen wollte, sei es grotesk, hier plötzlich als ein 
völlig unbekannter Schriftsteller aus Berlin aufzutreten. 
Das war das letzte in dieser Nacht, w'as mich 
kränkte! 
„Völlig unbekannt?!“ ereiferteich mich. .Das liegt 
an Ihnen! Ich bin in fast sämtliche Sprachen übersetzt!“ 
„Na,“ erwiderte der, „jedenfalls sind Sic unter dem 
Namen John Smith in der ganzen Welt bekannt, und 
ob Sie ausserdam noch unter einem Pseudonym Romane 
schreiben, interessiert hier nicht. — Alsol Wann sind 
Sie geboren?“ 
„Am 20. März 1876.“ 
Er nahm es auf und fragte: 
„Wo?“ 
„In Berlin.“ 
„Glasgow!“ erwiderte er. 
„Möglich,“ sagte ich, „dass Sie es besser wissen. 
Ich entsinn’ mich nicht. Meine Eltern haben mir 
erzählt, in Berlin. Vielleicht halte das andere Gründe.“ 
„Vorbestraft?“ 
„Nein!“ 
Abermals brach ein Gelächter los, 
und der Beamte wies auf einen Akten- 
stoss, der sich turmhoch neben ihm 
erhob und meine 
Vorstrafen enthielt. 
„Zweiunddreissig- 
mal“, berichtigte er. 
„Möglich“, sagte 
ich. „Ich habe ein 
miserables Gedächt 
nis.“ 
„Ne, Freundchen, 
mit Geisteskrankheit 
reden Sie sich dies 
mal nicht heraus. 
Sie sind dreimal auf 
Ihren geistigen Zu 
stand hin untersucht 
und als völlig gesund 
befunden worden.“ 
„Das beruhigt mich“, sagte ich. 
„Sie geben zu, das Lavoisiersche Ehepaar, 
deren sechs Kinder und Dienstmagd ermordet 
und beraubt zu haben?“ 
Mir wurde schwindlich. 
Ich besah meine Hände. 
Die Ketten klirrten. 
„In ‘des Teufels Namen!“ rief ich. „Nun 
habe ich aber genug! Ich bin müde! Ich will 
zu Belt 1 Wenn Ihnen durchaus daran Hegt, 
Jrhn Smith aus Glasgow' zu verhaften, so neh 
men Sie irgend einen Menschen, dem das Spass 
macht, nicht mich!“ 
„Wir wissen, dass Sie mit dem heutigen 
Frühzug 7 Uhr 18 Marseille verlassen haben 
und die Absicht halten, mit dem Zug, der 
11 Uhr 4 von der Gare du Nord geht, nach 
England weiterzureisen. Dank der Wachsam 
keit unserer Beamten . . . .“ 
befindet sich John Smith demnach 
augenblicklich zwischen Boulogno und Folke- 
stone', fiel ich ihm ins Wort. 
„Sehr ungeschickt führen Sie Ihre Verteidi 
gung,“ sagte der Beamte und gab den Polizisten 
ein Zeichen. Die nahmen mich bei den Armen 
und führten mich trotz meines Protestes ab. 
Bis zum Morgen sass ich in einer stock 
finsteren, schmutzigen und ungelüfteten Zelle. 
Erst gegen Mittag erschien ein Beamter in 
Zivil, der sich von einem Wärter die Zelle offnen 
liess, den Hut lüftete und höflich sagte: 
„Bitte, mein Herr!“ 
Ich kroch aus meinem Käfig, hielt mir, vom 
Licht geblendet, die Hände vor das Gesicht 
und fragte: 
„Was ist? Soll ich hingerichtet werden?“ 
„Im Gegenteil! 1 erwiderte er. „Wir sind es, die 
gut zu machen haben “ 
Er geleitete mich in ein behaglich eingerichtetes 
Zimmer, in dem um einen grossen Tisch herum ein 
paar würdige alle Herren Sassen. Als ich eintrat, standen 
sie auf und baten mich, Platz zu nehmen. 
„Wir bedauern unendlich, Herr Doktor“, begann der 
würdigste von ihnen — und es endet damit, dass er 
mir Einsicht in ein am frühen Morgen eingegangenes 
Telegramm gewährte, in dem stand: 
„Raubmörder John Smith bei Landung in Folke- 
sfone 6 Uhr 17 früh verhaftet, ist auf dem Transport 
nach London seinen Wärtern entwichen. Ver 
muten, dass rückrcist. Anweisl französische Häfen. 
Wattson. Polizeichef.“ 
„Sehr bedauerlich“, sagte ich und reichte das 
Telegramm zmück. 
Man bet mir hnnderlfünfzig Franken Schmerzensgeld, 
die ich ablehnte, tat, als hätte man meine Bücher 
gelesen, sagte mir allerlei Liebenswürdiges, drückte mir 
die Hand, entlicss mich. 
Ich warf mich in das nächste Auto, fuhr nach Hause, 
riss mir die Kleider vom Körper, stürzte in die Bade- 
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