Path:

Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

5 
pflegt. Meine Wirtin, eine der berühmten Kohlhiesltöchter, 
ein blonder Ilöflichtyp, ist weniger anspruchsvoll und ich bin 
dort mindestens ebenso gut, wenn auch wesentlich bescheidener 
untergebracht. Zumal die Kohlhiesl-Mutter (sie hat vier liebliche 
Töchter und Henny Porten müsste sich bei ihrer Wiedergabe 
vierteilen statt verdoppeln) für prächtige Atzung sorgt. 
Aber ich mache es wie Alfred Kerr, mein grosser Kollege, und 
verschweige ebenfalls ängstlich die Adresse „meines“ Wolken 
hausen. 
Die Kronprinzessin übrigens sieht wohl, jung und hübsch 
aus und nur die kirschgrossen Perlen, mit denen Prinzessinnen, 
namentlich russischer Abkunft, anscheinend auf die Welt kommen, 
erinnern an die Zeiten einstiger „Grösse“. Die Kronprinzessin 
wird zuweilen durch die Taktlosigkeit des Publikums daran er 
innert, denn noch immer können es gewisse Leute nicht lassen, 
die „Grössen von Gestern“ wie Wundertiere anzustarren. Dem 
kann sich auch Kronprinz Rupprecht nicht entziehen, (seine Bilder 
hängen in den Buchhandlungen zum Verkauf aus) obwohl er in 
aller Bescheidenheit in der Villa Askania, einem Privatbesitz 
seiner anhaltinischen Verwandten, hier schon monatelang zurück 
gezogen lebt. Berchtesgaden hat auch sonst wenig mit Garmisch 
gemein, ganz abgesehen davon, dass es an Naturschönheiten viel 
reicher ist, dort alles parvenühaft, modern aufstrebend, ein bischen 
allzu wild-fortschrittlich, hier alles reaktionär, königstreu, fast ein 
bischen altmodisch. Im Stil Ganghofers und Richard Voss, 
dessen Witwe in der Villa Bergfrieden des Gatten Memoiren zu 
sammengestellt, die demnächst unter dem Titel „Phantastisches 
Lebens“ (bei Engelhorn) erscheinen werden. Aber dieser Alt 
modische, behagliche Stil ist des Sommergastes Glück. „Alt 
modisch“ ist die Freundlichkeit aller Berchtesgadener und gar der 
arme, gequälte, garnicht verwöhnte Berliner ist für jedes „Grüss 
Gott“ oder „Vergelt’s Gott“ besonders dankbar. Die Freundlich 
keit mit der jeder Fremde begrüsst, bedient, betreut, ja, fast ver 
wöhnt wird, ist schon nervenentspannend und trägt viel zu 
seiner Erholung bei. Auch in der Beziehung steht Berchtes 
gaden in wohltuendem Gegensatz zu Garmisch, das seine 
Gäste wenig freundlich behandelt, wenn’s sein muss, sogar ver 
prügelt. 
Eine weise Gemeindeverwaltung, Gott erhalte ihr ihr 
reaktionäres Gemüt noch recht lange, hält alle Neuerungen wie 
Kurkapelle, Reunions und ähnliche entsetzliche Dinge von Berchtes 
gaden fern, nur Bauerntheater und Almtänze sorgen ebenso für 
das Vergnügen der Einheimischen wie der Gäste. Die selige 
Birch-Pfeiffer feiert hier noch immer feucht-fröhliche Triumphe. 
Bei den Almtänzen machen die Bauernburschen, gertenschlank 
gewachsen, sehnig und bildhübsch in ihrem Wichs, gewisser- 
massen die Honneurs. Sie führen den Gästen die urwüchsigsten, 
drolligsten Bauerntänze vor, bei denen die holde Weiblichkeit oft 
ganz zurücktrilt. Diese hübschen Tänze beweisen, dass man 
auch ohne Foxtrott und Twostep sehr vergnügt sein kann, und 
das Rauschen der drei Achen, die Berchtesgaden durchtosen, ist 
dem Naturfreund eine weit angenehmere Musik als alle die 
Kurkapellen. 
Möge den Berchtesgadenern ihr natürlicher Sinn noch recht 
lano-e erhalten bleiben, auf dass der müde Sommerfrischler noch 
Stätten der Erholung wie diese findet. 
Wie der kleine Moritz sich das Moderennen oorstel/t. 
r 
srtrnE 
Zeichnung von Stcffie 
Ab 9. August findet die „Berliner Modewoche“ statt, in deren Verlauf ein Moderennen auf der Grunewald-Bahn den Höhepunkt 
darstellen wird. Der ausführliche Bericht über die gesamte für die deutsche Mode-Industrie wichtige Veranstaltung erscheint im 
August-Heft des „Berliner Leben“ aus der Feder der Modeschriftstellerin Elsa Herzog.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.