Path:

Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

2 
Fritz Jacobsohn 
Staatstheater-Pläne. 
Eine Unterredung mit dem Intendanten Leopold Jessner, Berlin. 
L eopold Jessner ist ein aufrichtiger und mutiger Mann zu 
gleich ... Er muss es sein, sonst wäre er nicht so unbefangen 
in das Haus am Oendarmenmarkt eingezogen, von dem Fach 
leute und Kritiker immer behaupteten, dass es von seinem Konser 
vativismus kaum abgebracht werden könne. Jessners Wagemut 
aber liess sich nicht abschrecken. Unter seiner Führung geht 
es im Staatstheater der Republik um die neue Kunst. Theater 
von heute ist nicht photographische Wiedergabe der Natur, nicht 
das Leben in seiner äusseren Gestalt, sondern seine geistige 
Spiegelung und seine künstlerische Projizierung auf die Bretter, 
die die Welt ja nur bedeuten sollen. Der neue Intendant spricht 
sich offen und ehrlich über Vergangenheit und Zukunft seiner 
Bühne aus: 
NEUE AUFGABEN UND ZIELE. 
„Das vormals Königliche Schauspielhaus hat stagniert — 
und Stagnation bedeutet immer Rückschritt. Der Grund ist 
hauptsächlich darin zu suchen, dass die Aufmerksamkeit des 
Grafen Hülsen sich auf die Oper konzentrierte und wohl 
auch aus geschäftlichen und aus höfischen Rücksichten auf sie 
konzentrieren musste. Ich hege für den Grafen Hülsen als 
Opernleiter die allergrösste Hochschätzung. Der Mann, der für 
den „Rosenkavalier“, für „Parsifal“ usw. Form und künstlerischen 
Ausdruck fand, wie sie unserer Zeit entsprechen, und wie sie 
neben ihm keine zweite Opernbühne Deutschlands zu bieten im 
Stande war, zählt unbedingt zu den Meistern unserer Kunst. 
Aber das Schauspiel geriet bei ihm ins Hintertreffen, trotzdem 
seine unmittelbaren Mitarbeiter Albert Patry und Dr. Reinhard 
Bruck aus moderner Schule hervorgegangen sind und im Rahmen 
ihrer Möglichkeiten der modernen Literatur Eingang zu schaffen 
versuchten.“ 
Jessner weiss und betont es ausdrücklich, dass er noch bei 
der Arbeit an den Grundmauern seines künstlerischen Gebäudes 
ist, dessen einstige Fassade sich bisher mehr aus lose aneinander 
gefügten Einzelheiten als aus einer bei den Schwierigkeiten der 
Uebergangszeit und der heutigen wirtschaftlichen Not unmöglich 
klar inne zu haltenden Oesamtkonsequenz erkennen lässt. Seine 
Aufgabe fasst er dahin auf, dem Staatstheater in der Reihe der 
ehrlich um die Kunst ringenden Bühnen den Platz zu schaffen, 
der es der staatlichen Subvention würdig macht. Um das Theater 
in diesem Sinne weiterführen zu können, hat er die Zahl seiner 
künstlerischen Vorstände um die Regisseure und Dramaturgen 
Ernst Legal und Dr. Ludwig Berger und um den Maler und 
Ausstattungskünstler Emil Pirchan bereichert, zu denen nun 
noch der Maler Rudolf Bamberger tritt. Ein gemeinsamer 
Kunstwille soll im Schauspielhause alle Künstler zu einer festen 
Einheit Zusammenschlüssen und sich klar und deutlich der 
geleisteten Arbeit charakteristisch aufprägen. 
der SPIELPLAN DER KOMMENDEN SAISON. 
Der Spielplan der neuen Saison wird in Beachtung der Auf 
gaben die dem von Staate unterhaltenen Schauspielhause zufällt, 
vornehmlich die Klassiker pflegen und sie aus dem Empfinden 
unserer Zeit heraus neu zu gestalten versuchen. In Fortsetzung 
des Schiller-Cyklus sollen „Fiesko“ und „Kabale und Liebe“ 
neu einstudiert werden. Der vorläufige Arbeitsplan enthält ferner 
von Goethe „Tasso“ und „Iphigenie“ (Faust ist für das über 
nächste Jahr geplant), von Shakespeare „Richard der III.“ (mit 
Kortner) und „Romeo und Julia“, von Hebbel die „Nibelungen“, 
von Ibsen die „Kronprätendenten“ und von Strindberg 
.Karl XII“. Selbstverständlich werden zeitgenössische Werke 
nicht vernachlässigt werden. Den Reigen der Novitäten eröffnet 
„Oodiva“ des norddeutschen Hans Franck, ihm folgen Unruhs 
»,Prinz Louis Ferdinand“ und eines der Werke des Maler 
und Bildhauerdichters Barlach. 
VOLKSTHEATER UND; SUBVENTION. 
Die Volkstheaferbewegung soll unter Jessner im weitestem 
Masse ausgebaut und unterstützt werden, wozu die bisherigen 
Abmachungen mit der Freien Volksbühne beste Gelegenheit 
bieten. Das alte Kroll-Theater wird .nach den Plänen Oskar 
Kauffmanns unter modernen Gesichtspunkten ausgebaut. Ehe 
jedoch die Leitung des Schauspielhauses in der Lage ist, im 
eigenen Raume weitesten Kreisen theaterfreudiger Besucher Unter 
kunft und künsilerische Erhebung zu bieten, wird das System 
der Gastspiele in den Sälen der Vororte ebenfalls ausgestaltet. 
Es sind dabei besonders in den Arbeitervierteln so gute Er 
fahrungen gemacht worden, dass verschiedene Vorortgemeinden 
selbst mit der Absicht umgehen, stabile Theaterunternehmungen 
zu schaffen, die der künstlerischen Oesamtleitung der Staatstheater 
unterstellt werden sollen. Das Künstlerpersonal hat sich mit ein 
mütiger Freudigkeit in den Dienst dieser neuen Aufgaben gestellt. 
„Gewiss“, sagt Jessner, „die Subvention der Staatstheater ist sehr 
gross, aber gross ist auch die dem Schauspielhaus gestellte Auf 
gabe der Reorganisation und des Ausbaus, und es ist meine 
idealste Sorge, dass das mir und meinen Mitarbeitern anvertraute 
Gut in dem Sinne verwendet wird, in ;welchem es geschaffen 
und gespendet wurde. Ich bin sicher, dass die Landesversammlung 
des preussischen Staates die tiefe kulturelle Notwendigkeit seines 
Theaters jederzeit durch Gewährung der notwendigen Mittel an 
erkennen wird; sehr erwünscht wäre es allerdings, wenn auch 
die Stadtverwaltung Berlin aus der von ihr bisher geübten Reserve 
herauszutreten in der Lage wäre und die bereits mit ihr ein 
geleiteten Verhandlungen in gerechter Würdigung der Wichtig 
keit, die das Staatstheater als Kulturtheater im Gemeinwesen 
einnimmt, zu einem günstigen Resultat führen mögen.“ Nun 
werden freilich in Zukunft die Städte nach dem Uebergang der 
Steuerhoheit von Kammer und Staat auf das Reich die grösste 
Sorge haben, diesen künstlerischen Verpflichtungen nachzu 
kommen, und auch die Privatinitiative ist stark gelähmt. Da 
jedoch keine wie immer geartete Bevölkerung auf die Dauer des 
Theaters entraten kann, darf und soll, wird notwendigerweise an 
die Stelle dieser öffentlich- rechtlichen und privatrechtlichen 
Bühnen das besonders von Ludwig Seelig propagierte gemein 
nützige Theater treten, das Berlin bereits in der Organisation 
der Freien Volksbühne besitzt. Um sich nicht auszuschalten 
und bereits Vorhandenes zu ruinieren, werden die Städte und 
Staaten selbst an die Neugestaltung und Umschaltung der bis
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.