Path:

Full text: Berliner Leben Issue 23.1920

Violinspieler an der Invalidenstrasse viel weniger kann als 
Sie — 
„Daran ist nicht zu tippen, ich versteh’ mich auf Musik. 
Habe in Wien Strauss an die paar Dutzend Male gehört.“ 
lieber Peters schmales abgehärmtes Gesicht fliegt ein 
Leuchten. 
„Sie wären der Richtige, mit der „Schönen Jenny“ 
aufzutreten.“ 
Peter setzt das Glas, das er eben an die Lippen gezogen, 
rasch wieder ab. Eine Glutwelle geht über sein Gesicht 
und verschwindet wieder. 
Dann fragt er stockend: 
„Die schöne Jenny? Wer ist das?“ 
„Eine Chantant-Sängerin, aber prima. Ein schönes 
Geschöpf,“ ■— der Kommis schnalzt, — nicht viel Rasse, 
aber sonst wie gesagt prima.“ 
Peters Augen hängen gierig und drohend zugleich an 
den Lippen des kleinen Kommis. 
„AVie — wie sieht sie aus?“ fragt er kaum hörbar 
mit trockenen zersprungenen Lippen. 
„Schlank, blond, mit grossen grauen Augen.“ 
Peter stösst einen kurzen gurgelnden, unartikulierten 
Laut aus, dann schüttelt er lebhaft verneinend den Kopf. 
Der Kommis hat in seiner wichtigtuerischen Art fort 
gefahren zu erzählen. 
„Sie gilt hier für eine Schwedin. Auf dem Zettel steht 
Fräulein Jenny Malström aus Stockholm, aber sie ist keine 
Schwedin, sondern eine eben so gute Berlinerin als Sie 
und ich gute Berliner sind.“ 
Peter wird blass. Etwas krampft sich in ihm zusammen, 
das ihm die Kehle trocken und heiser macht. Drei Mal 
setzt er vergebens zum Sprechen an. 
„Woher wissen Sie das?“ fragt er endlich stammelnd. 
„Man hat so seine Konnaissancen in der Gegend. Die 
schöne Jenny ist nicht weit von hier, in der Liesenstrasse 
geboren. Ihr wirklicher Name ist Jenny Hilse; die alte 
Milse —“ 
Der Kommis kann nicht zu Ende sprechen. Wie ein 
Pfeil ist Peter von dem Schiebkarren aufgeschnellt und 
Juwelenversiciierung 
gegen alle Gefahren 
Verlieren, Abhandenkommen, Diebstahl 
Beraubung, Feuer, Beschädigung usw. 
Der Delle Schufj gegen Verlulle 
Verlangen Sie kostenlose unverbindliche Prätnienaufgabe 
Deutsche Transport-Versicherungs-Geselischaft 
Abteilung der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs-Ges. 
Berlin W.8, Charlottenstraße 29-30 
Fernsprecher: Amt Zentrum 5838 und 4474. 
Vertreter allerorts gesucht 
die Geige an die Brust gepresst quer über den Hof 
gelaufen. 
Der Kleine eilt ihm nach. Vom Einholen ist keine 
Rede. Der Kommis sieht nur, dass Peter die Strasse bis 
zur Chausseestrasse hinunterstürzt und dann rechts herauf 
nach der Invalidenstrasse zu einbiegt. 
„Ich hab’ den Künstlerehrgeiz in ihm geweckt,“ denkt 
der Kleine schmunzelnd. „AVer weiss, was noch aus ihm 
wird; dann ist es mein Verdienst.“ 
Im übrigen lässt er sich Zeit. Im Variete wird er 
Peter schon wieder finden. 
Der Geiger hat sein Eintrittsgeld nachlässig wie ein 
Grand Seigneur auf den Kassentisch geworfen. Den Tür 
steher, der ihm seines verlumpten Aussehens halber den 
Eintritt wehren will, hat er einfach beiseite gestossen. 
In dem schlecht beleuchteten, von Tabakwolken durch 
zogenen Raum sieht er nichts als auf der kleinen, dürftig 
ausgestatteten Bühne, ein strahlend schönes, blondes 
Geschöpf, das er als junger Bursch im Arm gehalten, 
hört er nichts als eine süsse, leicht umflorte Stimme den 
Refrain eines Liedes singen, das er ungezählte Alale auf 
der Geige begleitet hat. 
„Wenn die Linden blühen süss im Mondenschein, 
Will ich Trautgeselle wieder bei dir sein.“ 
In langen Sätzen ist er durch den schmalen Seitengang 
bis an das Podium gestürzt. Unterhalb desselben im Halb 
dunkel hockt der Begleiter der schönen Jenny, ein dürftiger, 
blonder Geselle, der halb im Schlaf, ohne jeden Ausdruck 
und ohne jede Nüance die Begleitung herunterleiert. 
Gerade setzt die Sängerin oben zur zweiten Strophe 
an, als Peter neben dem müden Gesellen angelangt ist. 
Ohne Zeremonie nimmt er ihm die Geige aus der Hand, 
legt sie auf den Boden, und ohne abzuwarten ob er ihm 
Platz machen will oder nicht, drückt er sein Instrument 
an die Brust und fährt mit dem Bogen über die Saiten, 
ihnen süsse, traurige Töne entlockend, wie sie zu dem 
traurigen Liede taugen. 
Das spärlich versammelte Publikum stutzt einen Augen 
blick, aber es macht sich keine besonderen Gedanken 
darüber, dass die Geige unterhalb der Bühne plötzlich 
beinahe eine ebenso reizvolle Stimme bekommen hat, als 
der Liebling des Varietes, die schöne Jenny oben auf 
dem Podium. 
Die aber wird blass, stockt und sucht mit verstörten 
Blicken in dem Halbdunkel unter ihr nach einem Gesicht, 
nach dem sie ebenso heiss sich sehnt als sie sich vor ihm 
fürchtet. 
Noch ehe sie es deutlich erkennt, ruft eine Stimme, 
die sie unter tausenden erkannt hätte, leise und fest 
herauf; 
„Sing’ weiter,“ eine Stimme, der sie nie zu trotzen 
gewagt, so lange sie in ihrem Bann gewesen. 
Auch jetzt folgt sie dem Ruf, bedingungslos, ohne 
Zaudern. 
Die da unten haben die schöne Jenny noch niemals 
so wundervoll singen gehört. 
Oder ist sie es garnicht? Ist es die Geige, die so 
süsse Töne singt, lockend und verheissend, hingebend 
weich und dann wieder trotzig fordernd? 
ledermaus 
14 Unter den Linden 14 
Täglich: 
Willi Meibryck 
Rita Steffen 
THELO 
Else Zimmermann 
Georg Hertel 
KAPELLE BRACHFELD 
ANERKANNT BESTE KÜCHE UND WEINE 
N
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.