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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

der Auflösung dieser überflüssigen Aemter gemacht werden, 
die sonderbarerweise immer zahlreicher werden, je mehr von 
ihrem „Abbau“ die Rede ist. Für Bruder Victor bedeutet 
die Ablehnung des Streiks eine grosse Enttäuschung. Er hatte 
schon mit zwei Wochen Osterferien gerechnet und sich in 
einem Gasthof irgendwo in Mecklenburg angemeldet, um sich 
einmal „richtig herauszufüttern“. Es geht ihm ja auch hier 
nichts ab, aber seit der Hungerblokade glaubt ja jeder besser 
Situierte, an Unterernährung zu leiden, so lange er nicht das 
doppelte Quantum zu sich nimmt wie vor dem Kriege. Mit 
den Ferien und mit der Mastkur ist es nun nichts, und Victor 
ist schlechter Laune. Er wettert über die unsoziale Gesinnung 
in den Kriegs-Aemtern und meint, so lange die Angestellten 
nicht mehr Korpsgeist an den Tag legten, werde es nie dahin 
kommen, dass jeder von ihnen seine Villa am Wannsee und 
seine kleine Liaison mit einem Film-Star habe. Er ist deswegen 
gestern mit Fabrikdirektor Henius scharf aneinander geraten. 
Der nannte die ewigen Mehrforderungen der Angestellten eine 
Unverschämtheit und die Streiks eine Erpressung. Das ganze 
deutsche Erwerbsleben müsse vor die Hunde gehen, wenn 
jeder grüne Junge nur noch halb so viel arbeiten, aber das 
dreifache verdienen wolle wie früher. Victor nannte das 
einen „Herrenstandpunkt“, der heute überwunden sei, und 
machte dem Direktor klar, dass ganz selbstverständlich jeder 
Angestellte um so mehr verdienen müsse, je weniger er arbeite. 
Früher, als man von morgens 8 bis Abends 9 oder 10 Uhr 
im Kontor und Lagerraum sass, hatte man keine Zeit und 
keine Gelegenheit zum Geldausgeben übrig. Heute sei der 
Angestellte um 3 oder 4 Uhr frei. Er müsse also sechs bis 
acht Stunden irgendwie hinbringen, und das gehe natürlich ins 
Geld. Bei Josty koste ein Apfelkuchen heute 2,50 Mk., und 
die Varietes würden auch immer teurer. Ich bin daraufhin, 
heute Vormittag mit Eugenie zu Josty gegangen und habe fest- 
gestellt, dass Victor vollständig im Recht war. 
20 April. Ein süsser Ostergruss von Botho ist an 
gekommen; Ein grosses Marzipan-Ei, beihnahe ein Pfund 
schwer, und mit wundervoller Schokolade überzogen. Da rede 
noch einer über die Rationierung und die ganze Lebensmittel- 
Organisation! Wenn nicht behördlich dafür gesorgt werden 
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Vertreter allerorts gesucht 
würde, dass niemand mehr als sein kleines Quantum Zucker 
erhält, und dass kein Kakao, keine Mandeln u. s. w. für die 
breite Bevölkerung über die Grenze kommen, so würde es 
für mich wohl weder diese Oster-Ueberraschung noch die 
grossen Düten Konfekt geben, die mir Botho von Zeit zu Zeit 
liebevoll zusteckt. Mit Papas schweren Zigarren und Victors 
Kognac wird es wohl so ähnlich sein. Die Kriegsämter sind 
also doch nicht so überflüssig, wie es oft den Anschein hat 
28. April. Mit Botho bin ich fertig, ein für allemal! Er 
ist ein Treuloser! Meine Ahnung hat mich nicht betrogen: 
Das Zigarelten-Etui, mit dem mir Eugenie neulich so auf 
dringlich vor den Augen herumgefuchtelt hat, ist von ihm, ein 
Vielliebchen-Geschenk. Mit mir hat er noch nicht ein 
einziges Vielliebchen gegessen, angeblich, weil es keine Knack 
mandeln gibt. Als wenn es hintenherum nicht alles gäbe, 
wenn man sich ehrlich oder vielmehr unehrlich bemüht. Nun, 
mag er glücklich werden mit der Eugenie, dem Zieraffen. Ich 
habe einen Strich unter die Vergangenheit gemacht und bin 
jetzt dabei seine Briefe zu ordnen; die bekommt er alle zu 
rück mitsamt seiner Photographie. Ich verstehe garnicht, wie 
ich mich in diese Visage habe verlieben können. Bin ich 
denn blind gewesen, dass ich den Kolben von Nase und die 
schiefen Schlitzaugen nicht gesehen habe? Und das vor 
springende Kinn und die flache Stirn und die abstehenden 
Öhren? Fahr hin, mit Deinen faden, semmelblonden Pomaden 
haaren und den drei einhalb Bartstoppeln, auf die ich Dir in 
meiner Verblendung so manchen Kuss gedrückt habe! Ich 
möchte heulen vor Wut, wenn ich an diese Selbsterniedrigung 
denke. Alles, alles sende ich Dir zurück, das gepresste 
Vergissmeinicht, das ich immer auf dem Herzen getragen habe, 
und die zerrissene Monocle-Schnur, die um das Kästchen mit 
dem Medaillon gewickelt war, und das Staniol-Papier von dem 
Marzipan-Osterei. NurdasMedaillonbehalteichaUÄndenken. Ich 
habe es heute schon zwei Stunden lang mit meinen Tränen genetzt. 
Eben stört mich Anna, das alberne Stubenmädchen. Sie 
möchte wissen, ob es wahr ist, dass auf Anordnung der Volks 
regierung in diesem Jahre der Sommer ausfallen soll. Sie meint, 
weil die Uhren diesmal nicht auf Sommerzeit umgestellt 
werden, und ist empört. Wenn sie im vorigen Jahre bis 6 Uhr 
gearbeitet habe, dann sei es in Wirklichkeit erst 5 Uhr ge 
wesen; sie habe also unter dem alten Regime eine Stunde 
weniger zu arbeiten brauchen als jetzt, und sie werde sich 
das für die nächste Wahl merken. Was mich das wohl 
interessiert! Für mich spielt die Zeit keine Rolle. Ob ich 
mich um 10 oder um 11 Uhr in mein tränenfeuchtes Bell 
lege, ist doch weiss Gott gleichgültig! Dem Unglücklichen 
schlägt auch keine Stunde! 
5. Mai. Ist es möglich? Mein geliebter Botho will fort 
aus Berlin! Er will sich in Bamberg an werben lassen! Da 
zahlt man den Offizieren ein Handgeld von 15 000 Mark und 
eine Monatsgage von 3000 Mark. Es dreht sich alles um 
mich! Ich weiss nicht, ob es für oder gegen die Münchener 
Spartakisten geht, ob für die Regierung Fioffmann oder für die 
Räte-Regierung, ich weiss nur, dass er fort will und vielleicht 
totgeschossen wird. Denn jetzt, wo der äussere Krieg zu 
Ende ist, wird es bitterer Ernst. Gegen den inneren Feind 
gibt es keine dritte Linie und keine Etappe. Ich zermartere 
mir den Kopf, wie ich das verhindern kann. Er darf mich 
nicht verlassen, der Liebe, Einzige, nachdem wir uns erst 
vor drei Tagen in so rührender Weise ausgesöhnt haben, und 
er mir so ein entzückendes Zigaretten-Etui geschenkt hat, ein 
viel schöneres als Eugenie’s! Ich werde mit Onkel Max 
Sprechen. Naumann,. 
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Rosige Wangen 
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verschafft sich jede Dame in wenigen Minuten 
durch Anwendung von 
*1 
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oder, wo nicht erhältlich, auch direkt durch die alleinigen Fabrikanten 
W. Reichert, G.m.b.H., Parfümeriefabriken 
k: 
Berlin-Pankow und Bodenbach in Böhmen. 
ZA
        
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