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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

die Aerzte ihre Tätigkeit einstellten und der Gesundheitsstand 
sich infolgedessen verbessern würde; oder wenn alle Verkehrs 
mittel ausser Dienst träten, und von Dieben — pardon: 
,Rationalisatoren'‘ heimgesuchten Bürger weder nach Hilfe 
telefonieren, noch das — natürlich ebenfalls streikende — 
Dienstmädchen nach dem Poltzeibüro schicken konnten. Der 
Bürgerstreik, meinte er, sei ein genau so gutes Mittel gegen 
den Terror, wie der Selbstmord gegen den Tod. Worauf es 
ein allgemeines Durcheinanderschreien gab. Ich mischte mich 
in die Debatte und schlug vor, jeden Ärbeiterstreik mit einem 
Streik der Frauen zu beantworten. Wenn die h rauen den 
Männern kein Essen mehr kochen würden, dann würden diese 
es sich wohl reiflich überlegen, bevor sie die Arbeit einstellten. 
Aber ich hatte kein Glück mit dem Vorschlag. Papa sah 
mich scharf über die Brille an, das sollte heissen: Mische Dich 
nicht in das Gespräch ernster Männer. Und Onkel Max 
meinte, ich sei reif für den Berliner Bürgerrat. Was wahr 
scheinlich keine Schmeichelei für mich und den Bürgerrat sein 
sollte. Im übrigen würde es wirksamer sein, meinte er, wenn 
die Frauen statt des Essens den Männern etwas anderes ver 
weigern würden. Der alte Grieche Aristophanes habe dieses 
Thema in einem seiner Stücke sehr eingehend behandelt. Ich 
entsinne mich gar nicht, in meiner Literaturstunde etwas darüber 
gehört zu haben, und weiss nicht, womit die Athenischen 
Frauen ihre Männer kirre gekriegt haben. Na, vielleicht weiss 
es Botho. 
8. April. Unerhört! Das Berliner Polizeipräsidium will 
42 grosse Luxuslokale schliessen. Warum? Im Interesse der Volks 
ernährung. Es würden, meint die staatliche V erteilungsstelle, 
der Bevölkerung durch diese Restaurants, Dielen und Kabaretts 
zu viel von unseren knappen Lebensmitteln entzogen. Das ist 
mir einfach unverständlich. In diesen Lokalen wird doch nicht 
Kartoffelbrot mit Kriegsaufstrich und der sonstige Markenkram 
gegessen! Oder soll von jetzt an jeder Deutsche allwöchentlich 
ein Schnitzel ä la Holstein, eine Portion Rehrücken, eine Schale 
Melba-Eis und zwei Kaviar-Schnitten auf seine Lebensmiltel- 
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Celelo«! Eützow 5772 
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Wohnungsschutz 
BERLIN C. 2 0 BURG-STRASSE 29 
AMT NORDEN, 9023-38 NACHTS: STEINPLATZ 8301 
entsendet für Ule N a c Ix i 
Wachmannschaften 
in jeder gewünschten Anzahl zur 
Bewachung von Geschäflslokalen und 
Privatwnhnnnsen während der Reisezeit 
Ständige Kontrolle durch Kriminal-Kommissar 
Lehnerdt vom Polizei-Präsidium, Berlin. 
karten erhalten? Ich möchte doch sehr bezweifeln, dass die 
Vorräte, die man durch Schliessung der 42 Lokale für die 
Allgemeinheit rettet, die Speisekarte des deutschen Volkes 
sonderlich bereichern werden. Bruder Viktor ist ganz meiner 
Meinung. Er hält die Verfügung des Polizeipräsidiums nicht 
nur für zwecklos, sondern auch für im höchsten Grade unsozial, 
weil sie die ganze Revolution mit allen ihren Errungenschaften 
in Frage stelle, ln den Lokalen, die man jetzt schliessen wolle, 
verkehrten die angesehensten und einflussreichsten Persönlich 
keiten. Wenn die auch bisher noch gute Miene zur Revolution 
gemacht hätten, in dem Moment, wo man ein Attentat gegen 
ihren Magen unternehme, müsse ihre Geduld ein Ende haben. 
„Das geht ja noch über den Terror!“ hat ein bekannter Bank 
direktor gesagt. Victor meint, dass drei Tage nach der 
Schliessung der Lokale die Gegenrevolution da sei. Im Polizei 
präsidium scheint man selbst ein bischen Angst vor der eigenen 
Courage zu haben, denn man hat den Schliessungstermin schon 
um vier Wochen hinausgeschoben und wird, wenn die vier 
Wochen um sind, wohl die ganze Sache fallen lassen, „um 
nicht die vielen Kellner brotlos zu machen.“ Die Herren 
wissen eben ganz gut, dass allzu scharf schartig macht. Den 
Adel haben sie auch immer noch nicht abgeschafft, Gott sei 
Dank. Denn wenn Botho einen bürgerlichen Namen annehmen 
muss, werde ich ihn wohl kaum heiraten, so lieb ich ihn auch 
habe. Aber es wird wohl nicht so weit kommen. Schliesslich 
muss doch alles seine Grenzen haben, sogar eine Revolution. 
Die Berliner Stadtverordneten denken denn auch gar nicht daran, 
ihre alten, goldenen Amtsketten mit dem Königsbildnis abzulegen. 
Bravo! Jetzt, wo auch Damen im Stadtparlament sitzen, sollen 
diese schonen Ketten abgeschafft werden? Ich mochte wohl 
wissen, wo man die Kandidatinnen für die weiblichen Mandate 
hernehmen will, wenn man ihnen untersagt, den goldenen Schmuck 
zu tragen! 
1 1. April. Im Königlichen Marstall ist gestern grosse 
Auktion gewesen. Alle die schonen Coupes, Dogkarts und 
Daumont-Wagen des ehemaligen Hofes sind unter den Hammer 
gekommen. Ein burleskes Intermezzo in der grossen Schicksals 
tragödie, die sich jetzt abspielt. Das Intermezzo hat sich 
übrigens bis in unsere eigene Familie hinein fortgesetzt. Bruder 
Hänschen fragte Papa ganz harmlos, ob er uns nicht bei dieser 
Gelegenheit einen hübschen Landauer kaufen wolle, der doch 
sicher billig zu haben sein werde. Statt des Landauers erhielt 
er aber von Papa eine schallende Ohrfeige. Immer muss er 
Papas Unzufriedenheit mit den heutigen Verhältnissen ausbaden, 
der arme Junge! 
Wie ich übrigens gehört habe, hat sich unser Schlächter 
auf der Auktion einen hübschen Jagdwagen gekauft. Er muss 
also doch wohl an dem Filet, das Mama immer hinten herum 
von ihm bezieht, ganz hübsch verdienen, obwohl er nur elf 
Mark für das Pfund nimmt. Und noch ein anderer Kriegs 
gewinnler fährt heute in einem vormals königlichen Wagen: 
Der Sohn unseres Portiers, derselbe, mit dem ich im Januar 
das Abenteuer an der Ecke der Potsdamer- und Lützowstrasse 
gehabt habe. Ich werde noch immer rot, wenn ich daran 
denke, und traue mich gar nicht, die Kino-Piakate an den 
Anschlagsäulen anzusehen. Am Ende trete ich, ohne es zu 
wissen, schon lange öffentlich mit dem Burschen auf. Er hat 
sich in der letzten Zeit auf Zucker und Schweizer Schokolade 
geworfen und soll monatlich 30000 bis 40000 Mark damit 
verdienen. Eine schöne eingerichtete Wohnung in der Stüler- 
Strasse hat er bereits, und ein passendes Verhältnis dazu natürlich 
auch. Sein drittes Wort ist jetzt: „Freie Bahn dem Tüchtigen!“ 
19. April. Es wird in Berlin wieder einmal ein bischen 
gestreikt. Diesmal sind die Warenhäuser und die Banken 
daran. Papa ist ganz aufgeregt, weil er ein paar grosse Zahlungen 
zu leisten hat, aber kein Geld von seiner Bank bekommen 
kann, die seit einer Woche geschlossen ist. Er hat Finanzrat 
Mayer um Rat gefragt, aber der hat die Achseln gezuckt und 
gesagt, ihn gingen die Berliner Banken nichts mehr an. Er 
habe sein Geld längst im Ausland. Worauf Papa ihm gehörig 
die Meinung sagte und von „Subjekten“ sprach, die ihre Pflichten 
gegen das Vaterland vergässen. Das glitt aber von dem Finanzrat 
ab, wie Wasser von einer Ente. 
Auch die Angestellten der Kriegsorganisationen haben 
streiken wollen, aber sie haben es sich schliesslich anders 
überlegt. Sie fürchten wohl, es könnte sonst einmal Ernst mit 
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Hfledermaus 
I... ■ 14 Unter den Linden 14 
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