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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

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2. Der Pate der Revolution. 
November 1917. Zimmer 6 im .Deutschen Theater“, erster Stock 
links. In der Mitte ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Stuhl der 
Dichter. Auf dem Tisch sein Manuskript. Er pfeift leise den Radetzki- 
Marsch und trommelt ungeduldig den Takt auf der Tischplatte. 
Der Dramaturg tritt ein. .Sie wünschen mein Herr?“ 
Der Dichter (enttäuscht): «Sie sind nicht Herr Professor Reinhardt? 
Ich wollte den Herrn Direktor persönlich . . .“ 
Der Dramaturg: .Ich vertrete ihn hier. Um was handelt es sich?“ 
(Mit einem Blick auf das Manuskript). .Um ein Stück?“ 
Der Dichter: .Um ein Drama. Um ein Revolutionsdrama. Das 
heisst, die Revolution selbst ist nicht sein Gegenstand. Es lässt sie 
nur ahnen. Es ist der Vorbote der kommenden Revolution, ihr Auftakt 
sozusagen.“ 
Der Dramaturg (gleichmütig): .Wenn das die ganze Empfehlung 
für Ihr Stück sein soll . . .“ 
Der Dichter: .Aber mein Herr! Wissen Sie nicht, was das heisst 
ein Stück, das die Revolution verkündet? Ihr seinen feurigen Atem 
entgegenscbickt? Wissen Sie nicht, was die Bedeutung von Rousseaus 
Schriften, von Beaumarchais .Figaro“ ausmacht? Sie haben die grosse 
Revolution eingeläntet, sie waren ihre Paten. Nur dadurch sind sie 
unsterblich geworden.“ 
Der Dramaturg: .Sie haben ganz recht, mein Herr. Die Bedeutung 
dieser Werke liegt in der Tat darin, dass die Revolution bald auf sie 
folgte. Wäre die Revolution von 1789 zufällig nicht ausgebrochen, so 
würden die Namen Rousseau und Beaumarchais — nun, sagen wir milde; 
nicht so bekannt sein, wie sie es sind.“ 
Der Dichter reisst entsetzt die Augen auf. 
Der Dramaturg: .Der Zufall spielt eben eine grosse Rolle, im Leben 
der Kunst wie anderswo. Ich glaube, es sind seil Beaumarchais Tagen 
100 bessere Stöcke geschrieben worden als sein Figaro, und mit ganz 
ähnlicher Tendenz. Aber es fehlte ihnen die geschichtliche Resonanz. 
Die nachträgliche Reklame, der grosse Paukenschlag ist zufällig aus 
geblieben. Und so wird es auch bei Ihrem Stück weit mehr darauf 
ankommen, ob die Revolution, die Sie ahnen lassen, wirklich eintritt, 
als darauf, ob es etwas taugt.“ 
Der Dichter: .Aber die Revolution wird kommen. Sie muss 
kommen!“ 
Der Dramaturg: .Mag sein. Aber wann? Vielleicht erst, wenn 
niemand mehr die Patenschaft Ihres Stücks gellen lässt. Dann kommt 
der Paukenschlag zu spät. Sie müssen zugeben, dass das Risiko gross 
ist. Wir sind jetzt im November 1917. Wenn Sie mir garantieren 
können, dass die Revolution innerhalb — nun, sagen wir, innerhalb 
eines Jahres ausbricht, so will ich Ihr Stück unbesehen aunehmen. Auf 
unerer Bühne wird ja doch ganz was anderes daraus. Nun, können 
Sie das garantieren?“ 
Der Dichter: .Nein, das kann ich nicht.“ 
Der Dramaturg: ,Na alsol“ 
3. Der Feind. 
Ort der Handlung: Amtsgericht Berlin-Mitte. Personen: Der Amtsge- 
richtsrat (Vorsitzender), der Rechtsanwalt (Verteidiger), die Arbeiterin 
(Angeklagte), zwei offenen Auges schlafende Herren (Schöffen). 
Der Amtsgerichtsrat: .Der Fall, zu dem wir jetzt kommen, ist ein 
besonders betrübliches Zeichen unserer heutigen Demoralisation. Em 
pörend für jedes vaterländisch fühlende Herz. Angeklagte, Sie haben . . . 
stehen Sie auf, wenn ich mit Ihnen rede!“ 
Die Angeklagte steht auf. 
Der Amtsgerichtsral: .Sie haben sich am 27. Mai 1918 im Lokale 
des Gastwirts Münzer von dem dort anwesenden kriegsgefangenen Russen 
Mosczt — scheusslicher Name — mit Bier freihalten lassen. Sie haben 
ferner mit einer Freundin zum Vergnügen des Mosczt, also eines Feindes 
unseres Landes, zweideutige Tänze aufgeführt. Was haben Sie hierzu 
zu sagen?“ 
Die Angeklagte blickt stumm auf den Verteidiger. 
Der Amtsgerichtsrat: .Sie haben endlich mit demselben Mosczt — 
scheusslicher Name! — sträflichen Verkehr gepflogen. Während Ihr 
Mann für sein Vaterland kämpfte. Und obwohl Sie Mutier von drei 
Kindern sind. Waa haben Sie zu Ihrer Entschuldigung zu sagen?!“ 
Die Angeklagte blickt stumm auf den Verteidiger. 
Der Verteidiger: .Die Angeklagte gibt den Tatbestand zu. Sie be 
hauptet aber, ihr Mann sei ein notorischer Lump. Er habe im letzten 
Jahre einmal |4 Tage Urlaub gehabt und von dieser ganzen Zeit nur 
eine einzige Nacht zu Hause zugebracht.“ 
Der Amtsgerichtsrat: .Das kann uns hier gleichgültig sein, üebrigens 
hätte die eine Nacht vollkommen genügt, um der Angeklagten die Er 
füllung ihrer vaterländischen Pflichten zu ermöglichen. Das Gericht er 
blickt io ihrem Verkehr mit einem Landesfeinde ein würdeloses Ver 
halten und einen groben, einen empörenden Verstoss gegen die guten 
Sitten.“ 
Verteidiger: «Die Angeklagte wendet hiergegen zweierlei ein. 
Erstens, dass zur Zeit ihres Umganges mit Mosczt der Friede von Brest- 
Litowsk schon geschlossen, Russland also garnicht mehr unser Feind war.“ 
Der Amtsgerichtsral: .Das kann die Angeklagte nicht entlasten. 
Ende Mai 1918 war der Friede von Brest-Litowsk zwar bereits ge 
schlossen, aber noch nicht publiziert; das ist erst im Juni geschehen. 
Das nationale Empfinden wurde also durch den Verkehr der Angeklagten 
mit dem Russen Mosczt — scheusslicher Name — damals noch im 
höchsten Grade verletzt . . .“ 
Der Verteidiger; .Die Angeklagte wendet ferner ein, dass Mosczt 
überhaupt kein Russe ist, sondern ein Deutscher. Er heisst in Wirk 
lichkeit Most und ist vor 13 Jahren aus dem Zuchthaus zu Thorn aus- 
gebrochen und über die Grenze geflüchtet. Ich habe in Thorn nach 
gefragt und heute früh die Dokumente erhalten. Die Identität ergibt 
sich aus der Personalbeschreibung: Stirn niedrig, Ohren abstehend, 
Nase eingedrückt. Besondere Kennzeichen: Auffallend roher Gesichts 
ausdruck, das halbe rechte Ohr fehlt. Ich gebe die Schriftstücke hier 
mit zu den Akten.“ 
Der Amtsgerichtsrat (studiert die Akten): «Unter diesen Umständen- 
kann die Anklage nicht aufrecht erhalten werden. Mosczt ist in der 
Tat kein Landesfeind, sondern heisst Most und ist ein guter Deutscher. 
Das nationale Empfinden ist also nicht verletzt. Ein Verstoss gegen 
die guten Sitten liegt nicht vor. Angeklagte, Sie können gehen.“ 
Der Verteidiger (leise zur Angeklagten): .Ich gratuliere Ihnen. Sie haben 
Glück. Wenn der Gerichtshof alles wüsste, wären Sie nicht so davon 
gekommen. Most ist nämlich doch Rosse; er bat sich in Russland 
naturalisieren lassen “ Neander. 
Des Dramatikers Klage. 
Nun habt Ihr alles, was vormals war, 
Gekehrt mit eisernem Besen! 
Es fiel der Purpur; bald folgt der Talar, 
Als wäre er nie gewesen. 
Die alte Ordnung, die stramme Zucht 
Ging unter im Umsturz-Getöse. 
Der neunte November warf uns mit Wucht 
In’s Jenseits von Gut und Böse. 
Versunken ist, was einst uns wert, 
Mit Donnern und mit Wettern. 
Ihr habt uns etwas gewaltsam bekehrt 
Zu Euren neuen Göttern! 
Je nun! Die Welt ist robust und wird 
Es gewiss auch diesmal ertragen, 
Dass eigenmächtig Ihr umgeschirrt 
Unsern alten Erdenwagen. 
Bleibt jetzt im Takt die Zeitenuhr, 
So will ich mich mit Euch freuen. 
Nur dass Ihr gestürzt die — Theaterzensur, 
Das kann ich Euch nicht verzeihen. 
Denn was ich habe und was ich bin, 
Das dank’ ich des Zensors Verboten. 
Ihm galt nicht das Können, ihm galt nicht der Sinn, 
Ihm galten nur die Zoten. 
Ich schrieb sie — und die Welt horchte auf, 
Da jener den Rotstift zückte. 
Ich wurde bekannt wie Josef Lauff, 
Nur weil er mich unterdrückte. 
Halt, halt! Ihr seid mir zu radikal! 
Was wird denn aus mir und so vielen, 
Wenn auf offener Bühne, vor kritischem Saal 
Sie unsere Stücke spielen! ... /?,/?, 
Alleinige Pobn'könfen Blonk6Bdvou3iDc/1fri-Ncii«0ttv
        
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