Path:

Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Blumke zu sagen: „Jetzt haben wir gegessen und ge 
trunken, nun können wir alle Strapazen entbehren, nur 
das Schlafen nicht.“ Auch das Wetter war warm und 
schön, gerade so, wie man sich’s auf Reisen wünscht. 
Und Bekannte hatten Blumkes auch schon, ein junges 
Ehepaar aus der Provinz, dem die Berlinerin mit ihrer 
neuen Toilette imponierte. Soweit war also alles wunder 
schön, und die Wochen flogen nur so dahin. Da, eines 
Tages, — man war nun schon bald drei Wochen von 
Plause fort — kam ein Telegramm. Blumkes liebten 
keine Telegramme, schon gar nicht in der Sommerfrische. 
Aber schliesslich musste man das Ding doch öffnen. Es 
enthielt die kurze, aber wenig erfreuliche Mitteilung: 
„Haben Befehl, sofort nach der Türkei abzureisen, bedauern 
sehr, Ihre Wohnung verlassen zu müssen. Schlüssel beim 
Portier.“ 
Blumkes sahen sich an. Ein Paradies versank vor 
ihren Augen. Frau Anastasia fasste sich zuerst. Sie 
redete nicht viel, sondern fing an zu packen. Und wieder 
schloss sich der Koffer mit einem leichten Aechzen, aber 
diesmal ächzte Frau Blumke mit. Dann fuhren sie heim, 
dritter Klasse natürlich. (Auf dem Hinweg waren sie 
zweiter gefahren). Unterwegs machte Herr Blumke einen 
Ueberschlag; 
Ein Schrank 350 Mk. 
Vogelbauer 125 
Vermittlerin 125 
= 600 Mk." 
Das waren die nackten Auslagen; Kleid, Hut und 
die teure Badereise noch garnicht gerechnet. Einen 
solchen Reinfall hatte er im Geschäft seit zehn Jahren 
nicht erlebt. 
Zu Hause angelangt, stürzte Frau Blumke die Treppen 
zur Wohnung hinauf. Gottlob, es fehlte nichts, alles 
stand in schönster Ordnung an seinem Platz. Da fiel 
sie in einer plötzlichen Aufwallung ihrem Mann um den 
Hals: „Ach Peterchen, mir fällt ein Stein vom Fierzen. 
Ich habe gestern die ganze Nacht kein Auge zugemacht, 
wenn ich es Dir auch nicht gesagt habe. Wer hat uns 
denn garantiert, dass die Türken wirkliche Türken, und 
keine Gelegenheits-Einbrecher gewesen sind? ln diesen 
schrecklichen Zeiten ist ja alles möglich! Ich habe uns 
im Geiste schon ausgeraubt gesehen, den roten Salon, das 
Silber, die Betten, alles verschwunden!“ 
„Das hätte gerade noch gefehlt,“ brummte Blumke. 
„Aber so viel weiss ich; Noch einmal vermiete ich meine 
Wohnung nicht!“ Ferida. 
HECTZOe 
5DEiTEcJTB / B EßLIN C 2 / BCUDEGiT^ 
FORTLAUFEND EINGANG VON 
NEUHEITEN 
| N DAMENKLEIDUNG/KINDERKLEIDUNG 
& damenhüten 
vor dem Kriege zurückversetzt, als die Kellnerin die runde, 
weisse Schaumschale mit der Schlagsahne-Füllung auf den 
Tisch setzte. Alle Illusionen von ehemals wurden in mir 
wach. Sie verflogen freilich beim Genuß, wie das meistens 
bei Illusionen der Fall ist. Die Schaumkruste schmeckte nach 
irgend einem chemischen Produkt und die Schlagsahne nach 
schlechter Gelantine oder gutem Leim. Aber rings um mich 
herum löffelte alles mit glänzenden Augen und verklärten 
Mienen, und so redete ich mir auch ein, es schmecke garnicht 
so übel. 
Dann reichte mir Eugenie ihre silberne Zigareltendose, und 
wir qualmten wie ein paar Oberförster. Seitdem der Tabak 
in Deutschland so gut wie verschwunden ist, und eine Zigarette 
fragwürdiger Qualität 30 bis 30 Pfennig kostet, gehört es ja 
zum guten Ton, dass die Damen in allen öffentlichen Lokalen 
rauchen. Viel Vergnügen habe ich zwar nicht davon, im 
Gegenteil. Aber man muss die Mode doch mitmachen. Im 
übrigen raucht heute alles, gross und klein, jung und alt. Im 
Theater, in der Strassenbahn, in den Nichtraucher-Abteilen der 
Stadtbahnzüge, überall, wo das Rauchen eigentlich streng ver 
boten ist, wird gepafft. Wer vor dem Kriege Abstinenzler war, 
ist heute Kettenraucher. Ich weiss nicht, woher die Unmengen 
Tabak kommen, mit denen jetzt die Berliner Luft parfümiert 
wird. Die deutschen Kirschbäume können unmöglich solche 
Quantitäten liefern, und das Heu reicht, nach der schlechten 
Ernte im vorigen Jahre, noch nicht einmal für die Kühe. Es 
muss also doch wohl viel Laub aus dem Ausland herein 
geschmuggelt werden. Onkel Max meinte, der schlechte Stand 
unserer Valuta käme daher. Ich fragte ihn, was „Valuta“ 
eigentlich sei, und da sagte er, Valuta sei für die Grossen 
dasselbe, wie der schwarze Mann für die Kinder; wenn die 
Leute etwas haben wollten, was sie nicht kriegen könnten, 
so drohe man ihnen mit der Valuta. Da werde einer klug 
daraus! 
Uebrigens hat mir Eugenie ihr neues Zigaretten-Etui ver 
dächtig oft und in auffälliger Weise gereicht. Es muss damit 
irgend eine besondere Bewandtnis haben, denn meine liebe 
Cousine tut doch nichts ohne Absicht. Sie wollte wohl, dass 
ich sie nach der Herkunft fragen sollte. Aber den Gefallen 
habe ich ihr nicht getan. Lieber komme ich vor Neugier um. 
1. April. Gestern Abend gab es in unserem „Tabaks 
kollegium,“ bestehend aus Papa, Bruder Viktor, Onkel Max 
und Finanzrat Mayer, wieder eine lebhafte Debatte, und zwar 
über den „Bürgerstreik“. Die vereinigten Bürgerräte Deutschlands 
haben nämlich beschlossen, den bolschewistischen Terror 
energisch zu bekämpfen und jeden Generalstreik der Arbeiter 
mit einem Generalstreik der Bürger zu beantworten. Mayerchen 
war Feuer und Flamme für diesen Vergeltungsstreik und wieder 
holte fortwährend „similia similibus!“ Viktor war natürlich 
seiner Meinung. Bürgerstreik bedeutet Büroschluss für Tage 
oder Wochen, und das ist sein Fall. Aber Papa war gegen 
solche Selbsthilfe und rief nach dem Militär. „Gegen Spartakisten 
helfen nur Artilleristen.“ Und Onkel Max war wie immer 
ironisch. Man solle sich nur vorstellen, welchen Eindruck es 
auf die Spartakisten machen müsse, wenn plötzlich die Gerichte 
streikten und keinen Verbrecher mehr verurteilten; oder wenn 
Aus Eva van Koster’s Tagebuch. 
20. März. Heute habe ich nach langer Zeit wieder ein 
Sahnenbaiser gegessen, bei Telschow am Zoologischen Garten. 
Eugenie, die kleine Naschkatze, hat mich dazu eingeladen. 
Seitdem sie bei ihrem Vater eine Teuerungszulage auf ihr 
Taschengeld durchgesetzt hat, leistet sie sich alle möglichen 
Extravaganzen. Ich fühlte mich förmlich in die schöne Zeit
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.