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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

„Möblierte Wohnung zu vermieten.“ 
Heute hatte Herr Blumke keine Ursache, beim Abend 
brot mit den Fingern auf dem Tisch herum zu kratzen, 
womit er anzudeuten pflegte, dass er bei dem vielen 
Grünfutter noch zum Kaninchen würde. Nein, heute gab 
es Eierkuchen (das Ei zu 1,25 Mk.) mit Speck — sein Leib 
gericht. Und das hatte einen guten Grund: Frau Blumke 
wollte verreisen. Wohin? Natürlich nach Pöltritz, wo 
Krauses voriges Jahr gewesen waren. Die schwärmten 
noch heute von der reichlichen und guten Verpflegung 
und von der schönen Gegend. Aber der Preis; 12 Mark 
pro Kopf beziehungsweise Magen! Na, was Krauses 
können, das können wir auch, dachte Frau Blumke, und 
plötzlich kam ihr ein famoser Gedanke. Hatten nicht 
Krauses ihre Wohnung vermietet und soviel Geld ein 
genommen, dass die Badereise dabei heraus kam? Das 
mussten sie, Blumkes, ebenso machen! 
Herr Blumke war gerade bei seinem dritten Eierkuchen 
angelangt, als Frau Anastasia — sie hiess wirklich 
Anastasia — mit ihren Plänen herausrückte. 
„Sieh mal, Peterchen“ — wenn sie etwasBesonderes von 
ihrem Mann wollte, sagte sie immer: Peterchen — „Du 
wirst alle Tage magerer und musst einmal was für Dich 
tun. Von dem vielen Flerumrennen und dem langen 
Anstellen bin ich auch sehr herunter. Dr. Kratzmich 
meinte neulich erst, es sei höchste Zeit für mich, ein 
Weilchen auszuspannen Deshalb dachte ich, es wäre 
doch wunderschön, einmal wieder ein paar Wochen zu 
verreisen “ 
„Und das Geld?“ fragte Blumke, „denkst Du denn, 
wir sind Kriegslieferanten?“ „Ach was, Geld!“ rief Frau 
Anastasia. „Das liegt auf der Strasse!“ Und nun ent 
wickelte sie ihren Plan. Wie ein Advokat verstand sie 
zu reden und zu überzeugen. „Wir vermieten unsere 
Wohnung, erhalten schönes Geld dafür, und die Mieter 
bewachen obendrein unsere Möbel. Eingebrochen kann 
also bei uns nicht werden, während wir weg sind.“ 
Dieser letzte Trumpf schlug durch. Herr Blumke erklärte 
sich brummend einverstanden. 
Nun hiess es aber auch gleich handeln, denn in 14 
Tagen sollte die Reise losgehen. Und wenn man sich 
jetzt auch einschränkte — ein neues Kleid und einen 
eleganten Hut musste Frau Blumke schliesslich doch 
haben. Also stiefelte der brave Ehemann am nächsten 
Morgen sehr vergnügt mit seiner Offerte „Möblierte 
Wohnung zu vermieten“ in das nächste Annoncenbüro. 
Aber, o Schreck, vor 3 Wochen war keine Aussicht, das 
Inserat gedruckt zu sehen. Nun, es gibt ja mehr Zeitungen 
in Berlin! Aber bei der nächsten Zeitung war des 
Gleiche: Papiermangel, Anhäufung von Inseraten etc. 
So kam Herr Blumke ziemlich verdriesslich zum Mittag 
essen. 
Aber Frauen wissen immer Rat: „Da wenden wir 
uns einfach an ein Mietsbüro; es stehen ja eine Menge 
im Adressbuch.“ Und wirklich, Frau Blumkehatte Glück. 
Am nächsten Tage kam eine Vermittlerin, beschnüffelte 
die Wohnung von allen Seiten und fragte nach dem Preis. 
„400 Mark,“ sagte Frau Blumke schüchtern. Das fand 
die Frau aber zu niedrig, (Frau Blumkes Herz hüpfte): 
500 Mark für den Monat sei angemessen. Und sie habe 
auch schon ein paar reiche Türken, die auf drei Monate 
solche Wohnung suchten. Ihr Honorar sei ein Viertel der 
ersten Monatsmiete. Frau Blumke wusste sich vor Freuden 
nicht zu lassen. Drei Monate konnten sie fortbleiben, wie 
lange Gesichter würden Krauses da wohl machen! 
Am nächsten Tage erschienen auch wirklich die 
beiden Türken (Gott, wie interessant, dachte Frau Blumke) 
in Begleitung der Vermittlerin. Die Wohnung sagte ihnen 
zu, und sie legten 500 Mark für den ersten Monat auf 
den Tisch. Frau Blumke zahlte der Vermittlerin gleich 
das Honorar von 125 Mark, und alles war in schönster 
Ordnung. Ein paar Wünsche hatten die neuen Mieter 
allerdings vorzubringen. Der eine wollte gern einen 
zweiten Kleiderschrank. Er entschuldigte sich förmlich 
wegen seiner vielen Garderobe. Na, einen Kleiderschrank 
kann man immer brauchen, dachte Frau Blumke und 
stimmte zu. Der Andere wünschte ein grosses Vogel 
bauer; er habe einen Papagei geschenkt bekommen. 
Frau Blumke wurde etwas ungehalten — aber schliesslich 
1500 Mark sind 1500 Mark, und was konnte so ein Käfig 
schon kosten! Also wurde man einig und war allseitig 
zufrieden. 
Am nächsten Tage gingen Herr und Frau Blumke 
einkaufen. Zuerst das Kleid, dann den Hut, beides hübsch 
und elegant, man konnte sich’s ja leisten. Nun musste 
der Schrank besorgt werden, den gab es wohl am besten 
im Warenhaus. Frau Blumke wollte einen weisslackierten, 
das war schon immer ihr Schwarm gewesen. Als sie 
aber den Preiszetfel mit der Aufschrift „450 Mark“ sah, 
bekam sie einen gelinden Schreck und entschied sich für 
einen braun gestrichenen. War’s möglich, der kostete 
auch schon 350 Mark! Da musste man doch zu einem Alt 
händler gehen. Und sie gingen. Nicht zu einem, nein 
zu fünfen. Ueberall dasselbe: Unter 400 Mark kein noch 
so einfacher Schrank. Und bei jedem wackligen Gestell 
hiess es; „Ja, das ist noch Fnedensware.“ Sie kehrten 
reuig ins Warenhaus zurück und nahmen den braunen. 
Nun blieb noch das Vogelbauer. „Weisst Du, Peterchen, 
das besorge ich morgen allein, jetzt sind wir müde und 
hungrig.“ Blumke stimmte zu. 
Die Jagd nach dem Vogelbauer dauerte drei Tage, 
aber dann hatte Frau Blumke es geschafft. Kostenpunkt 
125 Mark „billigst.“ Nun konnten die eigentlichen Vor 
bereitungen zur Reise beginnen. Erst musste Frau 
Blumke allerdings „gross reinmachen;“ denn sie setzte 
doch ihren Stolz darein, die Wohnung blitzsauber zu 
übergeben. Aber schliesslich ging’s an’s Packen. Und 
als man sich auf den schweren Koffer gesetzt hatte, der 
mit einem leisen Aechzen zuschnappte, da atmete Frau 
Blumke auf. 
♦ ♦ 
♦ 
In Pöttritz war es wunderschön. Morgens gab es Kaffee 
mit Milch, Brot und Butter. Für Blumkes lang entbehrte 
Genüsse. Dann ging es den ganzen Tag so weiter; Essen, 
Trinken und Spazierengehen. Am Abend pflegte Herr 
\ 
Linden- Büfett I 
Unter den Linden 17-18 
Vornehmste Bar 
der Friedrichstadt 
/
        
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