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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

auf der Pultplatte. Der Fremde war verwirrt und nestelte 
ungeschickt an seinem Paket herum. Er merkte, dass der 
Graf mit Detektivaugen jede seiner Bewegungen verfolgte und 
wie zum Sprunge bereit stand. Endlich entnahm er dem 
Papier ein blaues, zusammengerolltes Heft und legte es zögernd 
neben die geöffnete Hand des Kaisers. Der schlug darauf, 
dass es flach lag, kniff die Augenlider zusammen und bemühte 
sich, die Aufschrift zu entziffern. Dann blickte er scharf in die 
Höhe, dem Fremden in’s Gesicht: 
„Perkeo? .... Was ist das?“ 
Der Fremde zitterte leise vor Erregung. Er blickte ab 
wechselnd auf den Kaiser und auf den Grafen und sagte 
dann stockend, mit heiserer Stimme: „Ein Buch, das ich ge 
schrieben habe . . . vor Jahren schon . . . Nur für Majestät 
bestimmt . . . “ 
„Was enthält das Buch? Was betrifft es?“ 
Der Fremde beugte sich leicht vor und blickte scheu auf 
den Grafen, der ihn noch immer aus der Entfernung beobachtete. 
Dann sagte er ganz leise, kaum hörbar: ,,Das Buch betrifft 
die Schuld die Schuld am Weltkriege.“ 
Die Lippen des Kaisers zogen sich bitter, ein wenig ver 
ächtlich zusammen: „So, die Schuldfrage. Also auch hier 
wieder die Schuldfrage!“ Dann mit einem leisen, wehen 
Hohn in der Stimme: „ Und wer hat die Schuld, nach Ihrer 
Meinung? Wer hat dieses Morden zu verantworten? Vor 
Gott natürlich. Denn vor den Menschen also, mein 
Herr, wer hat die Schuld?“ 
„Ich, Majestät!“ sagte der Fremde. Die Ruhe, mit der er 
das sagte, stand in auffälligem Kontrast zu seiner bisherigen 
Erregtheit. Und als wolle er ein Missverständnis aufklären, 
wiederholte er leise, aber mit Nachdruck: „Ich, Majestät!“ 
Der Kaiser blickte ihn starr an. Dann verzog sich sein Ge 
sicht wie zu einem Lachen. Aber gleich wurde er wieder ernst. 
„Also Sie, Herr .... Herr . . . Und warum sind Sie 
schuld?“ 
„Weil ich die Keime des Krieges kannte, seit Jahrzehnten 
kannte, und sie doch untätig sich habe entwickeln lassen. 
Weil ich die Erkenntnis in mir trug und geschwiegen habe. 
Weil ich dieses Buch schrieb, schon vor sechs lahren, und 
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es in meinem Schreibtisch verschlossen hielt, statt es Ew. 
Majestät zu übergeben. Hätte ich das getan . . . .“ 
„Was wäre dann, mein Herr?“ 
„Dann wäre der Weltkrieg nicht gekommen, und wir wären 
glücklich geblieben. Aber ich habe das Buch unterschlagen, 
sechs Jahre lang unterschlagen, dieses Buch, das Majestät 
gehört. Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht . . .“ 
Die Stimme des Fremden überschlug sich. Es hörte sich 
an, wie ein inneres Weinen. „Und deshalb bin ich schuld“ 
flüsterte er. 
Es war ganz still im Zimmer geworden. Der Kaiser sah 
finster vor sich hin. Es zuckte in seinem Gesicht, und man 
sah, wie die Gedanken in ihm arbeiteten. Der Graf halte 
dem Fremden schon einige Male Zeichen gemacht. Jetzt ging er 
leise auf ihn zu und zog ihn behutsam am Arme mit sich fort, 
zur Tür, aus dem Zimmer. Als der Kaiser aufsah, war er allein. 
Er seufzte tief und stützte den Kopf in die Hand: 
„Die Schuld! Die Erde dreht sich, und die Winde wehen, 
und es bricht ein Orkan aus — wer hat die Schuld?“ 
Er schlug mit müder Hand das Heft auf und begann zu 
lesen.*) Walter Brachvogel. 
Berliner Momentbilder. 
I. Qualifikation. 
Der Generaldirektor setzt umständlich die Brille auf die Nase, schiebt 
sie dann hoch und blickt unter ihr weg auf die Visitenkarte, die ihm 
der Diener überreicht hat. „Ich lasse bitten“, sagt er asthmatisch und 
fällt in seinen Schreibsessel zurück. 
Der junge Mann tritt ein, zwischen 28 und 30, stramme Haltung, 
offener Blick, Schnurrbart gedreht, Haar Walzenbürste. Er macht eine 
elegante Verbeugung, Hacken zusammengeschlagen, Hände an unsicht 
barer Hosennaht. 
Der Generaldirektor: „Sie sind mir von meinem verehrten Freunde, 
dem Geheimen Legationsrat, besonders warm empfohlen. Er hat 
mich . . . (Atempause) gebeten, Sie in einem meiner Betriebe anzu 
stellen. Ich werde es selbstverständlich tun. Aber ich kenne Ihre 
Fähigkeiten nicht, weiss nicht, wofür Sie sich . . , (Atempause) eignen.“ 
Der junge Mann schweigt. 
Der Generaldirektor: „Haben Sie technische Kenntnisse? Waren 
Sie vielleicht auf einer technischen Hochschule?“ 
Der junge Mann: „Nein, Herr Generaldirektor.“ 
Der Generaldirektor: „Hm, also mit einem Ingenieurposten ist es 
nichts.“ Wie steht es denn . . . (Atempause) mit der Materialkenntnis?“ 
Der junge Manu: „Besitze ich leider nicht, Herr Generaldirektor.“ 
Der Generaldirektor: „Also mit dem Einkauf und dem Lager ist 
es auch nichts. Verstehen Sie etwas von Buchführung? Können 
Sie . . . (Atempause) eine Bilanz ziehen? Oder wenigstens ein Haupt 
buch führen?“ 
Der junge Mann: „Bedauere ausserordentlich, Herr Generaldirektor. 
Alle diese Kenntnisse besitze ich nicht. Ich bin viel gereist, habe 
literarische und Kuuststudien getrieben, bin dann 4 Jahre im Felde 
gewesen . . .“ 
Der Generaldirektor: „Das ist schlimm. Mein verehrter Freund, 
der Geheime Legationsrat, ist zwar Ihr Onkel, aber damit allein . . . 
(Atempause) werden Sie einen Posten als Buchhalter, Expedient, 
Korrespondent oder dergl. kaum ausfüllen können.“ 
Der junge Mann schweigt. 
Der Generaldirektor: „Nicht einmal zum Sekretär wird es langen, 
fürchte ich. Denn Sie können ja wohl nicht stenografieren? Es ge 
hören eben . . . (Atempause) Kenntnisse zu jeder Tätigkeit. Aber ich 
habe es Ihrem Herrn Onkel zugesagt ... Da bleibt nur noch eins . . .“ 
Der junge Mann sieht den Generaldirektor fragend an. 
Der Generaldirektor (am Tisch-Fernsprecher): „Müller, wie viel Be 
werbungen sind für den Posten des verstorbenen Direktors Göring ein 
gelaufen? Wie? Etwas lauter! 480? Du meine Güte! Also, Müller, 
die Sache . . . (Atempause) ist erledigt. Ich habe soeben einen Herrn 
engagiert.“ (Zum jungen Mann): „Sie werden kaufmännischer Direktor 
beim Walzwerk Neuhülte werden. Da haben Sie für die Detailarbeiten 
. . . (Atempause) Ihre Leute, und das Disponieren, das Kaufmännische, 
du lieber Himmel, das lernt sich. Wem Gott ein Amt gibt . . . ich 
freue mich. Ihrem verehrten Onkel . . . (Atempause) gefällig sein zu 
können. Bitte bestellen Sie ihm das von mir. Vergessen Sie es aber 
ja nicht!“ 
*) Die Hauptabschnitte von „Perkeo“ erscheinen in den folgenden Heften. 
Dieser Abschnitt bildet das Vorwort. Die Schriftleitung. 
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