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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

keinen einzigen Stiel. Passen Sie auf, was ich Ihnen sage, 
nicht zehn Pfund Kirschen ernte ich nächstes Jahr. Sie tragen 
sich tot, die Malefizbäume! 
Der Ausflügler: Dafür bekommen Sie aber jetzt für Ihr 
Obst horrende Preise. Zwei bis drei Mark habe ich im 
vorigen Jahr für die Kirschen zahlen müssen, und diesmal sollen 
sie noch teurer werden. 
Der Obstzüchter: Das stimmt, Geld bekommen wir jetzt. 
Aber was tue ich mit Geld? Das Geld hat heute keinen 
Wert mehr, fragen Sie, wen Sie wollen. Es ist direkt, als 
ob ich mein schönes Obst verschenke, wenn ich es für Geld 
hergebe. Freuen Sie sich, mein Lieber, dass Sie kein Obst 
züchter sind! Das Obstbauen kommt direkt hinter dem Pferde- 
stehlen! 
Lebens-Auffassung. 
1. Bild. In Mitscher’s Weinstuben. 
Der Bankier: Ein wirklich angenehmer Aufenthalt hier. 
Es ist doch ein wahres Glück, dass es noch solche Oasen 
in der Wüste unserer Zeit gibt. Das Leben wäre sonst ein 
fach nicht zum Aushalten. Uebrigens ist der Burgeff ganz 
vorzüglich, nicht? 
Der Importeur (schmeckt den Wein): Na, so lila. Kommt 
doch nicht an den Pommery heran, den ich vor drei Tagen 
in Basel getrunken habe. Sie wissen, bei meiner letzten 
grossen Seiden-Schiebung. 
Der Bankier: Ja, Sie haben gut französischen Sekt trinken! 
Ich verdiene nicht 300000 Mark auf einen Schlag. 
Der Importeur: Weiss ich denn, wie viel ich von dem 
Geld behalte? Der Staat will einem ja 80 Prozent wieder 
abnehmen. Nette Zeiten! Direkt um ins Wasser zu gehen. 
Prosit, meine Herren! 
Der Kino-Besitzer: Ja, fürchterliche Zeiten. Seit der 
Revolution tue ich nachts kein Auge mehr zu. 
Der Bankier: Sie mit Ihrer Goldgrube? Sie scheffeln ja 
das Geld! Ich wollte mir gestern Abend Ihren neuesten Film 
ansehen, aber glauben Sie, es war möglich? Bis auf den 
Fahrdamm „standen“ die Leute nach Eintrittskarten. Ich hätte 
wohl zwei Stunden warten müssen. Ich taxiere Ihre Tages 
losung auf 10000 Mark. 
Der Kino-Besitzer: Mehr, viel mehr. Aber was hat man 
davon? Die Steuern fressen einem das Haar vom Kopf. 
Meine Leute verlangen jede Woche Zulage und drohen mit 
Streik. Einen Angestellten-Rat haben sie mir auch auf die 
Nase gesetzt. Ich bin nicht mehr Herr in meinem eigenen 
Hause. Es ist, um die Wände hinaufzulaufen . . . Uebrigens, 
wie ist Ihr Rehrücken? Mein Hummer ist deliziös. 
Der Bankier: Danke, es geht. Die Trüffeln sind nicht 
ganz frisch. Wollen Sie es glauben, meine Herren, dass ich 
vor wenigen Tagen ernsthaft daran gedacht habe, dieser Possen 
bühne für immer den Rücken zu kehren? „Freitod“ nennt 
man das ja wohl. Hätte ich nicht Frau und Kinder, wahr 
haftig, ich spielte nicht mehr mit. Ist denn das ein Leben, 
das unsereiner heute führt? Wie in Ketten laufen wir herum, 
und der Mob führt das grosse Wort. Ich wage schon kaum 
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FORTLAUFEND EINGANG VON 
NEUHEITEN 
IN DAMENKLEIDUNG/KINDERKLEIDUNG 
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noch in eine Zeitung zu blicken, aus Furcht neue Drang 
salierungen angekündigt zu finden. 
Der Importeur: Ja, es ist ein Hundeleben. Und keine 
Aussicht auf Besserung. Sie haben ganz Recht, man täte am 
besten, Schluss zu machen. Strychnin oder 7 Millimeter-Kaliber. 
Aber man hat Verpflichtungen. Was wird aus meinem Renn 
stall, wenn ich nicht mehr bin? Und aus meiner kleinen 
Tänzerin? Ich bleibe aus purem Mitleid am Leben, wahrhaftig! 
Die beiden Andern nicken und blicken trübselig in ihre 
Gläser. 
♦ ♦ 
* 
WEIN -STUBEN- HUTH 
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-u WEINGROSSHANDLUNG - 
BERLIN W. • POTSDAMER STR. 139 
ECKE LINKSTR., NAHE PLATZ 
2. Bild. Bei dem Metalldreher Kuhlke. Die ganze Familie, 
neun Köpfe, sitzt um den Esstisch. 
Kuhlke: Die Kartoffeln sind fein, Frau! Hast wohl Fett 
darangetan? 
Frau Kuhlke: Na gewiss! Habe doch vorhin 9 mal 
20 Gramm Margarine bekommen. Das langt wieder für ein 
paar Mittage. 
Kuhlke: Die Lebensmittel-Karten sind doch eine schöne 
Einrichtung. Du kannst übrigens auch mal ein Pfund Fett hinten 
herum kaufen, Frau, und wenn es dreissig Mark kostet. Ich 
habe wieder Lohnaufbesserung bekommen. 
Frau Kuhlke: Schon wieder? Du hast doch erst vor 
vierzehn Tagen .... 
Kuhlke: Jawohl, schon wieder. Zum dritten Mal seit 
einem Monat. Das sind Zeiten, was? Gib mir noch ein 
paar Kartoffeln, Mutter. 
Frau Kuhlke: Geht nicht, Mann. Hast schon über Deine 
Ration. Die Kinder wollen auch was haben. Bist Du denn 
noch nicht satt? 
Kuhlke: Kann ich nicht behaupten. Na, es geht auch so. 
Heute Abend ist Versammlung im „Schwarzen Adler,“ da 
werde ich mir einmal eine Bockwurst von Ziege spendieren. 
Frau Kuhlke: Was macht Ihr denn da schon wieder? 
Kuhlke: Wir wollen der. Sechsstundentag durchsetzen. Denk’ 
einmal, dann bin ich Mittags um I Uhr fertig mit der Arbeit! 
Frau Kuhlke: Und was fängst Du mit der übrigen Zeit an? 
Kuhlke: Na, Zeitung lesen, Kino besuchen, überhaupt 
etwas für meine Bildung tun. Man muss doch zeigen, dass 
man nicht mehr Prolet ist, dass man zur herrschenden Klasse 
gehört. Und Du kommst mit ins Kino, Mutter. Ziehst Dein 
Seidenes von der Hochzeit an. Das wird fein, was? 
Frau Kuhlke: Und wer passt auf die Kinder auf? 
Kuhlke: Wir nehmen uns einfach eine Frau zur Aushilfe 
auf zwei, drei Stunden. Das kann doch den Kopf nicht kosten. 
Und wir haben es ja jetzt dazu. Prosit Mutter, die Revolution 
soll leben! (Trinkt.) Pfui Teufel, was sich heute „Bier“ nennt! 
Frau Kuhlke: Es ist das beste Bier, was es gibt. Die 
Schulzen sagt, es ist Münchener. 
Kuhlke: Na ja, schliesslich hat auch die schönste Zeit ihre 
Schattenseiten. Und wenn man bedenkt, dass die Reichen 
dasselbe Zeug trinken müssen . . . ach, was sage ich denn? 
Die können sich das garnicht mehr leisten. Denen wird ja 
alles fortgenommen. 
Frau Kuhlke: Dass ich das noch einmal erleben würde, 
habe ich nicht gedacht. Wenn die Zeiten nur so schön bleiben! 
Kuhlke: Die bleiben so, Mutter, die bleiben so. Also eine 
Kartoffel kann ich nicht mehr bekommen? Na, schadet nichts, 
schnallen wir den Schmachtriemen eben ein bischen enger. 
Wenn man in einer solchen grossen Zeit lebt, muss man 
schliesslich auch ein kleines Opfer bringen können . . . 
Neander. 
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