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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

„Oder wie wollen Sie es sonst nennen, wenn ein Mann 
den man liebt, Jahre und Jahre hindurch schweigt, und 
auch dann noch stumm bleibt, wenn man ihm zu verstehen 
gibt, dass man ihm einen Andern vorziehen könnte; der 
dann, eines Tages, ohne Abschied zu nehmen, auf Reisen 
geht und zwei, drei Jahre lang nichts, als die bekannten 
Allerweltsgrüsse sendet; der auf die Verlobungsanzeige 
gar nicht reagiert und auf die Anzeige von der Vermählung 
mit dem üblichen Telegramm antwortet; der dann aber 
der Dame beim ersten, zufälligen Wiedersehen, wenige 
Monate nach dem Tode ihres Gatten, eine plumpe Liebes 
erklärung wie eine Pistole auf die Brust setzt . . . wie 
wollen Sie das nennen, mein Freund?“ 
Der Baron war gleichfalls aufgesprungen. Er wollte 
eine heftige Antwort hervorstossen, doch da fiel sein Blick 
auf das graue Haar der Gräfin und erinnerte ihn daran, 
dass er selbst ein alter Mann war. „Zwei Grauköpfe, die 
ein Herzensduell ausfechten“, dachte er wehmütig. „Motiv 
für einen Karrikaturenzeichner“. Und er lächelte sein 
feines, resigniertes Diplomatenlächeln, deutete mit ein 
ladender Geste auf den Sessel ihm gegenüber und nahm 
selbst wieder Platz. Dann sagte er ruhig: 
„Ihr Gedächtnis, verehrte Freundin, ist gut, aber nicht 
lückenlos. Ich muss Sie bitten, in Ihrer Erinnerung noch 
ein paar Jahre weiter rückwärts zu blättern. Sie werden 
dann auf einen Tag stossen, der mir unvergesslich ist, 
obwohl er mehr als dreissig Jahre zurückliegt. Es war im 
Garten Ihres Elternhauses und wir spielten irgend ein 
Schlagspiel, das damals gerade modern war; ich glaube, 
es war Croquette. Sie trugen ein weisses Leinenkleid 
mit dunkelblauem Schulterkragen, und Ihr offenes, blondes 
Haar leuchtete, wenn .Sie liefen, wie ein feines Gold 
gespinst auf dem blauen Grunde. Sie sehen ich entsinne 
mich jedes Details.“ 
„Auch ich entsinne mich ganz genau, mein Freund. 
Sie trugen die linke Hand verbunden, infolge eines Jagd 
unfalls, glaube ich. Ich sollte nicht merken, wie sehr Sie 
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Margarete friedländer«€o 
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Kleider * Blusen•hüte 
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Celefon s Cützow 5772 
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Mampe’s Gute Stube am Kurfürstendamm 
Elefanten-Zimmer im byzantinischen Styl. 
die Wunde behinderte, deshalb spielten Sie Ihre Bälle in 
den absonderlichsten Stellungen, über die ich in einem 
fort lachen musste.“ 
„Und das Lachen stand Ihnen so entzückend, dass ich 
mich nicht beherrschen konnte, sondern Ihnen . . . .* 
„einen Kuss aufdrückte. Sogar das ist mir im 
Gedächtnis geblieben, mein Freund.“ 
„Worauf ich von Ihnen eine schallende Ohrfeige 
erhielt. Sehen Sie, Frau Gräfin, diese Ohrfeige hat seit 
dem zwischen uns beiden gestanden. Sie hat mich am 
Reden gehindert, wenn mir das Herz übervoll war, sie 
hat mich immer wieder die Flucht vor Ihnen ergreifen 
lassen, und wenn uns der Zufall — oder war es etwas 
anderes? — von neuem zusaramenführte und ich bei 
Ihnen die Anzeichen einer Zuneigung zu entdecken 
glaubte, dann rief es in mir; Denke an die Ohrfeige! 
Ich blieb immer der korrekte Jugendfreund und hütete 
mich, jemals wieder in die Rolle des Liebhabers zurück 
zufallen.“ 
„Und Sie haben niemals darüber nachgedacht, wes 
halb ich damals so ... so impulsiv gewesen bin?“ 
„Nein, Frau Gräfin, das habe ich nie getan. Es wäre 
auch unnötig gewesen. Denn dass es nicht aus Liebe 
geschah, war klar und für mich das entscheidende. Was 
Sie sonst etwa bei dem Schlage empfunden haben mögen, 
war mir gleichgültig.“ 
„Und wenn es dennoch aus Liebe geschehen wäre?“ 
„Das ist eine Deutung, F'rau Gräfin, die selbst heute, 
nach dreissig Jahren, nicht sehr wahrscheinlich klingt.“ 
„Und die dennoch die richtige ist. Denn ich lieble 
Sie wirklich, mein Freund Ich liebte Sie, wie nur ein 
junges Mädchen lieben kann, in dem das Leben die 
Ideale noch nicht zerstört hat. Ich liebte Sie mit der 
ganzen Sehnsucht und Keuschheit eines Mädchenherzens, 
für das Sie der Inbegriff aller männlicher Tugenden, aller 
Ritterlichkeit, aller Zartheit, allen Edelmuts waren Ich 
liebte Sie, wie die Damen des Mittelalters ihren Trou 
badour geliebt haben mögen Und da kamen Sie und 
packten mich beim Halse wie ein Friseurgehülfe sein 
Ladenraädel packt, und (orderten mit Gewalt, was ich 
Ihnen freiwillig so gern gegeben hätte. Können Sie sich 
wundern, dass mein Mädchenstolz und meine beleidigte 
Liebe sich zur Wehr setzten?“ 
Der Baron schwieg und blickte angelegentlich auf seine 
Hand. 
„Später bedauerte ich meine Heftigkeit. Und ich 
wartete immer darauf, dass Sie Ihre Werbung in einer 
gemässigteren Form wiederholen würden. Als ich dann 
älter wurde und meine Mädchen-Illusionen von mir alt 
fielen, hoffte ich sogar. Sie würden mich noch einmal, 
wie damals an sich pressen, sei es auch auf die Gefahr 
einer zweiten Ohrfeige Aber Sie taten nichts von alle 
dem. Sie blieben immer der korrekte Freund. Schliess 
lich musste ich glauben, dass es sich bei jenem Kuss nur 
um eine flüchtige Wallung gehandelt habe, und dass Sie 
meine Ohrfeige wirklich verdient hätten.“ 
„Ich habe sie nicht verdient,“ sagte der Baron leise. 
„Dann hat ein Missverständnis uns beide um ein grosses 
Glück gebracht. Oder . . . wer weiss? Vielleicht wäre 
es gar kein Glück gewesen, wenn wir uns gefunden 
hätten. Vielleicht haben die zarten Fäden der Sehnsucht, 
die den einen immer wieder zum andern zogen, in uns 
ein grösseres Glücksgefühl hervorgerufen, als es uns die 
Erfüllung hätte bringen können. Vielleicht sässen wir 
uns jetzt nicht als zwei alte, liebe Freunde gegenüber, 
die in schönen Erinnerungen blättern, sondern gingen 
gleichgültig und innerlich entfremdet neben einander her. 
Wer kann das wissen? Die Ehe ist der Güter höchstes 
nicht . . .“ 
Der Baron schwieg, den Kopf in beide Hände gestützt, 
sodass sein Gesichtsausdruck nicht zu erkennen war. Die 
Gräfin erhob sich 
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Fledermaus 
L“! 14 Unter den Linden 14 
Arthur jaecks 
Fritzi Fred :: Kurt Fritz 
Rosel Jessulat :: Harry Swenson 
Lissi Carussi :: Willy Rösch 
Abends: Das grosse Programm. 
Täglich Anfang 
7 Uhr 
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