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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Si jeunesse savait . . . 
„Erinnerungen sind doch das Köstlichste am ganzen 
Leben!“ sagte die Gräfin leise und schloss das Album, 
in dem sie geblättert hatte, mit einer unendlich zarten 
Sorgfalt, als halle sie ein Juwelenkästlein in den Händen. 
„Es ist das einzige, was einem bleibt“, meinte der 
Baron, indem er die Asche von seiner Cigarre streifte, 
„wenn man so alt geworden ist wie wir beide.“ 
„Und so viele Erinnerungen gemeinsam hat, wie wir. 
Hat es Sie nicht auch überrascht, lieber Baron, wie eng- 
verwachsen unsere Vergangenheit ist? Fast bei jedem 
Bilde, dass ich Ihnen zeigte, nannten Sie mir sofort die 
Entstehungsgeschichte. Es scheint, dass fasst jeder Vor 
gang in meinem Leben ein Echo in dem Ihrigen gefunden 
hat. Ohne es so recht zu wissen, sind wir seit Jahrzehnten 
innig miteinander verbunden. Fast wie Geschwister.“ 
„Fast wie Geschwister,“ wiederholte der Baron. Er 
beugte sich, die Hände auf die Knie gestützt, leicht zur 
Gräfin hinüber, die gedankenvoll in den Kamin starrte 
und auf dem Albumdeckel wie auf einer Tastatur fingerte. 
Um seine Mundwinkel zog ein leises Lächeln, und sein 
Blick suchte die Augen seines Gegenübers mit einem so 
fragenden Ausdruck, dass die Gräfin erstaunt das Album 
aus der Hand legte. 
„Sie sehen mich so eigentümlich an, lieber Freund . . .“ 
Der Baron strich sich mit der Hand über die hohe 
Diplomatenstirn, als wollte er einen Gedanken ver 
scheuchen, der sich dort eingenistet hatte. Dann sagte 
er ablenkend: „Was für prachtvolles Haar Sie haben, 
Gräfin. Man sollte kaum glauben, dass es grau ist. Es 
wirkt wie blond, mit Puder überstäubt. Zur Zeit Marie 
Antoinettes pflegten die jungen Damen so mit dem Alter 
zu kokettieren.“ 
Die Gräfin lächelte fein. „Das sehen Sie jetzt erst, 
lieber Baron? Und Sie kennen mich doch seit bald 
vierzig Jahren!“ 
„Länger, Frau Gräfin, länger. Zweiundvierzig Jahre 
werden es im Sommer. Ich war neunzehn Jahre und 
Fähnrich, als Ihr Bruder mich Ihnen vorstellte. Wissen 
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Flotte, (ch. mir schon, Caru^Le, 
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Sie noch? Es war auf einem Rheindampfer, zwischen 
Coblenz und dem Siebengebirge.“ 
„Stimmt. Sie waren noch vollkommen bartlos, blatten 
ein Babygesicht wie Milch und Blut. Und trugen eine 
blaue Litewka, die wie eine zu kurze Schülerjacke wirkte. 
Und ich selbst hatte ein entzückendes Backfischkleidchen 
an, rosa mit blassgrünen Schleifen.“ 
„Wie genau Sie sich dessen erinnern! Dabei waren 
Sie damals erst 13 oder 14 Jahre alt. Aber bildschön 
sahen Sie aus . . heute darf ich Ihnen dieses Kompliment 
wohl machen. Wissen Sie, woran ich vorhin denken 
musste?“ 
„Nein. Aber Sie werden es mir jedenfalls sagen, 
lieber Baron,“ 
„Ich werde es Ihnen sagen, Frau Gräfin. Ich dachte 
daran, was für ein schönes Paar aus uns beiden hätte 
werden können.“ 
Die Gräfin errötete leicht und blickte aus dem Fenster. 
Sie war etwas verwirrt. Aber es dauerte nur einen 
Augenblick, dann hatte sie ihre alte Unbefangenheit und 
Sicherheit wiedergewonnen. Sie sah ihr Gegenüber fest 
an und fragte lächelnd: „Und wer, lieber Baron, ist 
schuld daran, dass aus uns beiden kein schönes Paar 
geworden ist?“ 
Der Baron schwieg, aber sein Auge, das sich an dem 
der Gräfin gleichsam festsaugte und einen ernsten, fast 
traurigen Ausdruck hatte, gab eine nicht misszuverstehende 
Antwort. 
„Doch nicht etwa ich?“ fragte die Gräfin mit einer 
Stimme, die scherzhaft klingen sollte. 
Der Baron bewahrte sein Schweigen und schien ein 
besonderes Interesse an dem Muster des Teppichs vor 
seinen Füssen zu nehmen. Die Gräfin griff nach dem 
Album und suchte darin mit einer etwas nervösen Hast. 
Als sie ein bestimmtes Bild gefunden hatte, blickte sie es 
lange an und reichte es dem Baron, ohne ein Wort zu 
sagen. Der blickte schnell auf. 
„Nizza? Der Morgen auf der Jetee?“ 
Er versenkte sich in das Bild und nickte mehrmals 
wehmütig, als grüsste er eine schöne Erinnerung. Dann 
gab er ihr das Album zurück und sagte: „Der 
18. Oktober 1898. An jenem Tage sind wir Freunde 
geworden.“ 
„Nur Freunde! Und warum nicht mehr als Freunde? 
Haben Sie damals nicht verstanden, lieber Baron, dass ich 
Ihnen gern mehr geworden wäre? Ich glaube, an jenem 
Morgen sehr deutlich geworden zu sein. Deutlicher viel 
leicht, als es sich für eine reife Frau in unseren Kreisen 
schickt. . . .“ 
„ Ich habe Sie damals sehr wohl verstanden, Frau Gräfin. 
Aber Sie täuschen sich heute selbst, wenn Sie glauben, 
dass es Ihnen Ernst damit war, Ihr Leben an das meine 
zu ketten. Es war nur ein flüchtiges Aufflammen. Viel 
leicht die Sentimentalität, die ein schöner Herbsttag er 
zeugt; vielleicht die letzte Koketterie einer Frau, die zu 
erfahren wünscht, ob sie noch zur Jugend oder schon 
zum Alter zählt; vielleicht einfach eine Laune ... ich 
weiss es nicht, was es war. Ich weiss nur, dass Ihr Herz 
an jenem Tage nicht gesprochen hat.“ 
„Und woher wissen Sie das so genau, lieber Freund?“ 
„Blättern Sie weiter zurück in dem Album, Frau Gräfin, 
und in Ihrem Gedächtnis. Erinnern Sie sich nicht mehr 
jenes Ausflugs von Hamburg nach . . . wohin war es 
noch? Nun, gleichviel. Es war wieder auf einem Dampfer. 
Damals war ich es, der deutlich wurde. Und mir war 
es heiliger Ernst. Aber Sie sahen mich kalt an mit dem 
bewussten hoheitsvollen Blick, den wir immer die „Eis 
mauer,, nannten, und wandten mir den Rücken. In Nizza 
habe ich Sie möglicherweise missverstanden. Aber damals 
habe ich mich sicher nicht getäuscht.“ 
„Nein, mein Lieber, Sie haben sich nicht getäuscht. 
Damals nicht. Ich entsinne mich dieser Dampferfahrt, als 
wenn es gestern gewesen wäre. Und ich weiss auch noch 
ganz genau, was ich bei Ihrer Werbung empfand. Ich 
hatte den Eindruck einer groben, einer geradezu brutalen 
Taktlosigkeit.“ 
„Einer Taktlosigkeit?“ 
Die Gräfin sprang auf und trat dicht vor den Baron hin.
        
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