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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

.Juwelier“. Den Mann scheinen sie gründlich ausgeplünderl zu haben! 
Gehen wir einmal ;;u ihm hinein. 
Die beiden treten in den Laden. Der Besitzer und seine Frau stehen 
hinter dem Ladentisch. 
Der Herr: Man hat bei Ihnen eingebrochcn, wie ich sehe ? 
Der Juwelier Ja, in der letzten Nacht. Sehen Sie nur, wie ge 
schickt die Leutchen das gemacht haben! Das müssen Professionierte 
gewesen sein. 
Der Herr: Hat man Ihnen viel geraubt? 
Der Juwelier: Alles, mein Herr, alles, bis aut den letzten Hemden 
knopf. Echtes und unechtes, alles weg, heidi, futsch, perdutto! 
Der Herr: Und das sagen Sie so vergnügt? 
Der Juwelier: Aber gewiss! Oder glauben Sie etwa, ich bin nicht 
versichert? Sohr hoch bin ich sogar versichert. Und mit Aufruhr- 
Klausel. Die Gesellschaft muss mir alles ersetzen. Solch feines Geschäl 1 
habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht. 
Der Herr: Hören Sie, meine Gnädige? Sogar der Beraubte fühlt 
sich nicht geschädigt. Im Gegenteil. Es zeigt sich hier wieder einmal 
die ganze Oberflächlichkeit unserer wirtschaftlichen Anschauungsweise. 
Man hat bisher den Einbrecher vollkommen falsch beurteilt, die nütz 
lichen Seiten seiner Tätigkeit geflissentlich übersehen. Ein wirklich 
interessantes Problem! Ich werde ein Buch darüber schreiben. 
Der Moral-Film. 
Privatkontor des .Stern-Kino“. Der Direktor studiert die Plakate 
und Textangaben neuer Films. Ihm gegenüber der Vertreter der 
,Castor“-Film-Gesellschaft. 
Der Direktor: Nein, mein Bester, das ist alles nichts für uns. Viel 
zu schlüpferige Tendenz. Wissen Sie nicht, dass wir eine moralische 
Anstalt sind? Wir stehen auf dem Standpunkt, dass das Kino eine 
sittliche Mission zu erfüllen hat. Es soll eine Erziohnngsslätle sein, 
wo das Volk das Gute und Edle schätzen und das Gemeine verabscheuen 
lernt. Solch Sinnenkitzel, wie Sie ihn da anbieten, ist nichts für uns 
Der Vertreter: Da werden Sie nicht viel geeignete Films finden! 
Der Direktor: Grosser Irrtum, mein Bester. Sie unterschätzen das 
Moral-Bedürfnis unserer Zeit. Da ist der grosse internationale Sitllich- 
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Margarete friedländer * €o 
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Kleider • Blusen • Bäte 
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Modelle 
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Cutzowstrasse $3. l 
Celefoit: Eiiizow 5772 
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Mampe’s Gute Stube am Kurfürstendamm 
Elefanten-Zimmer im byzantinischen Styl. 
keits-Verein, da ist der Verband für Mädchenschutz, da ist die Liga 
gegen Kinderausbeutung, da sind unzählige Magdalenen-Anstalten, die 
uns mit Propagandafilms für ihre gute Sache versorgen. Grosse Film 
fabriken haben sich bereits auf den Erziehungs-Film eingestellt und 
liefern uns mehr, als wir brauchen. 
Der Vertreter; Ich glaube nicht, dass solche Bestrebungen sich für 
die Flimmer-Leinewand eignen. 
Der Direktor; Wiederum ein Irrtum, mein Bester. Hervorragend 
eignen sie sich. Sehen Sie sich heute Abend einmal unsern neuesten 
Propaganda-Film an und sagen Sie mir, ob er nicht wirkt. 
Der Vertreter: Der „Weg zur Verdammnis?“ 
Der Direktor; Ja, der ist es. Das Muster eines Erziehungs-Films. 
Eine ehrbare Frau wird von einer dirnenhalten Freundin auf die schiefe 
Ebene gebracht. Lässt sich vom Dämon „Luxus“ verführen. Eine 
donnernde Anklage gegen die Putz- und Verschwendungssucht unserer 
Zeit. Der Verführer, der das Geld für den Luxus beschaffen muss, wird 
zum Spieler und sinkt von Stufe zu Stufe. Wieder eine donnernde 
Philippika, diesmal gegen das Spiel. Schliesslich wird der Liebhaber 
vom Gatten der Frau erschossen. Glänzender Sieg des Guten über das 
Böse, Apotheose der Moral. Ob das wirkt! 
Der Vertreter: Und das Publikum? Kommt es denn zu der Flimmer- 
Bibelstunde? 
Der Direktor: Und ob! Sehen Sie, unser Film schreckt nicht nur 
ab, er warnt nicht nur, sondern er lockt auch. Ganz natürlich: Wenn 
ich die Menschen bessern will, muss ich sie eist einmal vor der Leine 
wand haben. Und damit sie kommen, ist der Film mit allen erdenklichen 
Sensationen ausgcstatlet. Die Verführungsszenen sind das raffinierteste, 
was Sie sich denken können. Toiletten, wie wir sie in den Luxus- und 
Spiel-Szenen bringen, sind überhaupt noch nicht dageweseu. Ganz Berlin 
strömt zu uns, um den Moral-Film zu sehen. 
Der Vertreter: Also ist es auch ein Kassenerfolg? 
Der Direktor: Ein Bombengeschäft! Das ist es ja eben, weshalb ich 
nie wieder etwas Anderes spiele als Moral-Films. Man sollte garnicht 
glauben, welche Anziehungskraft die Sünden und Laster haben, die in 
diesen Films der Warnung halber dargestellt werden. Das Publikum 
fiebert ordentlich, kann sich nicht satt sehen. Wir haben unseren Saal 
schon zweimal vergrössern müssen, seitdem wir solche Films spielen. 
Der Vertreter: Sollte man es glauben! 
Der Direktor; Unser Hauptgeschäft machen wir aber in den Neben- 
Abteilungen. Vor ein paar Wochen haben wir eine Bar eröffnet. Gehl 
geradezu glänzend. Bisher kostet das Glas Sekt 10 Mark, aber wir 
werden den Preis auf 15 Mark etböben. Der Moral-Film versetzt eben 
das Publikum in eine Stimmung — nicht zu sagen! Und seit 8 Tagen 
haben wir im Hinterhaus ein kleines Hotel aufgemacht. Verschwiegene 
Zimmer, Separes mit Divan usw. Wenn ich Ihnen sagen wollte, was 
wir da verdienen, würden Sie es nicht glauben. Nein, nein, mein Bester, 
bleiben Sie uns mit Ihrem Zeug vom Leibe! Für uns existiert nur noch 
der Moral-Film! 
Die Beleidigung. 
In der Bar des „Palais de danse“. 
Erna; Ich bin so durstig. Und niemand, der mir ein Glas Sekt 
spendiert! 
Hertha: Und ich bin so animiert. Ich möchte jemand haben, mit dem 
ich mich tottanzen könnte. So einen zum verlieben! 
Erna: Dann hole Dir doch den blonden Attache, der da vorn an 
der Säule steht und schmachtet. Der verschlingt Dich ja ordentlich mit 
Blicken! Und ist ein so hübscher Mensch. 
Hertha: Der mit dem Spitzbatt? Nichts zu machen. Mit dem bin 
ich fertig. Der bat mich löllich beleidigt. 
Erna: Der sanfte Heinrich? Der keiner Fliege was zu Leide tut? 
Erzähle mal. Da bin ich wirklich gespannt. 
Hertha: Was gibt es da viel zu erzählen? Der Mensch tanzt neulich 
den ganzen Abend mit mir, so dass kein anderer Kavalier sieh an mich 
herantraut. Schliesslich will er mich sogar nach Haus bringen. Um 
ihn los zu werden, nehme ich ihm sein Ehrenwort ab, dass er vor 
meiner Tür umkehren nnd mich nicht berühren wird. Ich denke, er 
wird sich schleunigst aus dem Staube machen. Aber nein, er gibt sein 
Ehrenwort und bringt mich nach Hause. 
Erna; Und dann hat er sein Ehrenwort gebrochen? 
Hertha: Schaf, das ist ja eben die Beleidigung: Er hat es ge 
halten! Neander. 
Frifzi Fred :: Kurt Fritz 
Deta Waldau :: Paul Brügel 
Else Reval :: Walter Pintus 
Mila Endtresser :: Willy Rösch 
Abends: Das grosse Programm. 
Täglich Anfang 
7 Uhr
        
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