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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

ln demselben Lande herrschte seit längerer Zeit eine grosse 
Wohnungsnot. Viele Versammlungen waren abgehalten und zahlreiche 
Vorschläge gemacht worden. Dutzende von Vereinen beschäftigten sich 
mit der Frage, und viele tausend Redner, Agitatoren und Sekretäre lebten 
davou, dass sie die Wohnungsnot in Wort und Schrift bekämpften. 
Aber es wurde nicht besser, sondern immer schlimmer. Die Regierung 
wandte sich an mich und bat um Hilfe. Ich versprach sie ihr denn 
auch und studierte das Problem mehrere Wochen hindurch. Dann ging 
ich zum Präsidenten des Landes und sagte ihm folgendes: »Es ist mir 
jetzt, nachdem ich die Verhältnisse geprüft habe, vollkommen klar, wie 
die Notlage zu beseitigen ist. Ihr Land hat einen langen Krieg durch- 
gemachl und in demselben 1 */ 2 Millionen Soldaten verloren. Ausserdem 
befinden sich 1 Million Menschen kriegsgefangen oder infolge anderer 
Umstände im Auslande. Eine weitere halbe Million ist infolge Krankheit 
und Entkräftung über die normale Sterblichkeit hinaus umgekommen. Ihr 
Land hat also mindestens 3 Millionen Einwohner weniger als früher. 
Dieser Menschenmangel hat ganz naturgemäss zu einer Wohnungsnot 
führen müssen, und das Mittel, sie zu beseitigen, liegt auf der Hand. 
Sie müsseh dafür sorgen, dass alle Landesbewohner, die jetzt noch im 
Ausland sind, so schnell als möglich zurückkehren. Ferner müssen Sie 
durch soziale Massregeln dafür sorgen, dass möglichst viel Ehen ge 
schlossen und Kinder geboren werden. Kurz, sie müssen für eine starke 
Vermehrung der Bevölkerung sorgen. Wenn Sie dann wieder 3 Millionen 
Menschen mehr im Lande haben, wird der Wobnungsraum, der heute 
für die verringerte Anzahl zu knapp ist, ganz von selbst wieder ausreichen, 
denn er hat ja früher ausgereicht, als Sie eine stärkere Bevölkerung im 
Lande hatten.“ Das sah der Präsident ein. Er dankte mir geröhrt, ver 
sprach mir, meinen Rat zu befolgen, und verlieh mir, da Orden und Adel 
in dem Lande abgeschafft waren, den Titel eines »pater patriae.“ 
» » 
* 
In demselben Lande herrschte, als ich mich dort aufhielt, eine ganz 
ausserordentliche Arbeitslosigkeit. In einer einzigen Stadt liefen 
300000 Leute herum, die keine Beschäftigung finden konnten. Die 
Regierung war ratlos und wandte sich an mich, weil ich ihr schon 
mehrfach geholfen hatte. Ich ging mit aller Energie an die Aufgabe 
heran und hatte Erfolg, Schon nach wenigen Wochen gab es keinen 
einzigen Arbeitslosen mehr im Lande. Dieses glänzende Resultat erzielte 
ich auf eine höchst einfache Weise: Das Land war bis vor kurzem ein 
Königreich gewesen und hatte eine streng autokratische Verwaltung ge 
habt. Diese Verwaltung Hess ich, obwohl das Land jetzt Republik war, 
in ihrem Amt. Daneben aber setzte ich eine zweite, demokratische Ver 
waltung ein, welche die erste überwachte. Ferner schuf ich eine weitere 
Verwaltung nach dem sogenannten »Rate-System“, welche die erste und 
die zweite 1 Verwaltung kontrollieren sollte. Das erforderte natürlich sehr 
viele Menschen, so dass die Arbeitslosigkeit schnell nachliess. Alsdann 
gliederte ich jedem einzelnen Amt in jeder der drei Verwaltungen einen 
Ausschuss an, der die Verbindung der Aemter mit der öffentlichen 
Meinung hersteilen sollte. Diese Ausschüsse nannte ich „Presse-Ab 
teilungen“. Noch bevor ich die letzten Presse-Abteilungen eingerichtet 
hatte, war die Arbeitslosigkeit beseitigt. Es gab keinen Mann mehr, 
der nicht einen Posten hatte, und ich musste zu Frauen und Kindern 
greifen, um die letzten Presse-Abteilungen besetzen zu können. Seitdem 
heisst die Staatsverwaltung in jenem Lande das »Münchhausen-Regime“. 
» * 
* 
Natürlich verursachte die Reform, die ich soeben beschrieben habe, 
sehr grosse Kosten, weil alle beamteten Personen sehr gut bezahlt sein 
wollten. Die Kosten sollten in der Weise gedeckt werden, dass jeder 
.Bürger einen bestimmten Teil seines jährlichen Einkommens an Reich, 
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BßElTEcSTB / B EßLIN C 2 / B D 6 O E QöfQ 
FORTLAUFEND EINGANG VON 
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Staat, Provinz, Kreis und Stadt als Steuer zahlte. Der Einfachheit halber 
wurde der Steuersatz für jeden Verband gleich hoch angesetzt, und zwar 
mit SSVs Prozent. Die Börger hatten also ein Drittel ihres Einkommens 
an das Reich zu zahlen, ein Drittel an den Staat, ein Drittel au die 
Provinz und so weiter. Dabei stellte es sich dann aber heraus, dass die 
Einkommen für die vielen Drittel nicht ausreichten. Jeder Bürger hatte 
fast doppelt so viel zu zahlen, als er einnahm, und das war unmöglich. 
Man wandte sich daher wieder an mich und bat mich, ein Mittel anzu 
geben, wie man aus dem Einkommen der Staatsbürger mehr als drei 
Drittel hcraushoien könnte. Da mir ein solches Mittel bekannt war, 
nahm ich keinen Anstand, es zu nennen. Ich Hess den Ausschuss, 
der die Frage seit einem halben Jahre prüfte und dafür sehr 
hohe Diäten bezog, zu mir kommen und sagte ihm ungefähr folgendes: 
»In Ihrem Lande wird, wie wir alle wissen, sehr wenig gearbeitet. 
Infolgedessen gehen die Einkommen sehr stark zurück. Wenn Sie es 
nun durch geeignete Verwaltungsmassnahmen, wie etwa Bürgerkrieg, 
Verkehrs-Unterbindung, Vermögens - Confiskation und ähnliches, dabin 
bringen können, dass überhaupt kein Einkommen mehr erzielt wird, so 
ist die Steuerfrage glänzend gelöst. Aber auch nur auf diese Weise. 
Denn »null“ ist das einzige Einkommen, von dem Sie eine unbeschränkte 
Zahl von Dritteln nehmen können, und noch dazu, ohne es zu ver 
ringern.“ Der Ausschuss bedankte sich herzlich bei mir, wandte aber 
das Mittel nicht an, sondern studierte die Steuerfrage noch jahrelang 
weiter, weil er seine Diäten nicht verlieren wollte. Polites. 
Berliner Momentbilder. 
Der Volkswirt. 
Ein Herr und eine Dame gehen durch die Münzstrasse, wo der 
wilde Strassenhandel in Blüte steht. Händler in Feldgrau und Zivil 
schreien ihre Waren aus; Zigaretten, Stiefel, Nähgarn, Feldstecher, 
Rotwein, Unterhosen, Armeerevolver und hundert andere Artikel. 
Die Dame: Widerliches Treiben! Und diese Gesichter: Das reine 
Verbrecher-Album 1 
Der Herr: Es hat eben alles seine zwei Seiten, auch die neue 
Freiheit und Gleichheit. Das hier ist die Kehrseite. 
Die Dame: Ich wette, dass die Hälfte aller dieser Sachen ge 
stohlen ist. 
Der Herr: Sie können rnhig sagen, sieben Achtel. 
Die Dame: Und das duldet man? Eine solche Pestbeule sollte 
man mit Pech und Schwefel ausbrennen! 
Der Herr; Gewiss, schön ist dieser Jahrmarkt ja nicht. Aber im 
Grunde hat er doch auch seine guten Seiten. 
Die Dame: Die möchte ich wirklich kennen lernenI 
Der Herr: Nun, fragen Sie einmal den Kerl da, was er für einen 
solchen blauen Tuchrock verlangt. Sie werden sehen, er ist kaum halb 
so teuer wie im Laden. Hier hat der kleine Mann Gelegenheit, seinen 
Bedarf billig einznkaufen. 
Die Dame: Auf Kosten des reellen Geschäftsmanns. 
Der Herr: Gewiss. Aber gerade darin liegt ja der Hauptnutzen 
des wilden Handels: Er zwingt den Ladenhalter, mit seinen Preisen 
gleichfalls herunterzngehen, sonst kann er mit diesen Galgenvögeln und 
ihrer Diebsware nicht konkurrieren. Weil das Gesindel hier auf die 
Preise drückt, wird in Berlin nicht ganz so unverschämt gewuchert, wie 
es sonst der Fall wäre. Ein volkswirtschaftlich sehr interessantes Ka 
pitel: Der Einfluss der Hehlerei auf das Preisniveau. 
Die Dame: Das sind ja nette Anschauungen 1 Die armen Leute, 
denen alle diese Sachen eigentlich gehören, und denen man sie geraubt 
hat, vergessen Sie wohl ganz? 
Der Herr: Ja, es hat alles seine zwei Seiten. Im übrigen können 
wir uns von dieser Kehrseite sofort überzeugen. Sehen Sie den Laden 
dort mit der eingeschlagenen Fensterscheibe? Auf dem Schild steht 
G. Schlechten 
Gegründet 1853 
Hoi - Planoforte - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: ttoctistr. 62
        
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