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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

h aulheit, Anmassung, Zuchtlosigkeit usw. Es hilft den Menschen 
ja auch wirklich vorwärts zu Reichtum und höchsten Stellungen, 
aber am Ende der Laufbahn öffnen sich dann die Folter 
kammern unserer Hölle. Worauf es uns ja allein ankommt. — 
Hier ist eine Kollek.ion für Jünglinge. Das sind ganz pracht 
volle Wahrheiten, die in Zukunft jeden Krieg unmöglich 
machen. Mit denen entlarve ich die Märchen von den abge 
hauenen Händen, abgeschnittenen Ohren uud vergifteten Brunnen, 
ohne die ein Krieg undenkbar ist, als grobe Lügen. Und hier, 
Wahrheitsblatt No. 24; Darin erfährt jeder Soldat, was sein 
Vorgesetzter über ihn denkt, was es in der Offiziersmesse zu 
Mittag gegeben hat, und wo die Herren Hauptleute vorige 
Nacht herumgehurt haben. Blatt 27 bringt die wahrheitsge 
treuen Ziffern über die Summen, welche die Regierung im ln* 
land und im Ausland für die Fälschung der öffentlichen 
Meinung ausgegebeti hat. Auf Blatt 32 stehen die wahren 
Gründe, die den einen Soldaten in die Front, den zweiten in 
die Etappe und den dritten in ein Kriegsamt der Heimat ge 
bracht haben. Alle diese Wahrheiten, darauf können Majestät 
sich verlassen, werden wie Sprengbomben wirken. Die 
Armeen werden die Waffen nicht, wie jetzt, nach vier oder 
fünf Jahren, sondern schon nach zwei Tagen fortwerfen. Kein 
Krieg ist denkbar, wo die Wahrheit bekannt ist.“ 
Kaiser Satan wiegte den Kopf bedenklich hin und her. 
„Keine Kriege mehr? Keine Millionenschlächtereien? Das 
ist doch ganz gegen die Anschauungen, in denen ich gross 
geworden bin.“ 
Mephisto lächelte. „Die Hölle hat umgelernt. Die Er 
fahrung hat klar erwiesen, dass Kriege unsere Interessen 
schädigen, weil sie den Mut, die Hingabe, die Manneszucht, 
die Kameradschaftlichkeit stärken, lauter gute Eigenschaften, 
die in den Himmel statt in die Hölle führen. Ohne Krieg 
leben die Menschen zwar ein paar Jahrzehnte länger. Aber 
dann kommen sie in unseren Schmortopf, und das ist doch 
schliesslich der Endzweck. Besser sie kommen spät als gar 
nicht. Und im übrigen habe ich einen prachtvollen Kriegs- 
Ersatz. Hier, Wahrheitstafel No. 3, die ch Majestät vorhin 
schon gezeigt habe: Alle Menschen kommen mit gleichen 
Rechten zur Welt, es gibt keinen natürlichen Anspruch auf 
Juwelenversicherung 
gegen alle Gefahren 
Verlieren, Abhandenkommen, Diebstahl 
Beraubung, Feuer, Beschädigung usw. 
Der beüe Schuh gegen Verlulie 
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Rang und Besitz usw. Das ist meine unanfechtbarste und zu 
gleich wirksamste Wahrheit. Wo sie verbreitet wird, gibt es 
Mord und Totschlag Der Mensch badet da nicht in Feindes-, 
sondern in Bruderblut. Diebstahl, Raub und jede Art Gewalt 
tat führen zum Chaos — und zu Millionen neuer Teufelsbraten. 
Ew. Majestät können sich auf mich verlassen: Wenn ich nicht 
mehr als Geist der Lüge, sondern als Geist der Wahrheit auf 
die Erde komme, verderbe ich den Herren Erzengeln ihr 
ganzes Geschäft.“ 
Kaiser Satan schüttelte Mephisto lachend die Hand. „Na, 
dann wünsche ich Ew. Exzellenz eine recht angenehme Reise. 
Wenn der Erfolg Ihren Erwartungen entspricht, ernenne ich 
Sie bei Ihrer Rückkehr zum Premierminister.“ Clemens. 
Der neue Münchhausen. 
Eines Tages kam ich in eine Stadt, wo ein Aufruhr lobte Ich war 
gekommen, um einen guten Freund zu besuchen, der dringend nach 
mir verlangt laue, uud begab mich daher an den Fernsprecher, um 
dem Freunde meine Ankunft mitzuteilen. Aber das Amt wollte die 
Verbindung nicht heisteilen. Der Fernsprechverkehr sei, so sagte man 
mir, für Privatgespräche verboten, weil die Aufrührer sich des Fern 
sprechers bedient hätten, um miteinander in Verbindung zu bleiben. So 
setzte ich mich denn hin und schrieb dem Freunde einen Rohrpostbrief. 
Aber der Knabe, dem ich den Brief übergeben hatte, brachte ihn zurück 
und sagte, der Rnhrpostverkehr sei eingestellt. Die Aufrührer hätten 
sich auch dieses Verkehrsmittels für ihre Zwecke bedient, und deshalb habe 
man cs abgeschafft. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als meinen 
Freund unangemeldet anfzusuchen. Es war nicht allzu weit bis zu seiner 
Wohnung, aber als iclt den Weg zu Fass zurücklegen wollte, wurde 
mir dies von einem Wachtposten untersagt. Das Spazierengehen sei 
verboten, seit man in Erfahrung gebracht habe, dass die Aufrührer 
sich der Füsse bedienten, um zusammenzukommen und sich Nachrichteu 
zuzustellcn. Nun war guter Rat teuer. Aber ich wusste mir zu helfen. 
Ich nahm eine Zeitung, breitete sic auf den Boden uud stellte mich 
breitbeinig darauf. Nicht lange, so begann es sich in dem Blatte zu 
regen. Die Enten, die von den Zeitungsschreibern in die Zeitung ge 
setzt worden waren, schlugen mit den Flügeln, hoben sich mit mir in 
die Luft und trugen mich wohlbehalten zu meinem Freunde. 
* * 
* 
Ich blieb einige Zeit an demselben Orte und wohnte dort in einem 
Stadtteil, der lief gelegen und dunkel war und deshalb „Lichtenberg* 
hiess. Es war dies leider gerade derjenige Stadtteil, in dem die Auf 
rührer ihr L'nwesen am ärgsten trieben, und der aus diesem Grunde 
tings mit Mi itär umstellt war. Die Truppen Hessen niemand ein und 
aus, damit nicht etwa ein Aufrührer durch ihre Kette hindurchkäme. 
Iuloigedoäsen konnte kein Mehl und kein Biot uach Lichtenberg hinein, 
und die Bevölkerung war in Gefahr, Hungers zu sterben. Ich ging zu 
dem Führet der Truppen und stellte ihm die Sache vor; aber der zuckte 
die Achseln und sagte, seine Vorschriften richteten sich gegen die Auf 
rührer, und die Bevölkerung ginge ihn nichts an. Mit diesem Bescheide 
kam ich in das Haus, wo die Stadtväter halb verhungert sassen, ohne 
sich Rat zu wissen, und das ans diesem Grunde das „Rathaus“ hiess. 
Sie baten mich verzweifelt, ihneu mit meiner Erfahrung zu helfen. Das 
lat ich denn auch. Ich Hess Steine aus dem Strassonpflaslcr reissen, 
in die Mühlen schaffen, mahlen uud zu Brot verbacken. Zuerst wollte 
die Bevölkerung nichts von diesem Brote wissen. Aber als der Hunger 
sie allzu sehr quälte, blieb den Leuten nichts übrig, als es zu essen. 
Und da stellte es sich heraus, dass das Brot ihnen überaus gut bekam. 
Sie waicn nämlich seit mehr als 4 Jahren au das sogenannte „Kricgs- 
brot“ gewöhnt worden, wozu sie Kaninchenwursl, Ziegenragout, Kohl- 
t fibcn-Marraelade und ähnliche Fabrikate als Zukost genossen. Im 
Vctg'eich zu diesen Nahrungsmitteln war mein Steinbrot derartig be 
kömmlich, dass die Lichlenberger dick und fett davon wutden. 
* * 
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