Path:

Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

pbot. /ander & l.»biach, Berlin 
Joseph Josephi 
der sein 43 jähriges Bühnenjubiläum feierte, 
als „alter Tschöll“ in „Hannerl“. 
15. Februar. Es ist wirklich kaum noch auszuhalten in Berlin! 
Nachdem die Elektrizitäts-Arbeiter, die Strassenbahner, die Müllkutscher 
usw. ihre Arbeit wieder aufgenummeh haben, streiken jetzt die Haus 
diener und Packer bei den Warenhäusern und grossen Spezialgeschäften. 
Ich finde zwar, dass sie ganz im Recht sind, wenn sie für ihre schwere 
körperliche Arbeit so viel Gehalt verlangen, wie ein Minister bezieht, 
der den ganzen Tag im bequemen Ledersessel sitzt und eine angenehmere 
Tätigkeit ausübt. Aber die Folge ist, dass die 800 grössten Geschäfte 
in Berlin geschlossen sind, vor allem die Warenhäuser. Wer also heute 
ein paar Handschuhe braucht, kann sie nicht wie sonst bei Wertheim 
oder Tietz kaufen, sondern muss in ein 1 landschuhgeschält gehen. Zu 
solchen Widersinuigkeiten. führen die Verhältnisse! Natürlich ist auch 
die Leihbibliothek im Kaufhaus des Westens geschlossen, und ich sitze 
seit bald einer Woche ohne neuen Roman da. Und dann wundeit man 
sich, wenn Kunst und Literatur immer mehr in Verfall geraten! 
A propos Kunst: Gestern hat sich bei uns ein grosser Streit darüoer 
erhoben, ob die Bronze in Papas Zimmer, der ,Hüttenarbeiter", ein 
echter Rodin ist oder nicht. Man ist nämlich in Paris dahinter ge 
kommen, dass unzählige falsche Rodins existieren, weil eine Bild 
hauerbande die Herstellung von .Rodins“ geradezu fabiikmässig be 
trieben hat. Das schlimme ist, dass jetzt niemand weiss, was echt und 
was gefälscht ist, auch Rodin selbst nicht. Denn die meisten echten 
Stücke sind nicht von ihm selbst modelliert, sr ndern von seinen 
Schülern: nicht einmal seinen Namen hat er persönlich emgemeisselt. 
Der Unterschied ist also, dass ein gefälschter Rodln ausserhalb des 
Ateliers, und ein echter im Atelier von einem Anderen gemacht ist. 
Das kann man unserer Bronze doch aber nicht ansehen! 
18. Februar. Das eine muss man uns Deutschen lassen: Pietätvoll 
sind wir. Da cs leider unabänderlich festsieht, dass wir unsere Kolonien 
verlieren werden, hat man jetzt zum Andenken an sie einen Kolonial- 
minister ernannt. Und nicht nur das Man hat, um die Erinnerung 
an Kamerun und seinen berühmten King Bell aufrecht zu erhalten, das 
Amt einem Dr. Bell anvertraut. Er wird wohl ein Enkel vom alten 
King sein. Onkel Max, der doch sonst Sulch arger Spötter ist, war 
ganz gerührt über diesen Zug von Pietät. 
20. Februar. Mit unserer Volksernährung scheint es immer 
schlimmer zu werden. Bruder Victor, der Beziehungen zur Reichsten- 
stelle hat. erzählte heule früh, dass die Provinz Osrpreussen nicht mehr 
im 'Stande sei, Butler an die Verteilungsstelle zu liefern, sondern im 
Gegenteil verlange, dass man ihr selbst Butter schicke. Naja, es streikt 
ja jetzt Alles, warum nicht auch die ostpreussischen Kühe? Das merk 
würdige ist mir, dass unsere Benha, die bei Königsberg zu Hause ist. 
noch nie so viel Butter (für 80 Mk. das Pfund) geschickt erhallen hat 
wie jetzt; und dasselbe höre ich von den Mädchen ans der Nachbar 
schaft. Ich habe überhaupt schon wiederholt die Beobachtung gemacht, 
dass gerade dann, wenn die Butler im offenen Handel knapp ist, uns 
solche butten herum zentnerweise angeboren wird. Mit Fleisch und 
Fischen ist es gerade so. Wie gui, dass Knappheit und Uebetlluss sich 
auf diese Weise ausgleichen! 
Uebrigcns streiken nicht nur die Kühe. Man will jetzt allen Ernstes 
als Protest gegen die Ausstände der Arbeiter einen „Gegenstrerk der 
Bürger“ organisieren. Alles soll die Arbeit nieder lecen: Die Beamten, 
die Lehrer, die Geistlichen nsw.; sogar die Aerzte sollen streiken 
damit wir endlich wieder gesunde Verhältnisse bekommen. Ich habe gestern 
mit Kusine Engenie beraten, in welcher Weise wir uns an dem 
Sympathiestreik beteiligen könnten. Sie beabsichtigt ihre Körperkultur- 
Stunden in der Grimm-Reiterschen Tanzschule zu unterbrechen und rät 
mir, nicht mehr an meiner Filet-Stickerei für Tante Charlotte zn arbeiten. 
Am energischsten tritt Bruder Hans für den Gegenstreik ein. Er hat 
heule früh bereits seine Latein- und Mathomatik-Aibeit eingestellt, aber 
von Papa Schläge dafür bekommen. Für soziale F’ragen hat Papa eben 
nicht das geringste Verständnis! 
23. Februar. Heute bummelte ich mit dem lieben Botho, durch die 
Strassen, um mir das Treiben bei den Gross-Berliner Wahlen anznsehen. 
Ich war sehr enttäuscht. Da war die Reichstagswahl und auch die 
prenssische Wahl doch viel interessanter. Es fehlte diesmal die Regie. 
Man hat dem Publikum so gut wie gar nichts geboten. Ein paar 
Wählerwagen mit Antrnf-werfendcn Kindern und eine Kompagnie Plakat- 
Träger, das war alles. Und dann wundert man sich, dass die Wahl- 
pbot. A. Blader. Ber Iin 
Ida Perry 
Mitglied der „Komischen Oper“ in Berlin. 
beteiligung so schwach ist! Wir gingen in ein paar Wahllokale, weil 
ich wenigstens einige hübsche Damen-Toiletten zu sehen hoffte. Aber 
auch damit war es nichts. Die besseren Damen waren fast alle zu 
Haus geblieben. Jedenfalls hallen sie nichts anzuziehen. Es war aber 
auch eine Ungeschicklichkeit sonder gl icben, die Wahl für Ende Februar 
anzuselzen, wo man Wintertoiletten nicht mehr tragt, und die Frühjahrs- 
modelie noch nicht heraus sind. Wie gesagt, schlechte Regie! 
26. Februar. Entsetzlich, wie die Arbeitslosigkeit in Berlin um 
sich greift! Es sollen jetzt schon fast 300000 Arbeiter ohne Beschäftigung 
sein. Aber die Regierung ist auch wirklich unlücht g. Wo eine 
Arbeitsgelegenheit winkt, wird sie mit plumpen Massregeln vernichtet. 
So hat sich zum Beispiel im Schönhauser Viertel, namentlich in der
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.