Path:

Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

p n m 
sagte er immer: .Passen Sie auf, 
dummer Kerl, bei der nächsten 
schlechten Konjunktur liegen Sie auf 
dem Stroh.“ Daun kam der Krieg, 
und da sagte er: .Nun dauert es 
nicht mehr lange, Rabe“ — ich heisse 
nämlich Rabe — .dann ist das 
Elend da“. Aber ich Hess mir nicht 
bange machen, sondern ass und trank 
mein Geld auf. 
Die Wirtin: Sie leichtsinniger 
Mensch Sie! 
Der Ai beiter: Ja, wer kann für 
seine Natur? Dann kam die g'osse 
Kriegskorjunktur, die Grauatenzeit, 
das Hindenbiirg-Programm. Mein 
Lohn verdoppelte sich. Aber ich 
sparte nichts Ass alles auf. Nichts 
war mir zu teuer Ein Pittnd Speck 
für 20 Mark oder ein Huhu für 30 — ich hatte cs ja dazu. Brotration 
und Hungertyphus hat es für mich nicht gegeben. Herr Meermann 
schüttelte immer den Kopf und sagte: .Watten Sie nur, Ste dummer 
Kerl, wenn erst der Krieg vorbei ist, dann kommt das böse Ende. 
Nun, ich habe Sic gewarnt.“ 
Die Wirtin: Es hat aber nichts genutzt? 
Der Arbeiter: Nein. Ich bin mm einmal so,. Dann ist die Revolution 
gekommen, und mein Lohn bat sich nochmal vetdoppelt. Aber ich 
kann jetzt genau so wenig sparen, wie früher. Ich jage alles in meinen 
Magen, was gut und teuer ist. Bin ja denn auch noch ganz gut bei 
Leibe. Das letzte Mal sagte Herr Meerraann zur mir: .Rabe“ — ich 
heisse nämlich Rabe — .jetzt kann es nicht mehr lange dauern, Sie 
dummer Kerl Bald ist das Ende mit Schrecken da. Wir werden uns 
wohl nicht mehr sprechen.“ Aber wie Sie sehen, bin ich noch immer 
wohlauf, upd jetzt will ich mir meine 10 Mark holen. 
Die Wirtin: Die werden Sie diesmal aber kaum kriegen. Herr 
Meermann ist nämlich vorige Woche gestorben —- an der Grippe, oder 
eigentlich infolge von Entkrältnng. Die schmale Kriegskost, wissen Sie . . . 
Der Arbeiter: Herr Meermann ist gestorben? Und ich bekomme 
meine 10 Mark nicht mehr ? Ja, wer hat denn nun eigentlich die Wette 
gewonnen, er oder ich?' 
Der Einbruch. 
Im Arbeitszimmer des Kommerzienrat Müller am Kurfürstendamm. 
Es ist 2 Uhr nachts. Gustav, genannt der .Gentleman“, und der dicke 
Kail brechen den Geldscbrank auf, nachdem sie zuvor ein grosses Loch 
in die Tür gebrannt haben. Karl stemmt von unten, Gustav zieht durch 
das Loch die Riegel zurück. Beide schwitzen stark. Endlich gibt die 
Tür nach. 
Gustav (trocknet sich den Schweiss): Das war ein Stück Arbeit! 
Na, hoffentlich hat cs sich gelohnt. 
Die Beiden untersuchen den Inhalt des Schranks. 
Karl: Du. mir scheint, das ist ein Reinfall. Ich sehe nichts als 
Bücher. 
Gustav: Ja, die Kasse ist leer . . . Aber vielleicht hat der Kerl 
Wertpapiere . . . 
Karl: Die Ledetmappe ist auch leer. Halt, da ist eine Kassette! 
(Schliessl mit dem Dietikh auf): Nein, dadrin ist auch nichts. Nur 
ein Scheckbuch und ein Notizheft. 
Gustav; Das Scheckbuch nutzt uns nichts. Verdammter Schmutzian 1 
Als tb er unseren Besuch geahnt hätte! Zeig einmal das Heft. Was 
steht denn da auf dem Etikett? .Persönliches Hauptbuch“. Suche Du 
weiter, ich werde mich mal mit den Finanzen des Herrn Kommerzien 
rat beschäftigen. (Setzt sich au das Pult und liest in dem Heft). 
KatI (weiter suchend): Nichts zu finden. Nicht einmal eine Brot 
karle. Der Hallunke hat sein Geld sicher wieder zur Pank gebracht! 
Daran sind nur die verdammten Zeitungen schuld. Die fabeln den 
Leuten soviel von Raub und Diebstahl vor, dass sie ängstlich wetden. 
Als ob das Geld auf der Bank besser aufgehoben wäre! 
Eine: Tapetentür öffnet sich langsam. Im Törspalt erscheint 
Kommerzienrat Müller in Hemd und Pantoffeln, ln der Hand hält er 
einen Revolver. 
Müller: Verzeihen Sie, meine Herren, wenn ich Sie störe. Sie 
haben wohl schon gesehen, dass es bei mir nichts zu holen gibt. Darf 
ich Sie bitten, das Lokal sofort zu verlassen. Sonst, so leid es mir tut . . . 
(er hebt den Revolver). 
Karl: Donnerwetter! (will ans der Tür schlüpfen). 
Gustav; Bleib nur ruhig hier, Karl. Wir haben mit dem Herrn 
noch abzurechnen. fZu Müller): Sie sind mir ja ein netter Patron! 
Bewohnen eine Zehnzimmer-Wohnung am Kurfürstendamm, sind 
Kommerzienrat und haben keinen blanken Dreier im Geldschrank 1 
WEIN -STUBEN- HUTH 
Hl WEINGROSSHANDLUNG = 
BERLIN W. • POTS DAMER 5TR. 139 
ECKE LINKSTR., «IAHE PLATZ 
Schämen Sie sieb! Was denken 
Sic sich denn eigentlich? Glauben 
Sie, wir. wollen umsonst arbeiten? 
Müller: In diesem Fall haben 
Sie es jedenfalls getan. Also ver 
fassen Sie jetzt die Wohnung. Aber 
etwas dalli, wenn ich bitten darf. 
Gus av: Einen Moment, mein 
Herr! Ich habe noch eine kleine 
schriftliche Arbeit zu erledigen. Es 
dauert zwei Minuten. Nehmen Sie 
ruhig so lange Platz. (Er reisst ein 
leeres Blatt aus dem .persönlichen 
Hauptbuch“ und schreibt), 
Müller (halb belustigt); Na, auf 
die zwei Minuten s dl es mir nicht 
ankommeu. Aber ruinieren Sie mir 
bitte meine Bücher nicht. Den 
Geldschrank haben Sie ja nett zu- 
gcrichtel! (Er untersucht den Schaden, lässt aber die Beiden nicht aus 
dem Auge und lockert die Sicherung am Revo’ver). 
Gustav: liier, Herr Kommerzienrat. (Er übergibt ihm das be 
schriebene Blatt). Haben Sie die Güte, die kleine Rechnung zu be 
zahlen. 
Müller: Was ist denn das? (Er tritt an das Pult und liest): 
Liquidation. 
Oeffnen eines Geldschranks. Arbeitszeit 2 Mann 
ä 2 Stunden — 4 Stunden ä 3 Mark 12,— Mark 
Zuschlag für Nachtarbeit 50 °/ 0 
Teuerungs-Zuschlag 'fä % 
Vorlegen des Werkzeugs 
Verwendetes Material (Sauerstoff etc.) 
Umsatzslempel */ 2 °/ 0 
6,— 
9.— 
5,— 
8.— 
0 '0 
in Summa 
40,20 Mark 
Und Sie glauben, meine Herren, dass ich Ihnen das b zahlen werde? 
Gustav: Aber sicher werden Sie das, Herr Kommerzienrat. 
Müller: Ich deoke gar nicht daran! 
Gustav: Wir haben hier ein sehr interessantes Büchlein gefunden! 
(Er zeigt auf das «persönliche Hauptbuch“). Sie haben, wie ich sehe, 
während des Krieges sehr hübsch verdient. Die Ziffern hab ich mir 
zur Vorsicht aufgesebrieben. 
Müller: So! Und warum das? 
Gustav; Weil ich kein sonderliches Gedächtnis habe. Und nun, 
Herr Kommerzienrat, mein letztes Wort: Entweder legen Sie jetzt 
sofort die kleine Kanone da aus der Hand und bezahlen uns die 
40 Mark und 20 Pfennig, oder .... 
Müler: Oder? 
Gustav: Oder ich teile diese Ziffern hier der Steuerbehörde mit. 
Also bitte, wählen Sie. 
Müller (nach kurzem Besinnen); Ich werde zahlen. Weil Sie sich 
doch nun einmal die Atbeil gemacht haben .... 
Neander.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.