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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Bleichröders Millionen. 
S. Beichröder, meine Lieben, ist ein altehrwürdiges 
Berliner Bankhaus. Bismarck hat mit ihm in den sechziger 
und siebziger Jahren die grossen preussisch-deutschen 
Finanzgeschäfte gemacht. Hier hat nun ein Depositen 
verwalter im Laufe der letzten Kriegsjahre grosse Verun 
treuungen begangen; fünf Millionen Mark an vertrauter 
Wertpapiere unterschlagen. Die näheren Umstände kennt 
Ihr ja wohl Alle aus der Zeitung; Die Wertpapiere 
wurden zu Geld gemacht, und das Geld kam an einen 
jungen, smarten Geschäftsmann amerikanischen Zuschnitts. 
Format Rockefeller. Gegen 6 Prozent Zins. Weil der 
Depositenverwalter schliesslich auch etwas von dem unter 
schlagenen Gelde haben wollte. Der kleine Berliner Rocke 
feiler hat dann damit allerhand erspriessliche Kriegsge 
schäfte gemacht. Wie das damals so üblich war: In 
Seite, in Wein, in Bildern, in Pferden. Er hat Berlin 
zwei Gemälde-Gallerien geschenkt und das deutsche Kunst 
leben damit bereichert. Er hat einen Rennstall unterhalten 
und den Sport bedeutend gefördert. Seine Farben, weisse 
Jacke mit roten Schnüren, wurden eine Hauptanziehung 
der Grunewald-Rennbahn. Sein Stall war bald eine inter 
nationale Berühmtheit, Auch sonst brachte er Geld unter 
die Leute. Plünderte verdankten ihm eine Existenz, 
Männlein und Weiblein. Nun, Ihr habt es ja alle in der 
Zeitung gelesen. 
Schält einmal aus diesem Einzelfall den Kern heraus, 
meine Lieben; das Bedeutsame, das Prinzip. Da liegen 
Millionen hübsch kolorierte, aber sonst unverwendbare 
Wertpapiere in einem dunklen Bank-Tresor. Liegen da 
faul und leblos. Werden nur zweimal im Jahre auf die 
andere Seite gedreht Wenn nämlich der Depotverwalter 
mit der Scheere kommt und die Kupons abschneidet. 
Die werden dann irgend einem Müller oder Schulze gut 
geschrieben, weil auf dem Streifband steht, dass ihm die 
Papiere gehören. Dann liegen sie wieder faul und leblos, 
jahrein, jahraus. Bis jemand sie heimlich in die Tasche 
steckt und das Streifband abreisst. Nun gehören Sie nicht 
mehr dem Müller oder Schulze, sondern dem Jemand, 
und das nennt man Defraudation. 
...-Der Jemand ist vielleicht ein Rinaldo oder eine Madame 
Humbert. Vielleicht ist er aber auch ein tüchtiger, unter 
nehmender Kerl. Vielleicht sogar ein Idealist. Er er 
richtet mit dem Gelde Werke, von denen Hunderte, 
Tausende auskömmlich leben. Oder treibt praktische 
Sozialpo litik. Gründet irgendwo Kolonien freier Bürger. 
Führt s J e aus der sogenannten Zivilisation zurück zum 
Naturleben. Wird ihr sorgender Vater mit dem Amts 
charakter „König.“ 
Also stellt es Euch einmal deutlich vor, meine Lieben; 
Im Tresor einer grossen Aktienbank fehlen 5 oder 10 
tote Millionen. Was bedeutet das? Das bedeutet so gut 
wie gar nichts. Die Bank ersetzt dem Müller oder Schulze 
den Schaden und verteilt weniger Dividende. Statt 12 
Prozent nur 7 Prozent. Auf der anderen Seite ist neue 
Betriebsamkeit entstanden Das tote Geld ist lebendig 
geworden. Grosse Werke geben tausend Händen Ver 
dienst. Die Geschäftswelt streicht ein und gibt aus: das 
Geld rouliert. Oder irgend ein Ideal ist verwirklicht 
worden: Tausend Menschen fronen nicht mehr, sondern 
leben als selbstbestimmende Bürger. Auf freiem Grund, 
im eigenen Haus. Und sind glücklich. 
Nach den Grundsätzen unserer Justiz ist der Glück 
bringer, der die toten Millionen zum Leben erweckt hat, 
ein Verbrecher. Seine Tat trägt alle Merkmale des Dieb 
stahls gepaart mit grobem Vertrauensbruch. Das kostet, 
falls mildernde Umstände vorliegen, drei Jahre Gefängnis; 
sonst Zuchthaus. So wollen es unsere Gesetze namens 
hinden-Büfett 
lllllllllilllllllllllllllllllltllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllM 
Unter den Linden 17-18 
Vornehmste Bar 
den Friedrichstadt 
des Rechts und der Moral. Weil nämlich die Gesetze 
von Besitzenden für Besitzende geschrieben sind. 
So ungefähr meine Lieben würde ich zu Euch sprechen, 
wenn ich ein ausgemachter Esel wäre. Würde nach 
neuen Rechlsbegriffen rufen. Würde Euch auffordern, 
die Alltagsmoral, die kapitalistisch verknöcherte, mit 
eisernem Besen hinwegzufegen. Würde vom Rechte 
sprechen, das mit uns geboren ist. Dies und ähnliches 
würde ich tun, wenn ich, wie gesagt, ein Esel wäre. 
Denn die Wahrheit, Ihr Lieben, ist eine Zwiebel. 
Wer das erste Häullein entfernt bat, ist noch lange nicht 
am Kern. Lasst uns einmal gemeinschaftlich weiterschälen 
an dem Fall der Bleichröder’schen Millionen und sehen, 
was zuletzt dabei herauskommt. 
Da müssen wir nun zunächst fragen: Lagen denn die 
Millionen wirklich tot, bevor sie jener Jemand an sich 
nahm und „zum Leben erweckte?“ Scheinbar ist es so. 
Früher faullenzte Papier in einem finsteren Tresor, und 
jetzt rollt Geld durch das taghelle Leben. Aber, wie 
gesagt, wir wollen weiterschälen. Was finden wir da? 
Zunächst finden wir, dass jenes faullenzende Papier doch 
noch etwas mehr war als Papier aus Lumpen und Holz 
schliff. Sein Besitzer Müller oder Schulze hatte es mit 
samt dem Recht auf halbjährliche Inbetriebsetzung der 
Kuponschere nicht umsonst bekommen. Er hatte Geld 
dafür bezahlen müssen. Und dieses Geld musste doch 
notwendig irgendwo geblieben sein, nicht wahr? Der 
Staat hatte es erhalten, um Heeresmaterial zu kaufen, oder 
eine Stadt, um eine Wasserleitung zu legen, oder eine 
Aktiengesellschaft, um den Betrieb zu vergrössern. Jene 
Millionen im Bleichröder’schenTresor waren also Urkunden, 
welche bezeugten, dass irgendwo in der Welt die ent 
sprechenden Millionen in barem Gelde rollten, Arbeiter 
beschäftigten und Gewinn abwarfen. Sie waren also 
eigentlich gar nicht so tot, wie sie schienen. Im Grunde 
waren sie sogar höchst lebendig. 
Aber schälen wir weiter. Der Jemand, der im Konflikt 
mit dem Strafgesetzbuch die Millionen an sich brachte, 
hat Betriebsamkeit geschaffen, Leben erweckt. Aber wie 
denn? Die Millionen lebten ja doch schon vorher. Was 
hat dann der Mann eigentlich getan? Er hat wie man in 
der Börsensprache sagt, das Papier „realisiert“ oder 
„lombardiert“. Das ist nun aber in Wirklichkeit ein 
höchst interessanter Vorgang. Die Papiere waren seiner 
zeit entstanden und in den Tresor spaziert, weil Müller 
oder Schulze sein Geld dafür hingegeben hatte. Jetzt 
geht der umgekehrte Prozess vor sich: Die Papiere 
wandern aus dem Tresor hinaus, und der Jemand lässt 
sich das Geld dafür wiederzahlen. Er bekommt also die 
Millionen in die Hand, die sonst irgendwo in der Welt 
herumgerollt wären, Arbeiter beschäftigt und Gewinn ab 
geworfen hätten. Er lässt sie bestenfalls dasselbe tun, 
auf seine besondere Weise, ln diesem besten Fall ist 
alles beim alten geblieben. Keine nennenswerte Aenderung 
ist eingetreten. Oder doch, meine Lieben, eine kleine 
Aenderung ist allerdings da: Statt des berechtigten Eigen 
tümers, der sein Geld nach den Gesetzen der Wirtschaft 
lichkeit rollen Hess, lässt es jetzt ein Unberechtigter nach 
seinem Gutdünken anders rollen.
        
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