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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

21. Januar. Die italienischen Nächte scheinen jetzt zu einer 
dauernden Einrichtung in Berlin zu werden. Weil nämlich die Arbeiter 
der Elektrizitätswerke streiken. Ein wahrhaftes Kleinstadt-Idyll, dies 
abendliche Berlin der Revolutionszeit 1 Alles dunkel, die Geschäfte früh 
geschlossen, keine Slrassenbahnen — nächstens wird wohl Gras in den 
Strassen wachsen. Das einzige Verkehrsmittel ist die Hochbahn, wenn 
nicht gerade zufällig auch bei ihr gestreikt wird. Dafür ist eine Fahrt 
mit der Hochbahn aber auch riesig amüsant. Wo zehn Menschen Platz 
haben, quetschen sich dreissig oder vierzig zusammen, und manche 
Herren entwickeln eine wahre Virtuosität beim Quetschen, wenn sie 
neben Damen stehen. Ich bin gestern mit Eugenie die Strecke Leipziger 
Platz bis Zoo viermal hin und zurück gefahren. Dann Hess der An 
drang nach, und die Sache wurde uninteressant. 
Es hat natürlich auch seine ernsten Folgen, dass Berlin sich all 
mählich zum Dorf zurückentwickclt. Die Nationalversammlung zum Bei 
spiel soll nicht in Berlin mit seinen jetzt so unzulänglichen Einrichtungen 
tagen, sondern in Weimar, wo wohl noch alles gut funktioniert. Es hat 
aber sicherlich auch noch andere Gründe, weshalb man Weimar gewählt 
hat. Erstens ist Thüringen weit schöner als die Mark. Weshalb sollen 
es die Abgeordneten nicht ebenso gut haben wie die Teilnehmer an 
internationalen Kongressen, die im Frühjahr nach der Riviera, im 
Sommer nach der Schweiz und im Herbst au den Rhein gelegt zu 
werden pflegen, also immer dahin, wo es gerade am schönsten ist? 
Von Weimar lassen sich so entzückende Ausflüge machen. Der Haupt 
grund ist aber wohl, dass so viel »neue Leute“ in die Nationalversamm 
lung gewählt worden sind: Der sogenannte Aufstieg der Tüchtigen. 
Die neuen Tüchtigen sind begreiflicherweise noch nicht so redegewandt 
wie die alten Routiniers und trauen sich daher noch nicht nach Berlin. 
Sie wollen sich erst eine Zeitlang in Weimar üben. Sobald sie eine 
halbe Stunde hintereinander ohne Sleckenbleiben reden können, kommen 
sie nach Berlin, das bis dahin wohl wieder Gressstadt sein wird. Das 
ist wenigstens die Auffassung von Onkel Max. Inzwischen, meint er, 
können die Tüchtigen bei Weimar fleissig rodeln. Der Magistrat hat 
schon eine grosse Rodelbahn herrichten lassen mit zahlreichen Pla 
katen: „Freie Bahn den Tüchtigen!* 
Papa ist natürlich nicht damit einverstanden, dass sein geliebtes 
Berlin nicht Sitz der Nationalversammlung sein soll. Gestern Abend gab 
es eine grosse Herrendebatte über dieses Thema und über die Frage 
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warum Preussen und insbesondere Berlin beim übrigen Deutschland so 
unbeliebt seien, genau so unbeliebt wie Deutschland selbst bei den 
anderen Völkern. Eine Uebereinstimmung wurde nicht erzielt. Aber 
alle Herren nickten, als Finanzrat Mayer sagte, dass er der unglück 
lichste Mensch in Europa sei; denn er sei Deutscher, Preusse, Berliner 
und Jude. 
24. Januar. Es wird immer dunkler in Berlin. Weil es nämlich 
an Kohlen fehlt. Das kommt von den Arbeitsausständen in Ober 
schlesien und der Lausitz. Jeden Tag wird ja die Arbeit wo anders nieder 
gelegt. Bald bei den Elektrizitätswerken, bald bei der Hochbahn, bald 
bei der Müllabfuhr — sogar die Kellner haben neulich gestreikt. Sie 
empfinden die Trinkgelder als eine Ehrenkränkung und fordern festes 
Gehalt. Das ist ihnen denn auch bewilligt worden, und seitdem fühlen 
sie sich durch die Trinkgelder nicht mehr beleidigt. So stockt die Arbeit 
überall. Die einzigen, die nicht streiken, sind die 220000 Arbeitslosen, 
die es jetzt in Berlin gibt; und die Minister. Die streiken nicht, ob 
wohl man ihr Gehalt von 36000 auf 24000 Mark herabgesetzt uud 
ihnen das freie Herumreisen beschnitlen hat. Den früheren Volks 
beauftragten Barth hat mau kürzlich aus seinem Abteil 1. Klasse heraus 
geholt und gezwungen, den vollen Preis der Reise zu bezahlen: Da 
macht das ganze Regieren doch keinen Spass mehr! 
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Die neueste Berliner Errungenschaft sind die Gassperrstunden. Man 
sperrt der Bevölkerung Vormittags und Nachmittags ein paar Stunden 
lang das Gas ab, um Kohle zu sparen. Die Sache ist mir nicht ganz 
verständlich. Statt des vormittags wird jetzt im bürgerlichen Haushalt 
schon des Morgens auf Gas gekocht, und später wird das Gekochte auf 
Kohlenfeuer wieder aufgewärmt, so dass ein doppelter Kühlenverbrauch 
herauskommt. Onkel Max meint, das Ganze sei nur ein neuer Streich 
der Reaktionäre. Dem niederen Volk solle die Revolution mit Gewalt 
verekelt werden, (Die Reichen kochen ja ohnehin elektrisch, wie wir.) 
So wie die Revolution im Grunde von den Papierfabrikanten gemacht 
worden sei, die Millionen an den Plakatliefernngen für die Wahl 
agitation verdienen wollten, so seien die Gassperrstundeu, der Früh- 
schluss der Restaurants und Theater, die Einstellung des Stadtbahn 
betriebes usw. nur Machenschaften der Gegenrevolutionäre, welche das 
neue Regime diskreditieren wollten. Victor sagte ärgerlich, Onkel Max 
sollte solche Scherze unterlassen. Aber der zuckte die Achsel und 
meinte, er habe nur einmal eine »materialistische Geschichtsauffassung.“ 
26. Januar. Jetzt hat man auch den Theatern die Beleuchiung auf die 
Hälfte reduziert. Es müssen also wöchentlich mehrere Vorstellungen 
a usfallen, in erster Reihe natürlich die billigen Volksvorstellungen, die 
den Bühnen nichts einbringen. Auch hier leidet wieder der kleine 
Mann. Es ist überhaupt merkwürdig: Seitdem die Revolution das Volk 
rei und glücklich gemacht bat, können eigentlich nur noch Millionäre in 
Deutschland behaglich leben. 
Im übrigen ist die Einschränkung der Theater-Beleuchtung zur 
rechten Zeit gekommen. Sie hat die Bühnenwelt geradezu vor einer 
Katastrophe bewahit. Man weiss doch, was die Leichner'schen Parfüms 
und Schminken für das Theater bedeuten: Eine Schauspielerin kann 
eher ohne Talent als ohne Leichner spielen. Jetzt hat das amerikanische 
Hauptquartier in Koblenz der Firma ihren ganzen Vorrat an Puder, 
Schminken und Parfümerien für die amerikanischen Fronttheater ab 
gekauft und mit Express nach Limburg geschafft. Angeblich weil die 
Leichner’schen Fabrikate besser sind als die franzözischen. In Wirk 
lichkeit handelt es sich aber natürlich nur um eine neue Brutalität der 
Besatzungstruppen. Man will uns jetzt auch künstlerisch aushungern! 
Aber da hat die Lichtsperre den Herren einen Strich durch die Rechnung 
gemacht. Im jetzigen Halbdunkel der Theater würde sogar eine Prevosli 
ohne Schminke auskommen können, geschweige die meist sehr hübschen 
Berliner Künstlerinnen. Sollte also auch die Elektrizilätssperre ein 
Werk unserer Gegenrevolutiouäre sein, so haben sie sich in diesem 
Falle arg verrechnet. Ferd. Naumann. 
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