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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Truppendurchzug. 
Einige Abteilungen Soldaten marschieren über den Potsdamer Platz. 
Das Publikum, das den Platz überqueren will, muss zu beiden Seiten 
warten. Immer wenn ein Truppenteil vorbei ist, strömen die Meeschen 
massen hinüber und herüber. Dabei prallen zwei Herren aufeinander, 
ein dicker und ein dünner. 
Der Dünne: „Bitte vielmals um Entschuldigung mein Herr! Uebtigens 
. . . . Wir kennen uns doch?! Sind Sie nicht Herr Sutro? Haben 
wir nicht vor 5 oder 6 Jahren die famose Rheinfahrt miteinander ge 
macht?“ 
Der Dicke: „Ganz richtig, mein Herr. Jetzt erkenne ich Sie auch. 
Sie haben sich sehr verändert.“ 
Der Dünne; „Vier Kriegsjahre, mein Lieber! Vier Hungerjahrei 
Gehen wir auf den Bürgersteig, Herr Sutro, da kommt schon wieder 
eine Abteilung Soldaten.“ 
Der Dicke: „Das sind nun die gefürchteten preussischen Truppen! 
Sie sehen nicht sehr fürchterlich aus.“ 
Der Dünne: «Nein, wahrhaftig nicht. Lauter blutjunge Bürschchen! 
Und diese Uniformen: Alles schmutzig, alles schlotterig, der Helm zer 
beult, die Gewehrläufe rostig 1“ 
Der Dicke: „Ja, das war früher anders.“ 
Der Dünne: „Und dann die Disziplin! Wie das vorbeilatschtl Und 
jeder tut, was er will! Der eine singt, der andere pfeift, der dritte 
raucht . , . es ist ein Jammer, Herr Sutro 1“ 
Der Dicke: „Aber warum denn ein Jammer? Den Leuten ist doch 
sehr wohl. Sehen Sie, wie vergnügt sie deu kleinen Mädchen zu winken! 
Branchen keinen Offizier zu grüssen, keinen Gamaschendienst zu machen, 
keine Schiessübungen abzuhalten . . .“ 
Der Dünne: „Wozu auch Schiessübungen, Herr Sutro? Zum Schiessen 
kommt es ja doch nicht mehr. Früher wurde „Feuer!“ kommandiert, und 
dann krachte die Salve, dass es eine Freude war. Heute? Ich glaube, 
heute muss der Offizier sagen: „Ach, lieber Schulze, seien Sie doch so 
gut und legen Sie auf den Mann da drüben an. Hier ist mein Ausweis 
vom A.- und S.-Rat, dass ich Ihnen den Befehl geben darf.“ — Traurig, 
Herr Sutro, tieftraurigl“ 
Der Dicke: „Finde ich garnicht. Sehen Sie, da kommen ein paar 
Maschinengewehre. “ 
Der Dünne: „Auch verdreckt und verrostet. Und die Mannschaft 
erst! Es schreit zum HimmelI“ 
Der Dicke: „Aber nehmen Sie das doch mit Humor. Mir gefallen 
die Leutchen sehr gut so.“ 
Der Dünne: „Die gefallen Ihnen? Die werden im Leben keine 
Schlacht mehr gewinnen. 
Der Dicke: „Sollen Sie auch nicht. Ich finde sie wunderschön, wie 
sie sind.“ 
Der Dünne: „Diese Jammergestalten?“ 
Der Dicke: „Gewissl Die kommen kaum bis an den Rhein, 
geschweige denn hinüber. Prächtig, ganz prächtig!“ 
Der Dünne: „Das nennen Sie prächtig, Herr Sutro? So urteilen 
Sie als Deutscher?“ 
Der Dicke: „Aber erlauben Sie, mein Herr, seit wann bin ich 
Deutscher?“ 
Der Dünne: „Ja, was sind Sie denn sonst?“ 
Der Dicke: „Aber das sagt doch schon mein Name: Soutreaux. 
Franzose bin ich natürlich. Franzose!“ 
Dafür haben wir geblutet! ? 
(zu nebenstehendem Gedieht). 
Original-Skizze von Antal Jarosy. 
Sankt Liebknecht 
Völkerheros! Völkergeissei! 
Von Millionen benedeiet 
Und verflucht von Millionen 
Sankst Du in die kalte Erde, 
Die mit Bruderblut Du tränktest. 
Vom Altan des Kaiserschlosses 
Warfst den Brand Du in die Massen, 
Mit dem Feuergeist des Schwärmers, 
Mit dem Wahnschrei des Phantasten 
Und Prometheus’ heissem Herzen. 
Mit dem Dreigespann der Freiheit, 
Selbstbestimmung, Menschenwürde 
Jagtest Du — doch nicht zum Siege. 
Jagtest auf dem Flammenwagen 
In das eigene Verderben. 
lieber Deinem blut’gen Sarge 
Züngeln jetzt die Feuergluten; 
Brennen in das Buch der Menschheit 
Sturmgepeitscht Dein Flackerbildnis: 
Märtyrkrone? Teufelsfratze? 
lieber Deinem blut’gen Sarge 
lieber Stätten der Zerstörung 
Irren Geister von Millionen, 
Die für Haus und Herd gefallen, 
Stieren Auges, Fäuste ballend. 
Dafür haben wir geblutet!? 
Dafür Marterqual erduldet? 
Haben wir mit uns’rem Leben 
Euch nicht Glück erkauft und Frieden, 
Sondern Brand und Brudermord? 
Doch der Eine, der des Brandes 
Fackel warf in das Gebäude, 
Sieht nicht Jammer und Vernichtung 
Starb mit Lächeln auf den Lippen 
Für den Sieg der Wahnidee. 
Starb, noch eh’ es sich erfüllte; 
Glücklich, da er nicht erkannte, 
Dass, wo Menschenkinder wohnen, 
Ewig unversöhnlich kämpfen 
Ideal und Wirklichkeit. 
Ralph Rohde
        
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