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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

schämt wie der bekannte Schäfer Mano, der Jeden um 20 Mark schröpft. 
Infolgedessen habe ich jährlich 8000 bis 10,000 Kunden. Und das 
mache ich mir bei der Vorhersage wichtiger Ereignisse zu Nutze. So 
beispielsweise bei der Prophezeiung des Kriegsendes.“ 
Der Fremde: „Ich bin gespannt.“ 
Bastian: „O, es ist ganz einfach. Im Jahre 1916 haben mich über 
3000 Klienten nach dem Datum des Kriegsendes gefragt. Da ich es 
natürlich nicht kannte, habe ich jedem der Leute ein anderes Datum 
gesagt, vom 1, Januar 1917 beginnend bis zum 31. Dezember 1919 
Dann fing ich wieder von vorne an. Jeder Tag vom Januar 1917 bis 
zum Dezember 1919 ist mit drei Auskünften belegt. Ich musste also, 
wenn der Krieg vor 1920 zu Ende ging, unbedingt in drei Fällen Recht 
bekommen. Bei der Revolution war die Sache etwas schwieriger.“ 
Der Fremde; „Ich begreife. Das Kriegsende musste einmal kommen. 
Aber die Revolution konnte ebenso gut ausblciben.“ 
Bastian: „Richtig. Deshalb musste ich hier eine zweite Einteilung 
vornehmen. Ich musste einem grossen Teil meiner Klienten, etwa 
1000, mit „nein“ antworten und da n lediglich die Ja-Fälle, also rund 
2000, auf die drei Jahre 1917 bis 1919 verteilen. Infolgedessen konnte 
ich bezüglich der Revolution nicht in drei Fällen, sondern nur in zweien 
Recht behalten. Das heisst, wenn sie überhaupt eintrat. Denn wenn 
sie ausblieb, hatte ich natürlich in 1000 Fällen Recht.“ 
Der Fremde „Höchst intelligent.“ 
Bastian: „Ja, das ist der Vorteil der grossen Zahl und die Folge 
meines billigen 50 Pfennig-Tarifs. Der berühmte Schäfer Mano mit 
seinen 20 Mark-Konsultationen kann da nicht mit. Aber für den, der, 
wie ich, die grosse Zahl hat, ist das System ungeheuer einfach. Man 
braucht dann nur eine gute Buchführung, um immer genau ersehen zu 
können, wem man den richtigen Tag prophezeit hat. Der wird dann 
von mir bearbeitet, wenn es nötig ist. Aber es ist meist garnicht nötig. 
Die Leute halten mich ohnehin für einen Gott, wenn ihr Tag heraus 
kommt in der gressen Schicksalslotterie. Sie posaunen mein Lob dann 
in alle Winde und in die Presse. Die Anderen schweigen meistens.“ 
Der Fremde (steht auf): „Vielen Dank, Herr Bastian. Es war mir 
hochinteressant. Hier ist Ihr Honorar — zehntausend Mark. Also nur 
eine gute Buchführung, meinen Sie?“ 
Bastian: „Es kann auch eine zuverlässige Karthothek sein, Herr . . 
Mit wem habe ich übrigens die Ehre?“ 
Der Fremde: „Mano ist mein Name — Schäfer Mano. Gröss Gott. 
Herr Bastian.“ 
Ebert und der Entente-Gesandte. 
Ein Abgesandter der Entente konferiert im Reichskanzler-Palais mit 
dem Volksbeauftragten Ebert. Gegenstand der Unterhaltung sind die 
Friedensbedingungen, welche die Entente Deutschland in der kommenden 
Friedeusvcrhaudlung aufzuerlegen beabsichtigt. 
Der Abgesandte: .Also, wie gesagt, mein Herr, das oberste Gesetz, 
von dem wir uns leiten lassen, h.risst Gerechtigkeit. Hass, Rachsucht, 
Siegcs-Uebermut scheiden völlig aus. Die Verhandlungen werden im 
Zeichen der Versöhnung stehen Wilsons erhabener Gedanke von der 
Völkerverbrüderung so.l res'l is in Erfüllung gehen. “ 
Ebert: .Das heisse ich edel gesprochen 
Der Abgesandte: „Ja, mein Herr, die Entente ist grossmütig.T Sie 
will keinen Gewalltrieden. Freilich können wir den ungeheuren Schaden 
nicht ganz vergessen, den Deutschland angerichlet hat. Aber wir 
verzichten ausdrücklich auf jede Bestrafung der unschuldigen Bevölkerung. 
Es ist alles vergeben, sofern nur der materielle Schaden einigermassen 
wieder gutgemacht wird.“ 
Ebert: „Davon sprachen wür ja eben. Und wie ich Ihnen sagte, 
erkennen wir das Prinzip der Wiedergutmachung an. Notgedrungen! 
Denn es wird Deutschland rund 60 Milliarden kosten.“ 
Der Abgesandte; „Wir sprachen bisher nur von den Kosten des 
rohen Wiederaufbaues in Nordfrankreich und Belgien, mein Herr. Wir 
haben uns noch nicht über die Wiedergutmachung des sonst angerichteten 
Schadens unterhalten.“ 
Ebert: „Schaden welcher Art?“ 
Dei Abgesandte: „Von den Versenkungen durch Ihre U-Boote will 
ich nicht reden. Dass Deutschland seine Handelsflotte herausgeben muss, 
um die Torpedierungen wieder gut zu machen, versteht sich ja von 
selbst. Aber wir werden beispielsweise über den Ersatz der vernichteten 
Kulturgüter zu sprechen haben,“ 
Eberl: „Sie meinen die zerschossenen Kirchen und Paläste? Deren 
Wiederaufbau steckt ja schon in den 50 Milliarden.“ 
Der Abgesandte: „Nein, ich meine die unzähligen Kunstwerke, die 
teils durch Beschiessung und Feuer, teils durch die überhastete Flucht 
der Besitzer, teils durch Plünderung vernichtet wurden. Sie sind 
natürlich unersetzlich. Ein einziger Claude Lorrain oder Watteau wiegt 
nach französischem Empfinden das ganze deutsche Nationalvermögen 
auf. Aber in gewissen Grenzen ist schliesslich eine Wiedergutmachung 
möglich. Sie besitzen immerhin die Sixtinische Madonna, viele 
Rembrandts, Rubens und dergleichen. Sie treten uns also alle Ihre 
Museen ab.“ 
Ebert: „Alle deutschen Kunslschätze?“ 
Der Abgesandte: „Gott, sie sind bis auf die paar Glanznummern ja 
kaum der Rede wert. Aber das ist im Grunde auch nur ein neben 
sächlicher Punkt. Wichtiger ist uns, dass die privaten Verluste, welche 
die Völker der Entente durch den Krieg erlitten haben, wieder gut- 
gemacht werden. Die Verluste an Börsenpapieren, zum Beispiel, die 
Verluste an den hohen Kriegspreisen, die für Bauten, Mobiliar und 
über den Kriegsursachcn-Akten arbeitend. 
r, i • . i phot Bert. HIustr.-Ges 
Paul Lindau 
der bekannte Schriftsteller starb nach kurzer Krankheit im 80. Lebensjahre. 
Lebenshaltung aufgewendet werden mussten. Da es sich um einen 
Frieden ohne Hass, einen Frieden der Grossmut handelt, werden Sie 
die Wiedergutmachung aller dieser Schäden als eine Ehrenpflicht an- 
sehen.“ 
Ebert: „Aber mein Herr .... “ 
Der Abgesandte; „Dass die Völker der Entente auch mit den un 
entbehrlichen Kleidungsstücken ausgerüstet werden müssen, die sie sich 
während des Krieges nicht haben anschaffen können, versteht sich von 
selbst. Ihre Bevölkerung wird daher ihre Kleidung, ihre Stiefel, ihre 
Strümpfe und Hemden hergeben müssen “ 
Ebert: „Wie? Was? Die ganze Kleidung?“ 
Der Abgesandte: „Natürlich. Die Hälfte ist zwar zerrissen und der 
Rest minderwertig. Aber so genau nehmen wir es nicht. Wir schliessen 
ja einen Frieden der Versöhnung. Es genügt uns völlig, wenn ein 
paar Millionen deutsche Arbeiter nach und nach die Kleidungsstücke 
anfertigen, die an der völligen Ausstattung der Entente-Völker noch 
fehlen »'erden.“ 
Ebert: „Aber das heisst ja. die Deulschcn zu Sklaven machen.“ 
Der Abgesandte: „Sklaven? Mein Herr, was denken Sie? Wir leben 
doch nicht im Altertum! Wir sind doch keine Bai baren! Zur Zeit 
der römischen Zäsaren war jeder Friede ein Gewaltfriede. Das heisst, 
die Sieger "waren so dumm, die besiegten Völker in die Sklaverei ab 
zuführen, sie dort zu ernähren, zu kleiden und verhältnismässig human 
zu behandeln. Wir denken gar nicht daran, solche Verpflichtungen zu 
übernehmen. Wir sind Kulturvölker und fordern einfach Wiedergut 
machung. Die Ernährung des besagten Volks ist nicht unsere Sache. 
Sklaven! Das glaube ich, das könnte Ihnen passen! Auf Jahrzehnte 
hinaus ein faules Sklavendaseiu führen und andere für sich sorgen 
lassen! Nein, mein Herr, wir sind zwar grossmütig, aber so bequem 
können wir Ihnen die Sache denn doch nicht machen!“
        
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