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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Theater. 
Herbert Eulenbergs fünfaktige 
Tragödie „Ein halber Held“, die 
uns das Schauspielhaus, das vormals 
königliche, vorsetzt, verdient ihren 
Namen. Es ist wirklich alles halb an 
ihr. Stoff, Tendenz, Cbarakteiislik, 
dramatische Entwicklung, philosophi 
sche Begleitmusik — alles halb oder 
verzerrt. Ein Menschenschicksal zer 
schellt am Felsen des prettssischen 
Militarismus, zur Zeit des alten Fritzen 
Das will uns Eulenberg zeigen. Und 
da er auch hier ein ernster Dich 
ter ist — obwohl einzelne Szenen 
kitschig sind und seine Charakter 
zeichnung mitunter die Karrikatur 
bedenklich streift — so will er, dass 
wir nicht nur mit dem zerschellenden Einzelschicksal mitfühlen, sondern 
auch für den Felsen, an dem es zerschellt, für die Fritzische Militär- 
despolie, etwas übrig haben. Aber beides misslingt. Wenn der Vorhang 
zum letzten Male fällt, ist uns der „halbe Held“ trotz seines dramatischen 
Todes noch genau so unsympathisch wie zu Beginn. Und den all- 
preussischen Geist von 1760 lernen wir auch nicht sonderlich verehren, 
trotz bewährter Requisiten aus dem Anekdotenschatz jener Zeit, und 
obwohl der Riesenschalten des alten Fritz über dem ganzen schwebt, 
wie Wallensteins Geist über seinem Lager. 
Weil eben alles halb und verzeichnet ist. Der „halbe Held“ Kurt 
von der Kreith ist weder die Hälfte noch das Vierte! von einem Helden, 
sondern ein ganzer Waschlappen. Triebfeder seines Tuns und Lassens 
ist der Neid; weil Bruder seiniges ist sich geworden Pandurengeneral 
drüben bei die österreichischen Strizzi. Und wenn sich ihm die Gelegenheit 
bietet, sein Glück gleichfalls auf der feindlichen Seite zu suchen, so 
schlägt er die Carriere aus, weil er ein Hasenherz ist. Eulenberg sa-t 
uns freilich, es geschehe aus tiefeingewurzelter Liebe zur preussischen 
Montur. Aber wir glauben es ihm nicht. Wir kennen seinen halben 
Helden besser, vom langweiligen ersten Akte her. Dieser Schwachkopf 
braucht keinen Felsen, um zu scheitern; der würde sich auch über einen 
Rinnstein zu Tode stolpern. 
Den altpreussisch-spartanischen Heeresgeist, der sein Widerspiel ist, 
kennen wir aus auderen Quellen, und wir achten oder lieben ihn, je 
nach unserer Veranlagung, ob seiner geschichtlichen Leistungen. Eulenberg 
gibt uns nichts dazu und nimmt uns nichts davon. Sein Zerrbild eines 
preussischen Majors a. D. beunruhigt uns nicht weiter, weil es eben ein 
Zerrbild ist. Und über seine Begriffe von altpreussischer Justiz lächeln 
wir. Jahrelange Haft ohne Verhör, im Hirschkäfig, an Eiscnkelten — 
dichterische Lizenz, die wir nachsichtig verzeihen. Aber wenn dann 
im vierten Akt, dem besten des Stücks, ein echtes, lebenswarmes Stück 
Pieussentum vor uns tritt, so empfinden wir die vorangegangene Ver 
zerrung um so peinlicher. 
Eulenberg ist kein Dramatiker. Seine Stärke sind die feinen, ver 
sonnenen, verblassten Idylle; yiisches Gobelin. Im altpreussischen Milieu 
ist dafür kein Platz, und der Dichter ersetzt sie hier durch philosophische 
Wellbetrachtung: über Despotismus, Drill und Persönlichkeit, über 
Menschentum und Menscbenlos. Im dritten Akt, dem Akt mit dem Hirsch 
käfig und den Sch iesskelten, muss eine Spinne au der Wand diese 
Reflexionen über sich ergehen lassen. Sie ist stumm und hilflos, und 
das bischen Sympathie, das der Hörer aufzubringen vermag, gehört ihr. 
Halb das Stück, halb die Darstellung. Um uns den halben Helden 
menschlich näher zu bringen, hätte ein Matkowsky ihn mit seiner Herzens 
wärme und dem Goldklang seiner Stimme von innen heraus durchleuchten 
müssen. Theodor Becker kam trotz redlichen Bemühens und erheb 
lichen Stimmaufwandes über den eulenbergischen Misantropen nicht 
hinaus und war und blieb deshalb der Ritter von der traurigen Gestalt- 
Seine Frau war Margarete Neff. Sie stand anmutig auf ihrem verlorenen 
Posten und vergoss ihre Tränen mit Würde. Die wichtige Rolle eines 
österreichischen Haudegens hatte die Regie Hermann V al 1 entin anver traut. 
Ein totaler Missgriff. Da auch ein tüchtiger Künstler nicht über sich 
selbst hinaus kann, so wurde ein gemütlicher Schildknappe aus dem 
Helden. Diese Rolle hätte Leopold von Ledebur spielen müssen; aber 
der gab — übrigens vorzüglich — einen preussischen Obersten. Carl 
Clewing war der erfolgreiche Bruder des halben Helden, der Panduren- 
General. Gut bis auf die etwas zu jugendliche Maske. Max Pohl lieh 
dem Zerrbild eines preussischen Majors a. D. sein scharfes Charakterisie- 
rungsvermögen. Er zeichnete ihn mit wenigen grossen Strichen und 
liess mit kluger Absicht maoehes krasse Detail fallen; die Figur gewann 
dadurch an Menschenähnlichkeil In kleinen Rollen erfreuten Paul 
Biensfeldt und Josephine Dora. 
Erich Dedekind. 
Berliner Momentbilder. 
Der Prophet. 
Kanonierstrasse HO, drei Treppen. Ein Herr mustert die Namen- 
Schilder an den verschiedenen Türen und zieht dann die Klingel neben dem 
Schild: ,,Bastian, Wahrsager“. Ein Mann im Schlafrock öffnet ihm. 
Der Fremde: „Ich wünsche ilenn Bastian zu sprechen. Habe ich 
die Ehre . . .? 
Bastian: „Jawohl, ich bin es selbst. Bitte treten Sie naher. Nehmen 
Sie Platz. Womit kann ich Ihnen dienen?“ 
Q. Schlechten 
.■ _ Gegründet 1853 
Der Fremde; „Zunächst mein 
Kompliment, Herr Bastian. Ich habe 
in der Zeitung gelesen, dass Sie schon 
vor zwei Jahren die Revolution für 
den 9. November 1918 vorausgesagl 
haben. Sie ist pünktlich an diesem 
Tage eingetreten. Auch das Kriegs 
ende sollen Sie auf den Tag tichtig 
vorherverkündet haben. Sie sind seit 
dem mit Recht ein berühmter Mann. 
Meine aufiichtige Bewunderung, Herr 
Bastian.“ 
Bastian: „Besten Dank, mein Herr. 
Aber ich muss das Kompliment ab 
lehnen. Ich bin nur das bescheidene 
Werkzeug eines höheren Willens, der 
sich durch mich offenbart.“ 
Der Fremde: „Ah, Sie sind in 
spiriert?“ 
B'Stian: „Ich stehe unter dem Einfluss eines gehetmntssvollen Jenseits 
Ich empfange meine Eingebungen im somnambulen Halbschlaf Eine mit 
selbst unbekannte Kraft lässt ihr Wissen und Wollen durch eine Art Trans 
fusion auf mich übergehen, sobald ich im Zustande der Empfängnis bin. 
Der Fremde: „Herr Bastian, ich will offen mit Ihnen reden. Ich bin 
ein aufgeklärter Mensch und glaube an nichts ünirdisches. Gerade des 
wegen interessiert mich dieser Fall so ungeheuer. Also ohne Umschweife: 
Ich zahle Ihnen zehntausend Mark, wenn Sie mir das Geheimnis Ihres 
grossartigen Erfolges bei der Vorhersage der Revolution offenbaren?•* 
Bastian; „Zehntausend Mark? Aber mein Herr, ich sagte 
Ihnen doch . . . 
Der Fremde: „Vergessen rvir, was Sie gesagt haben. Seien Sie offen 
zu mir, wie ich es zu Ihnen bin. Hier (er zieht die Brieftasche) sind 
l(J Banknoten ä 1000 Mark. Sie gehören Ihnen, wenn Sie mir das 
Geheimnis Ihrer Prophetcngabe enthüben. Ich gebe Ihnen überdies mein 
Ehrenwort, dass kein Dritter von mir erfahren wird, was Sie mir sagen.“ 
Bastian: „Ihr Ehrenwort? Gut, legen Sie die zehntausend Mark 
zwischen uns auf den Tisch. Ich will Ihnen die Sache erklären. Ver 
trauen gegen .Vertrauen.“ 
Der Fremde: .Hier ist das Geld. Nun reden Sie.“ 
Bastian; .Also zunächst, mein Heir, ganz im allgemeinen ge 
sprochen; Ich weiss nichis. Absolut nichts. Wie wir Wahrsager alle. 
Ich mache mir lediglich den Umstand zu nutze, dass jedes Ding ent 
weder ist oder nicht ist. Ich habe das Prinzip, immer nur „ja“ oder 
.nein“ zu sagen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens genau 
so gross wie die des Ausbleibens. Mithin behalte ich mit ÖO Prozent 
aller meiner Vorhersagen Recht. Und das genügt, um mir einen grossen 
Zulauf zu sichern.“ 
Der Fremde: .Aber im vorliegenden Fall . . . .“ 
Bastian: .Geduld, mein Herr, wir kommen gleich darauf. Ich nehme 
pro Konsultation nur 50 Pfennig bis 1 Mark. Ich bin nicht so unver- 
Hol - Pianolorte - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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