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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Bürger, rette Dein Geld! 
Mit offenem Munde, Bürger, begafist Du das Schau 
spiel der grossen Revolution. Du hattest Dir die Sache 
etwas anders vorgestellt. Weniger banal; mehr apo 
kalyptisch. Mit Erdbeben, brandrotem Himmel und der 
gleichen. Zwar zischt und brandet es ein wenig um Dich 
herum; aber Dein Haus steht fest, Dein Cylinderhut 
glänzt, die Zeitungsfrau bringt Deine Morgenlektüre nach 
wie vor, und an der Laterne baumelt kein einziger Ver 
treter des ancien regime. Darüber wunderst Du Dich 
einigermassen, Bürger. Aber während Du so dastehst 
und Dich wunderst, nimmst Du Schaden, ohne es zu 
merken. Dein Geld verschwindet Dir unversehens aus 
der Tasche. Obwohl gar kein Taschendieb in der 
Nähe zu sehen ist. 
Der Steuerbote, meinst Du? Nein, der ist es nicht, 
der Dir Dein Geld mit solcher Heimlichkeit nimmt. 
Dessen festen Griff würdest Du am Ende spüren. Nein, 
es geht ganz anders zu, viel spukähnlicher und rätsel 
hafter. Du hast Dein Geld fest in der Hand. Niemand 
rührt daran, niemand sieht es auch nur. Aber sobald Du 
die Hand öffnest, fehlt die Hälfte. Wie durch Zauberei. 
Stückzahl und Nennbetrag stimmen freilich. Der Hundert 
markschein ist noch immer ein Hundertmarkschein. Aber 
er ist plötzlich nur nur sechzig Mark wert. Dann nur 
noch fünfzig. Jetzt nur noch fünfundvierzig. Der Wert 
schmilzt — ein infamer Spuk, dem Du nicht entrinnen 
kannst, so fest Du Dein Geld auch hältst. 
Du weisst nicht, wie das zugeht? Ich will es Dir 
erklären, mein Lieber. 
Die Revolution, siehst Du, war zu Beginn ein Schrei 
nach Frieden und Brot. Das ist sie aber längst nicht 
mehr. Heute ist sie nur noch eine Art Lohnbewegung. 
Der vierte Stand will seine Ration aus der nationalen 
Futterkrippe reichlicher bemessen haben. Er rauft sich 
mit dem Arbeitgeber um einen höheren Wochenlohn. 
Ob der Arbeitgeber ein Bürger ist, wie Du, oder eine 
Gesellschaft, oder eine Kommune, das ist dabei ganz 
gleichgiltig. 50 Prozent Mehrlohn! Und noch einmal 
50 Prozent Mehrlohn! Und 50 Prozent Arbeitslosen- 
Entschädigung! Und 1000 Mark Entschuldungsgeld! 
Das ist heute die Revolutionsparole. Alle sozialen 
Ideale sind um den Preis feil. 
Natürlich müssen die Lohnforderungen bewilligt 
werden. Denn wozu, zum Henker, wäre sonst die ganze 
Revolution? Aber womit zahlen? Die Industrie ver 
dient nichts. Die Staatsbetriebe legen in jeder Woche 
Millionen zu. Also Kredit her! Wer gibt ihn? Natür 
lich die Reichsbank. Die ist ja dazu da. Und sie kann 
es auch, denn sie hat das sogenannte Notenprivileg. Die 
Beneidenswerte hat das Recht, so viel Noten herzustellen, 
wie sie will; wenigstens seit dem Kriegsausbruch. Und 
so arbeitet denn die Notenpresse an der Aufbesserung 
der Wochenlöhne, fieberhaft, was Papier und Drucker 
schwärze halten. Zeitweilig auch mit Nachtschicht. Es 
ist sehr spassig, wie sie Mehrlohn über Mehrlohn aus 
ihrem Rachen speit. 
Aber die spassige Sache hat eine ernste Kehrseite. 
Die Arbeiter nehmen nämlich den* Mehrlohn nicht nur 
ein, sondern sie geben ihn auch aus. Mit jedem Hundert 
markschein, den die Reichsmaschine ausspeit, kaufen sie 
Dir, mein Lieber, ein paar Stiefel oder ein paar Pfund 
Butter vor der Nase weg. Das schadet an und für sich 
garnichts. Der Arbeiter hat ein natürliches Recht auf 
Stiefel und Fett, ‘ genau wie Du. Aber die Preise! Die 
steigen, statt zu sinken, wie es nach dem Kriege doch 
das natürliche wäre. Die verdammten Zettel aus der 
Reichsdruckmaschine fressen alles auf, machen alles 
immer noch knapper, immer noch teurer, Wer solche 
Zettel erhascht, kann mitfressen. Die Anderen stehen 
mit hungrigem Maul daneben. 
Linden-Büfett 
llllllllllilllllllllllllllllllllliiiiiliiiiiililllillilllllllllllllllillllllllllllllllilllllllllllllllilllllll 
Unter den Linden 17-18 
Vornehmste Bar 
der Friedrichstadt 
_ / 
Dann kommt eines Tages der Moment, wo der Ar 
beiter stutzig wird; wo das fröhliche Stangenklettern der 
Preise ihm nicht mehr passt. Weil es ihm nämlich 
seinen Mehrlohn aus der Hand schlägt. Weil er mit der 
Zulage kaum noch so viel kaufen kann, wie vorher ohne 
Zulage. Und er fordert einen neuen Mehrlohn: „Weil 
die Preise gestiegen sind.“ Und die Preise steigen weiter: 
„Weil ein neuer Mehrlohn ausgezahlt worden ist.“ So 
jagen Lohnforderung, Notendruck und Preissteigerung 
immer hitziger hinter einander her. 
Und Du, mein Lieber, stehst dabei und denkst be 
kümmert: Was geht da vor sich? Denn Du merkst, 
wie Dein Geld Dir in Deiner Tasche zusammenschmilzt. 
Es ist lange her, dass Dein Hundertmarkschein einmal 
100 Mark wert war. 100 Mark in Gold oder 60 Gulden 
holländisch. Eines schönen Tages galt der Schein nur 
noch 70 Mark oder etwa 40 Gulden. Und heute sagt Dir 
der Sachverständige, dass er 45 Mark oder 28 Gulden 
wert ist. Wie, wenn das so weiter geht? Wenn die 
Notenpresee Dir die Preise so hoch treibt, dass Du mit 
Deinen 100 Mark nur noch kaufen kannst, was früher 
20 oder 10 Mark gekostet hat? In der französischen 
Revolution ging das verteufelt schnell. Die Druck 
maschinen waren damals so leistungsfähig, dass das 
Papiergeld bald in der Nähe von Null angelangt war. 
Wie, wenn es wieder so ähnlich käme? Dann wäre 
Dir, mein Lieber, Dein Geld wie mit einem Zauberstab 
aus der Tasche gehext. 
Und wenn es nur das bare Geld wäre! Aber Du hast 
ausserdem ein gewisses Vermögen, sei es nun gross oder 
klein. Das ist in Forderungen, in Llypotheken, in Spar 
guthaben angelegt, wirft Dir Zinsen oder Renten ab. 
Auch da ist jede Mark auf 45 Pfennig zusammen 
geschrumpft. Und schrumpft weiter ein, wenn Papier und 
Druckerschwärze nicht bald knapp werden. Du brauchst 
gar keine so grosse Angst vor den Steuern zu haben, mein 
Lieber. Die nehmen Dir Dein Geld nicht halb so un 
erbittlich ab wie die Notenpresse. Und nicht halb so heim 
tückisch. Es ist geradezu ein Vergnügen, Steuern zu 
zahlen, verglichen mit dem Gefühl, das Dich beschleicht, 
wenn das wohlverwahrte Geld in Deiner Tasche sich in 
sich selbst zusammenzieht, gleichsam zu Staub zerfällt. 
Du willst das nicht, mein Lieber? Du willst nicht 
dulden, dass man Dir Dein Eigentum in die vierte 
Dimension zaubert? Dann bringe die Druckerpresse zum 
Stehen. Aber schnell! Es ist die allerhöchste Zeit! 
Freidank. 
P e r k e o. 
Der Löwe und die Esel. 
Ein Vorraum zum Arbeitszimmer des Kurfürsten Karl 
Philipp im Heidelberger Schloss. Ein Sekretär sitzt am 
Schreibtisch vor dem Fenster und schneidet an einem Gänse 
kiel. Auf der Tischkante hockt Perkeo und dreht die Spitzen 
seiner Schnabelschuhe hoch. Am andern Ende des Zimmers 
sitzen der Fabrikherr Rautenach und der Bank-Kommissar 
Durnaberg im leisen Gespräch. 
Perkeo (flüsternd). Wie geheimnisvoll die beiden Maus-
        
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