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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Die geheimnisvolle Fussspur 
an der Decke. 
(Ein seltsames Erlebnis). — Von Irene v. Stendick. 
Man schrieb den 23. August. 
Das ist nun just kein besonderer Tag. Für Mr. World 
aber war er von grosser Bedeutung, denn an diesem Tage 
Hess ihn zum ersten Male seine Fassung, seine angeborene 
phlegmatische Ruhe im Stich. Und wer James World 
kannte, der hatte Gelegenheit, an eben diesem 23. August 
verständnislos den Kopf zu schütteln und in Ermangelung 
einer anderen Erklärung sich bezeichnend an die : Stirn 
zu tippen. 
James fluchte und schimpfte wie ein Rohrspatz: „Him 
melkreuzmillionenschockschwerenot!“ — — Allerdings 
spokte er es auf englisch. Und der Grund? Ja, der war 
nun in der Tat dazu angetan, einen Mann wie James 
World aus der Fassung zu bringen. Endlich, nach jahre 
langem Harren und Hoffen hatte sein guter, alter Erbonkel 
das Zeitliche gesegnet. Hätte er nun nicht einfach seinem 
geliebten Neffen sein Vermögen vermachen können? Jawohl 
hätte er das. Und er hatte es ja auch wirklich getan. 
Aber 
Verehrter Leser, Du wirst wohl schon die Erfahrung 
gemacht haben, dass in einem Roman mit einer Erbschafts 
sache immer ein „Aber“ vorkommt. So auch hier. Und 
gerade dieses „Aber" in dem Testament des guten, seligen 
Onkel Wilson war der Grund, weshalb James so aus dem 
Häuschen geriet. Die Sache war nämlich die: 
Der „Alte“ hatte seinen Neffen zum Universalerben 
eingesetzt, aber unter der Bedingung, dass er sein, des 
Onkels Mündel heiratete. Andernfalls fiele das gesamte, 
sehr umfangreiche Vermögen den „Odd Fellows“ zu. 
James hätte die Hälfte des Vermögens ohne Mündel dem 
ganzen Gelde mit Mündel vorgezogen. Denn es hätte 
auch die Hälfte des Vermögens dazu hingereicht, ihn bis 
an sein Lebensende vor jeglicher Arbeit zu bewahren 
und ihn trotzdem herrlich und in Freuden leben zu lassen. 
Und nun — — 
O dieses verwünschte Mündel! 
Du musst nämlich wissen, lieber Leser, es gab aut 
der ganzen Welt keinen grösseren Weiberfeind, als besagten 
jungen Mann. Für ihn war das Weib der Grundstein 
alles Uebels, das gefährlichste und verderbenbringendste 
Geschöpf, und kurz und gut, wenn sich ihm ein weibliches 
Wesen nahte, machte er schleunigst einen grossen Bogen, 
um aus seiner Nähe zu kommen. So weit ging er in 
seinem fanatischen Weiberhass, dass er alles Weibliche 
aus seinem Hause verbannte und nur männliches Persona! 
anstellte. Und jetzt wurde ihm zugemutet, ein Weib, 
ein richtiges Weib, eins dieser gefährlichen Geschöpfe 
zu heiraten! — Er sollte sein schönes Junggesellenleben 
aufgeben, um ein Weib — — Brr! Und am Ende war 
sie gar hässlich oder schielte oder hatte einen Höcker! 
ihn schauderte. Es war von vornherein beschlossene 
>ache bei ihm, nicht zu heiraten, auf keinen Fall, und 
iamit basta! Irgend ein Ausweg aus diesem Dilemma 
würde sich schon finden lassen. 
Langsam begann seine Erregung abzuflauen. Er 
zündete sich eine Zigarette an und Hess sich in einen 
Sessel fallen. Eine Viertelstunde sass er unbeweglich. 
Da klopfte es. Ohne das Herein abzuwarten, wurde die 
Tür einfach geöffnet, und — — 
„Tag, alter Junge!“ 
„Mensch, Fred, wo kommst Du her?“ 
„Geradewegs aus Monte Carlo, wo ich mein ganzes 
Vermögen verspielt habe. Schulden habe ich so unge 
fähr an 100 000 Dollars, gebrochene Herzen noch mehr. 
, hortaxin-werke*@)* berlin.no 
Prämiiert Goldene Medaillen 1919. 
Na, vielleicht finde ich hier eine reiche Frau, dann wird 
einfach geheiratet, und alles ist wieder all right!“ 
Zuerst war James starr ob solcher Leichtfertigkeit. 
Bei den letzten Worten Freds aber kam ihm ein Ge 
danke. Ein feiner Gedanke, ein kühner Gedanke. Auf 
merksam betrachtete er den Freund. Er hatte ungefähr 
dieselbe Figur wie er, blaue Augen, blondes Haar, die 
Gesichtszüge stimmten zwar nicht ganz genau überein, 
aber das machte nichts, denn die Nasenlänge war bei 
beiden die gleiche. Beide hatten keine Angehörigen, 
beide hatten denselben guten, alten Stammbaum. Wirk 
lich, der Gedanke, der James kam, war genial. Und er 
begann, dem Freunde seinen Plan zu unterbreiten. 
Sie wollten einfach tauschen. Fred sollte seinen Namen 
übernehmen, das Mündel heiraten, die Erbschaft antreten. 
Diese wmllten sie sich dann teilen. So war beiden ge 
holfen. Er würde als Fred Patterson weiterleben, nach 
Europa gehen und dort seip Leben geniessen. Fred 
erklärte sich mit diesem Plan einverstanden, sofern das 
Mündel seine Ansprüche an Hässlichkeit nicht übertraf. 
„Ein famoser Gedanke von Dir, alter Junge! Von 
wem hast Du blos diese Genialität geerbt?“ 
Das war das letzte vernünftige Wort, das Fred an 
diesem Tage sprach. Was James nachher hörte, war 
nur das Produkt eines übermässigen Sektgenusses. Am 
nächsten Tage wurde die feierliche Handlung vollzogen 
und die Umtaufe gefeiert, natürlich wieder unter reich 
licher Verwendung von Alkohol. Der Tausch der 
Papiere machte weiter keine Schwierigkeiten. Sodann 
erfolgte ein gegenseitiger Unterricht in den besonderen 
Eigenschaften eines jeden. Beide hatten nicht viel zu 
lernen, denn innerlich glichen sie sich so ziemlich. Fred 
war zwar etwas lebhafter als James, aber Gott, er musste 
sich eben etwas beherrschen lernen. Die Dienerschaft 
entliess James, das Haus verkaufte er. Fred kaufte ein 
neues in einem etwas entfernter gelegenen Orte und 
engagierte neue Leute, darunter auch weibliche. Dann 
wartete er das Eintreffen des Mündels ab. Einen Tag 
vorher nahm James Abschied von dem Freunde. Zu 
nächst wollte er nach Paris reisen, um sich dort nach 
Kräften zu amüsieren. Sie verabredeten eine Chiffre, 
unter der sie sich schreiben wollten, damit Fred ihm 
nach Antritt der Erbschaft das Geld überweisen konnte. 
Noch einmal feierten sie, und wie sie feierten, das 
möge der Leser daraus ersehen, dass bei einem wilden 
Indianertanz James sich die Nase blutig stiess, seinen 
Stiefel auszog und ihn im Uebermut gegen die Decke 
warf. Und da er kurz zuvor durch den aufgeweichten 
Garten gegangen war — es hatte nämlich furchtbar ge 
regnet — so fehlte nicht viel und der Stiefel, wäre an 
der Decke kleben geblieben. Aber nach kurzer Ueber- 
legung fiel er doch wieder herab. Nur eine dunkle, 
lehmige Spur an der Decke blieb zurück. 
Am nächsten Tage hielt Mabel ihren Einzug. Fred 
war baff, einfach baff! Donnerwetter, die war ja hübsch! 
Ach Gott, so etwas Niedliches hatte er schon lange nicht 
gesehen. Also beschloss er, sich in Mabel zu ver 
lieben. Seine Antwort auf James ersten Brief lautete:
        
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