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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

„Da täuschen Sie sich doch“, entgegnete sie, „die Bibel, 
die heilige Bibel habe ich vor mir. Ein Buch, in dem Sie, 
schlechter Christ, ja doch niemals lesen.“ 
„Ich muss allerdings gestehen, dass ich die Erzählungen des 
Boccaccio vorziehe. Dessenungeachtet aber schätze ich die Bibel 
sehr hoch und Sie irren sich, wenn Sie glauben, dass ich nie 
darin gelesen habe. Das Hohe Lied kann ich sogar auswendig.“ 
„Ist es möglich? Ich nehme Sie beim Wort, sagen Sie es, 
bitte, her und ich werde dabei den Text im Buche verfolgen.“ 
Sie ist entweder sehr naiv, oder sehr raffiniert, dachte Aristide. 
Und er beginnt, während Miss Sarah, über ihr Buch ge 
bückt, leise die Verse mitspricht. 
„Mein Geliebter ist wie ein Myrrhenstrauss, er wohnt in 
meiner Brust. Haltet mich, stützt mich, denn ich komme um 
vor Liebe. Er lege seine linke Hand auf meinen Kopf und 
mit seiner rechten Hand umfasse er mich . . .“ 
Tief und schwer seufzt Miss Sweethole und Aristide unter 
bricht sich, um seinen Arm um ihre Taille zu legen. 
„Oh, was machen Sie denn da?“ 
„Nichts, ich halte mich nur an den Text.“ 
„Nein, nein,“ wehrt sie in sanftem Tone ab, „ich will Sie 
weiter abhören, ich will wissen, ob Sie es ganz können!“ 
Aristide hält es nicht für angebracht, in der Rezitation fort 
zufahren und sein dunkles Gesicht ist auf ihr zartes gerichtet 
und vier Lippen begegnen sich zu einem Kusse. 
„Sarah! Liebste Sarah!“ 
„Was willst Du? Du böser Mann!“ 
„Einen Kuss! Noch einen Kuss!“ 
Eben will sie seiner Bitte folge geben, als die 
Uhr zum Schlage aushebt: Eins zwei, drei, vier, fünf, 
sechs ... 
An allen Gliedern zitternd, hat Miss Sarah sich auf 
gerichtet und ihre Blicke ruhen starr auf dem Zifferblatt. 
„Verlassen Sie mich!“ ruft sie, vor Schreck ganz 
ausser sich. „Verlassen Sie mich, ich bitte Sie.“ 
Gewaltsam stösst sie ihn weg und entzieht sich seiner 
Umarmung. 
„Was haben Sie denn? Was wollen Sie denn? * 
Kommt der ehrwürdige Rev. Sweethole?“ 
Sie war aufgesprungen, hatte bereits die Tür geöffnet und 
ganz blass, mit zerzaustem Haar und keuchendem Atem zeigt 
sie mit ausgestrecktem Arm auf die Uhr: 
„Mitternacht!“ 
„Nun ja! Mitternacht! Umsobesser. Alles schläft. Nur 
die Liebe wacht, anbetungswürdige Sarah. Im Himmelsnamen 
beruhigen Sie sich doch! Soll ich vielleicht die Verse der 
Sulamith weiter sagen?“ 
„Sein Sie still, genug davon; entweihen Sie nicht die heiligen 
Bücher. Kommen Sie mir nicht nahe! Rühren Sie mich nicht 
an! Ich rufe sonst.“ 
Und stolz, drohend, gebieterisch weist die blonde Sarah 
dem erstaunten Bondart die Tür. 
Am nächsten Tage verliess Aristide sehr zeitig das Haus, 
um dieser sonderbaren jungen Dame aus dem Wege zu gehen. 
Welch seltsame Laune hatte sie denn gestern Abend plötzlich 
ergriffen? Deutlich hatte er gefühlt, wie sein Kuss erwidert 
ADOLPH 
HECTZOC 
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Ob sie es wohl ihrem Bruder sagen würde? In seiner Angst 
wagte er nicht nachhaus zu gehen, und Mitternacht war schon 
vorbei, als er noch immer auf der Höhe von Primrose Hill 
stand, von wo aus er das Haus sehen konnte, in dem sie und 
er wohnten. Endlich aber fasste er Mut, vorsichtig betrat er 
das Haus und leise ging er die Treppe hinauf. 
Alles war still. Im Korridor blieb es finster und auch aus 
der Tür des wunderlichen Mädchens fiel kein Lichtschimmer. 
Auf den Zehen wollte er sich an dieser Tür vorbeischleichen, 
als ihn plötzlich eine Hand heftig am Arme packte. 
„Sie sind es? Miss Sweelhole!“ ruft er leidenschaftlich 
bewegt aus. 
„Aristide!“ 
„Liebste Sarah!“ 
„Leise. Komm zu mir herein. Ich muss Dich sprechen.“ 
Willenlos gehorcht Aristide und lässt sich im Dunkeln von 
ihr führen. 
„Setz’ Dich, wir brauchen kein Licht, die Worte haben ja 
keine Farbe, und es ist auch gar nicht nötig, dass Du siehst, 
wie rot ich im Gesicht bin.“ 
So nahe stand sie bei Aristide, dass es pflichtwidrig ge 
wesen wäre, sie nicht zu umarmen. Wohl erwartete er einigen 
Widerstand, fand ihn aber nicht. 
„Du wirst mich doch heiraten, Aristide?“ 
„Lieber zweimal als einmal.“ 
„Einmal genügt vollständig. Schwörst Du mir das?“ 
„Ja, ich schwöre es Dir.“ 
„Nun, da ich Dein Wort als Ehrenmann habe,“ flüsterte 
Miss Sarah leise Aristide ins Ohr, „so können wir uns ja lieben, 
ohne dass wir uns deswegen Vorwürfe zu machen brauchen.“ 
MODEWAREN 
AUSSTATTUNGEN — 
EINRICHTUNGEN 
wurde, und so sehr er sein Gehirn auch zermarterte, er konnte 
sich nicht erinnern, etwas getan zu haben, das diesen Umschwung 
in ihrem Benehmen hätte erklärlich erscheinen lassen. 
Am Potsdamer Platz 
(Eingang Potsdamer Strasse 5) 
Als sie ein paar Tage später, wie es die Sitte 
glücklich Verlobter ist, in dem blumengeschmückten, 
grünenden Gängen des Regent Parks Arm in Arm 
spazieren gingen, sagte Aristide Bondart: 
„Sag’ mir doch, Geliebte, welche plötzliche Laune 
hatte Dich an jenem Abend ergriffen, als ich zum 
ersten Male das Glück hatte, meine Lippen auf die 
* Deinen drücken zu dürfen?“ 
Ueber und über rot werdend und die Stirn runzelnd, ver 
setzte sie: 
„So ein gottloser und unmoralischer Franzose! Du kannst 
es noch wagen, diese fürchterliche Erinnerung in mir wachzu 
rufen? Du hättest mich beinahe zur Sünde verleitet.“ 
„Aber, mein lieber Schatz, wir haben doch am folgenden 
Tage gesündigt.“ 
„Den zweitfolgenden Tag,“ verbesserte sie, „erst am zweit 
folgenden Tage, erinnerst Du Dich denn nicht mehr? Mitter 
nacht war vorbei, es war also Montag, und am Montag ist die 
Sünde verzeihlich, während am Tage vorher wir eben in die 
erste Stunde des Sonntags eingetreten waren, und der Sabbath 
— ich sage Dir das für die Zukunft, Aristide — muss Gott 
geweiht sein, und an diesem heiligen Tage solche Sachen 
machen, das ist eine Todsünde!“ 
Lützow 
265 und 1637
        
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