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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

die gnädige Frau vor einer Stunde zu einem Begräbnisse 
abgereist ist? Sie wird erst in zwei bis drei Tagen wieder 
zurück sein.“ 
Der Geheimrat starrte das Zimmermädchen verblüfft an. 
„Das muss sehr plötzlich gekommen sein,“ sagte er 
endlich. „Gestern wusste Frau Söllner noch nichts davon.“ 
„Die gnädige Frau hat heute früh ein Telegramm 
bekommen.“ 
„Soso! Na, dann muss ich eben warten.“ 
Verärgert begab er sich in den Speisesaal, um das 
Frühstück einzunehmen. Er hatte die übliche Stunde 
versäumt und war daher allein. Das war ihm aber nicht 
unlieb, denn, wie er sich offen gestand, er war ein wenig 
aus dem Gleichgewicht gekommen. Zu rasch hatte er 
einen der bedeutsamsten Entschlüsse gefasst, ohne ihn 
nun auch mit jener Raschheit ausführen zu können, die 
notwendig gewesen wäre. Das machte ihn unsicher. 
In diesem Augenblick trat der Oberkellner an den 
Tisch und sprach: „Frau Söllner haben mir aufgetragen, 
dem Herrn Geheimrat einen Gruss auszurichten; sie musste 
abreisen und hätte sich gern persönlich verabschiedet, 
aber der Herr Geheimrat sind nicht zum Frühstück er 
schienen. In zwei bis drei Tagen hofft die gnädige Frau 
jedoch zurück zu sein.“ 
„Danke, danke. Es soll sich, wie ich höre, um einen 
plötzlichen Todesfall handeln?“ 
„Ein Vetter des verstorbenen Gatten der gnädigen Frau.“ 
Der Geheimrat war zwar über die Aufmerksamkeit, 
ihm in der Hast der Abreise noch einen Gruss zu be 
stellen, sehr erfreut; aber dass sein schneidiger Plan ins 
Wasser gefallen war, erfüllte ihn doch mit einer eigen 
artigen Missstimmung. 
Bis Frau Mizzi wiederkam, konnte Kurt schon hier 
sein. Das musste verhindert werden. Der Geheimrat 
sah keinen anderen Ausweg. Er begab sich also wieder 
auf sein Zimmer und schrieb an seinen Sohn: 
„Lieber Kurt! So sehr ich mich freuen würde, Dich 
hier zu sehen, muss ich Dir doch leider heute weniger 
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Angenehmes von hier berichten als bisher. Seit meinem 
letzten Schreiben hat sich nämlich vieles zu Ungunsten 
des Waldhotels verändert. Vor allem haben wir seit 
Tagen Regen. Einen endlosen Regen, wie Du ihn seit 
jeher nicht ausstehen kannst. Die ganze Gegend ist in 
dichte Nebel gehüllt, alles Grau in Grau. Die Gäste sind 
einzig auf das Hotel angewiesen, daher die Stimmung 
wie das Wetter, trostlos. Verschiedene Kurgäste, und 
gerade die mir liebsten, sind schon abgereist, und wenn 
das Wetter sich nicht bald ändert, tue ich es auch. Ich 
möchte Dir daher nicht raten, Deine kurzen Ferien hier 
in diesem Regenloche zu verbringen. Fklire lieber in die 
Alpen, für die Du ja so schwärmst. Mit Gruss Dein Vater.“ 
So viel geschwindelt hatte der Geheimrat in seinem 
ganzen Leben nicht, denn draussen blaute ein prachtvoller 
Sommertag, und statt weniger wurden es immer mehr 
Gäste. Jedoch der Zweck musste das Mittel heiligen. 
Ein reiier, vielleicht schon etwas überreifer Mann, der 
auf Freiersfüssen geht, kann keinen Sohn dabei brauchen. 
Immerhin trug er den Brief einen ganzen Tag lang 
in der Tasche herum, bevor er ihn endlich in den Kasten 
warf. Es war ihm als gewissenhaftem Manne nicht recht 
wohl bei der Sache. Aber schliesslich überwand er alle 
Bedenken und Hess der ersten Lüge seines Lebens 
ihren Lauf. 
Er hatte umsonst gelogen: Der Brief erreichte den 
Amtsrichter nicht mehr. Kurt hatte seinen Urlaub bereits 
angetreten und war nach dem Waldhotel abgefahren. 
Als er an der Station, von der aus das Waldhotel mit 
Stellwagen zu erreichen war, den Zug verliess, war er 
nicht allein. Aus dem Zuge stieg eine schwarz gekleidete, 
entzückende Frau, die Kurt Bruckmanns schönheits 
suchendes Auge sofort gefangen nahm. Auch die Dame 
nahm im Stellwagen Platz; ganz allein mit ihr fuhr der 
Amtsrichter in den schönen Sommerabend hinein. Sie 
blieben sich nicht lange stumm gegenüber sitzen. Bald 
war ein lebhaftes Gespräch im Gange, und nach wenigen 
Minuten wusste der Amtsrichter, dass auch sein schönes 
Gegenüber nach dem Waldhotel wolle, vielmehr dahin 
zurückkehre, nachdem es wegen eines unerwarteten Trauer 
falles den Sommeraufenthalt hatte unterbrechen müssen. 
„Nette Gesellschaft im Waldhotel?“ fragte Kurt Bruck 
mann. 
„O ja,“ antwortete die schöne Frau, „wir haben es 
dort sehr gemütlich. Besonders der engere Kreis, dem 
ich mich angeschlossen habe, besteht aus lieben, vornehmen 
Menschen. Der Mittelpunkt . . .“ 
„Sind zweifellos Sie. gnädige Frau, wie könnte es 
anders sein.“ 
Frau Mizzi, denn diese war es, errötete leicht. 
„Nein, nein,“ meinte sie dann lächelnd, ,,das ist der 
berühmte Gelehrte Geheimrat Bruckmann.“ 
,,Ah, den kenne ich. Der macht sich aber nicht viel 
aus Damen.“ 
Da umflog ein leichtes Lächeln die Lippen der 
schönen Frau. Sie meinte: „Das kommt mir nicht ge 
rade so vor. Der Llerr Geheimrat ist auch gegen Damen 
sehr liebenswürdig.“ 
Der Amtsrichter wollte etwas erwidern, da aber fuhr 
der Wagen gerade beim Hotel vor. Der Geheimrat 
stand zufällig in der Nähe. Er eilte gleich aut Frau 
Mizzi zu und begrüsste sie mit lebhafter Freude. Den 
Riesen neben ihr hatte er gar nicht gesehen. 
„Grüss Gott, Papa“, rief der Amtsrichter lachend, 
„bin ich so winzig, dass man mich nicht sieht?“ 
Der Geheimrat zuckte förmlich zusammen und 
wendete sich dem Sprecher zu. 
„Du, Kurt“, sprach er stammelnd und vergass den 
Gruss. 
Aber auch die schöne Witwe hatte aufgehorcht. 
„Wenn ich recht hörte . .“ sprach sie. 
„Bin ich der Amtsrichter Bruckmann, der seinen alten 
Herrn besucht“, rief Kurt lachend. 
„Warten Sie nur, Sie Schlimmer“, drohte Frau Mizzi. 
„Sie sind der Sohn und fragen mich aus, als ob Sie 
wildfremd seien!" 
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