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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Vater und Sohn. 
„Lieber Papa! Du musst schon verzeihen, dass ich 
Deinen Brief erst heute beantworte, aber ich fand in den 
letzten zwei Wochen beim besten Willen keine Zeit dazu. 
Ich hatte unheimlich viel zu tun, da mir in dem grossen 
Schwindlerprozesse, von dem Du sicher schon gelesen 
hast, die Rolle des Untersuchungsrichters zugefallen ist. 
Nun ist aber die Sache doch rascher gegangen, als ich 
dachte — wie habe ich aber auch geschuftet! — und in 
einigen Tagen kann ich den Akt dem Staatsanwalte über 
geben. Dann geht’s schnurstracks in den Urlaub. Für 
drei goldene Wochen will ich die Juristerei gänzlich an 
den Nagel hängen. Dir gefällt es also in dem hübschen 
Waldhotel? Deine Schilderungen klingen wenigstens ganz 
begeistert. Sogar nette Bekanntschaften hast Du gemacht. 
Schön, auch mir wird Waldluft gut tun. Bald werde ich 
also bei Dir sein. Den Tag kann ich allerdings noch 
nicht genau bestimmen. Du musst Dich darauf gefasst 
machen, dass ich Dich überfalle. Mit herzlichem Gruss 
Dein Kurt.“ 
Als der Universitätsprofessor Geheimrat Bruckmann 
diese Zeilen seines Sohnes, des Amtsrichters, erhielt, 
erschrak er förmlich. Das Gefühl der Freude, das er 
sonst immer empfand, wenn ihn sein prächtiger Junge in 
der Sommerfrische besuchte, wollte heute nicht in ihm 
aufkommen. 
Der Geheimrat war ein zierlicher Herr von kaum 
Mittelgrösse; Haar und Bart waren kaum angegraut und 
aufs sorgfältigste gepflegt. Der alte Herr verwendete 
überhaupt viel auf ein tadelloses Aeusseres und war stets 
wie aus dem Ei geschält. Sein Gesicht zeigte die rote 
Farbe blühender Gesundheit, sein Gang war leicht und 
elastisch, seine Bewegungen lebhaft, seine Augen blickten 
hell und jung, man schätzte ihn eher auf fünfundvierzig 
als auf sechzig Jahre, Dazu war er ein ausgezeichneter 
Redner, ein geistreicher Plauderer und ein Gelehrter von 
Ruf. Kein Wunder also, dass er bald zu den begehrtesten 
und tonangebenden Gästen des Waldhotels gehörte. 
Er hatte seinem Sohne vor zwei Wochen von der 
herrlichen Lage und Umgebung des Waldhotels, das er 
sich heuer zum Sommeraufenthalte ausgewählt hatte, und 
von seinen netten Bekanntschaften geschrieben. Er hatte 
in dem Briefe gewissenhaft alle Schönheiten und Vorzüge 
dieses gottgesegneten Erdenfleckens aufgezähli. Als dann 
aber von Kurt so lange keine Antwort kam, ertappte er 
sich auf den Gedanken, ja sogar auf der Floffnung, der 
Brief sei verloren gegangen. Und als es sich dann 
herausstellte, dass dies nicht der Fall war, empfand der 
Geheimrat etwas, was dem Aerger weit ähnlicher war 
als der Freude. Vor vierzehn Tagen war das noch anders 
gewesen. Damals hätte er sich noch aufrichtig gefreut, 
seinen Jungen, der ihm seit dem Tode der Geheimrätin 
mehr Kamerad als Sohn war, bei sich zu sehen, und 
mit ihm diese herrlichen Wälder zu durchstreifen. 
Heute aber konnte er sich eines leisen Furchtgefühles 
nicht erwehren. Denn inzwischen war Frau Mizzi Söllner, 
die junge, bildhübsche Witwe eines Fabrikbesitzers noch 
nicht als Kurgast in das Waldhotel gekommen. 
Es hatte sich gefügt, das Frau Mizzi sich sofort dem 
engeren Kreise des Geheimrates anschloss. So war man 
Tag für Tag viele Stunden beisammen und machte ge 
meinsame Ausflüge und Spaziergänge. Dabei geschah 
es allmählich, dass an des Geheimrates Lebensbaume 
ein Johannestrieb sprosste. Er, der mit seiner Gattin 
viele Jahre in glücklichster Ehe lebte, hatte seit derem 
Tode sich nur mehr seiner Wissenschaft gewidmet und 
niemals im entferntesten den Gedanken erwogen, der 
, HORTA5CIN-WERKE ♦ BERLINNO jrccG/j.xsc« 
Prämiiert Goldene Medaillen 1919. 
"Verstorbenen eine Nachfolgerin zu geben. Und jetzt 
war sein Inneres in hellem Aufruhr. Er brannte lichter 
loh und war verliebt wie ein Student. 
Er war aber weit davon entfernt, sich deshalb etwa 
töricht zu schelten oder sich selbst zu ironisieren. Nein, 
ihm war es heiliger Ernst, und er war sich seines Tuns 
durchaus bewusst. Zweifellos würde Kurt über kurz 
oder lang heiraten. Dann war er wieder allein. Solch 
Lebensabend war nicht nach seinem Geschmack. Da 
war eine neue Ehe vorzuziehen. Es hatte sich bisher 
auch alles prächtig angelassen. Frau Mizzi hatte nichts 
dagegen, wenn er sich mit ihr scheinbar unabsichtlich 
von der übrigen Gesellschaft trennte und eigene Wege 
ging. Im Gegenteil, es schien ihr zu gefallen. Sie 
plauderte anmutig und so vertraut, dass der Geheimrat 
schon einigemale nahe darangewesen war, die ent 
scheidende Frage zu stellen. Eine gewisse Scheu hatte 
ihn davon aber noch abgehalten. Die Bekanntschaft 
war denn doch noch etwas zu kurz. 
Nun aber war der Brief seines Sohnes gekommen. 
Ganz erregt lief der Geheimrat in seinem Hotelzimmer 
hin und her. Nicht, dass er sich seiner späten Liebe 
geschämt hätte; dazu verstanden Kurt und er sich viel 
zu gut. Nein, etwas ganz anderes hatte ihm plötzlich 
alle Ruhe genommen. Er fürchtete seinen Jungen, den 
blonden Hünen mit dem goldenen Humor, dem alle 
Herzen, auch die der Frauen, zuflogen. Und Kurt war 
wie er ein glühender Verehrer von Frauenschönheit. 
Einmal würde auch für ihn die Stunde schlagen. Und 
der Geheimrat hatte ein bitterschmerzliches Vorgefühl, 
als ob dies gerade in dem Waldhotel der Fall sein 
könnte. Würde der blonde Riese, ganz das Ebenbild 
seiner Mutter und der denkbar grösste Gegensatz zu 
seinem zierlichen Vater, nicht auch auf Frau Mizzi einen 
tiefen Eindruck machen? 
Da konnte kein Zweifel sein: der Geheimrat war im 
besten Sinne des Wortes eifersüchtig auf seinen Jungen, 
bevor dieser noch die schöne Witwe auch nur gesehen 
hatte und überhaupt etwas von ihr wusste. Nein, so 
lieb ihm sein Junge war, hier im Waldhotel konnte er 
ihn heuer nicht brauchen. 
Aber konnte er ihm verbieten, herzukommen? Was 
würde und müsste sich Kurt denken! Es gab nur einen 
Ausweg; die Angelegenheit ins Reine zu bringen, bevor 
Kurt kam. Bei seiner Ankunft musste Frau Mizzi schon 
seine, des Geheimrates, Braut sein. Der alte Herr war 
sonst kein Draufgänger. Jedoch angesichts dieser heiklen 
Sachlage, der drohenden Gefährdung seiner schönsten 
Hoffnung, die ihm eine neue, helle Zukunft verhiess, 
zauderte er nicht, die kühnste Attacke seines Lebens zu 
reiten und den Sturm auf Frau Mizzis Herz sofort zu 
wagen. 
Er schrieb ein paar kurze Worte auf eine Karte, 
klingelte und übergab die Karte dem eintretenden Zimmer 
mädchen mit dem Aufträge, sie der Frau Söllner zu 
bringen und auf Antwort zu warten. 
Das Mädchen nahm jedoch die Karte nicht, sondern 
sagte erstaunt; „Der Herr Geheimrat wissen nicht, dass
        
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