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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

garnicht kriegerisch, sondern wollte nur sein eigenes Land gegen die 
Nachbarn schützen, weil er meinte, sie seien ihm übelgesinnt. Und 
weil jeder fälschlich glaubte, der andere beabsichtige das Schwert zu 
ziehen, so brach der Krieg wirklich aus. 
Das Kriegführen kostet nun aber viel Geld, und deshalb riet der 
Finanzminister, den Untertanen durch Steuern und Anleihen so viel Geld 
wegzunehmea, wie nötig sei. Aber das wollte der König nicht. Er 
meinte, es sei ein Verteidigungskrieg, und ein solcher Krieg müsse volks 
tümlich sein. Wenn man aber den Leuten ihr Geld wegnehme, so 
ärgerten sie sich und verwünschten den Krieg. Darum rief er seine 
Gelehrten zu sich auf das Schloss und fragte sie, was er tun solle. 
Die Gelehrten putzten ihre Brillen und berieten lange über die Frage, 
was eigentlich Geld sei, und wie man es bekommen könne, wenn niemand 
es geben wolle. Schliesslich kamen sie zu dem wissenschaitlichen Er 
gebnis, das Geld sei ein Geschöpf des Staates, und der König habe das 
Recht, soviel davon antertigen zu lassen, wie der Krieg erfordere. Es 
gebe Papier genug im Lande. Der König brauche es nur in Zettel 
schneiden und sein königliches Insiegel darauf drucken za lassen, um 
hinreichend Geld für den Krieg zu haben, und wenn er dreissig Jahre 
dauere. 
Nur ein Gelehrter, Professor Aurifax mit Namen, war anderer 
Meinung. Er sagte, seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung nach sei 
Geld ganz etwas anderes, als es za sein scheine. Und er hielt einen 
langen Vortrag, den niemand verstand, auch der König nicht, und in 
dem er sagte. Geld sei weder Gold noch Silber noch Papier, sondern 
„Verkehr-geschaffene Kaufkraft“. Geld entstehe von selbst und dürfe 
nicht künstlich geschaffen werden. Auch der König dürfe es nicht nach 
Willkür schaffen. 
Da wurde der König sehr böse und sagte, er dürfe tun, was er wolle. 
Er ernannte die Gelehrten, die ihm den Rat gegeben halten, Papiergeld 
zu drucken, zu geheimen Staatsräten und befahl, so zu tun, wie sie ge 
sagt hätten. Dem Professor Aurifax aber wandte er den Rücken zum 
Zeichen seiner Ungnade. 
Nun arbeitete die Staatsdruckerei Tag und Nacht. Die Arbeiter zer 
schnitten grosse Ballen Papier zu Zetteln und druckten auf die Zettel 
eine Zehn oder eine Hundert oder eine Tausend. Dann wurde des 
Königs Insiegel, eine Krone, darauf gesetzt, und dann war das Gell 
fertig. Aus jedem Zettel waren 10 oder 100 oder 1000 Kronen 
geworden. Mit dem Gelde aber wurde den Soldaten ihre Löh 
nung und den Marketendern ihr Bier und ihre Wurst und den 
Armee-Lieferanten ihr Mehl und ihr Fleisch bezahlt. 
Da geschah nun etwas merkwürdiges. Das Volk, soweit'es 
nicht mit in den Krieg gezogen, sondern zu Hause fgeblieben 
war, kam zu den Kaufieuten und wollte wie bisher sein Bier 
und seine Wurst, sein Brot und sein Fleisch kaufen. Aber die 
Kauflente konnten ihnen nur wenig geben,' weil das meiste schon 
mit dem neuen Gelde von den Marketendern und den Liefe 
ranten gekauft war. „Eure Brüder im Felde brauchen die 
Lebensmittel“, sagten sie, „für Euch zu Hause ist nur wenig 
übrig“. Da murrte das Volk und sagte; „Wie kann das sein? 
Solange die Soldaten nicht Soldaten waren, sondern zu Hause ihrem 
Beruf nachgingen, war genug Bier und Wurst, Brot und Fleisch 
uns Alle da. Und jetzt fehlt es am Notwendigsten, obwohl nicht mehr, 
sondern weniger Menschen davon leben wie früher; denn viele tapfere 
Soldaten liegen schon tot auf dem Felde der Ehre.“ Die Kauflente 
zuckten die Achseln und sagten: „Wir wissen nicht, wie das zngeht. 
Aber Ihr seht selbst, die Lebensmittel sind knapp, und nur wer das 
Doppelte wie früher bezahlen will, kann etwas erhalten.“ Und das Volk, 
das nicht so viel bezahlen konnte, litt Hunger. 
Da stürmten die Arbeiter in die Fabriken und riefen: „Wenn wir 
arbeiten, wollen wir auch essen. Wir verlangen doppelten Lohn!“ Und 
die Fabrikherreu sagten den Ministern: „Wir müssen doppelten Lohn 
auszahlen, also muss auch der Staat uns für unsere Lieferungen den 
doppelten Pre s zahlenl“ Und die Minister gingen zum König, und 
der König Hess die Gelehrten kommen, nur den Professor Aurifax nicht, 
und die Gelehrten sagten: ,,Wir müssen mehr Geld drucken, dann können 
die Fabrikherren höhere Preise und die Arbeiter mehr Lohn erhalten.“ 
Der König Hess also wieder viele Ballen Papier kommen und zu 
Geld verarbeiien. Jeder Fabrikant erhielt jetzt den doppelten Preis in 
dem neuen Geide ausgezahlt, und jeder Arbeiter den doppelten Lohn. 
Als die Arbeiter aber zu den Kaufieuten kamen und Lebensmittel kaufen 
wollten, zuckten die Kaufleute die Achseln und sagten: „Die Armee hat 
schon das meiste mit dem neuen Gelde gekauft, und die Fabrikanten 
RUDOLPH 
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MODEWAREN 
AUSSTATTUNGEN — EINRICHTUNGEN 
für 
und grossen Händler bieten uns jeden Preis, um etwas zu bekommen. 
Was übrig ist, reicht nur für wenige, und wer etwas haben will, muss 
den vierfachen Preis bezahlen,“ Und wenn die Arbeiter zu den Haus 
herren gingen, um eine Wohnung zu mieten, so sagten diese: ,,Es sind 
zu wenig Wohnungen da“. Gingen sie zu den Schneidern und Schuh 
WEIN -STUBEN- HUTH 
= WEINGROSSHANDLUNG 
BERLIN W. • POTSDAMER STR. 139 
ECKE LINKSTR., NAHE PLATZ 
machern, so sagten diese: „Es sind zu wenig Kleider und Stielet da“. 
Und des Abends in den Theatern und Schaustälten hiess es: „Es sind 
zn wenig Plätze da“. Die Arbeiter fragten zornig: „Wie kann das sein? 
Es leben ja jetzt weniger Menschen als vor einem Jahre!“ Da zuckten 
jene die Achseln und sagten: „Das wissen wir nicht, wir sind keine Ge 
lehrten. Aber Ihr müsst den vierfachen Preis bezahlen, denn es fehlt alles“. 
Und die Arbeiter verlangten wieder höhere Löhne und die Fabrikanten 
verlangten wieder höhere Preise, und der König liess wieder Papier 
ballen kommen und zu Zetteln zerschneiden. Aber je mehr Geld unter 
das Volk kam, um so knapper wurde alles. Nur solche, die auf irgend 
eine Weise besonders viel von dem neuen Gelde erhaschten, konnten 
noch die Preise bezahlen, welche gefordert wurden. Und das waren 
nicht immer die Ehrlichsten und Fleissigsten. Daher wurde das Volk 
immer unzufriedener. 
Auch im Heere herrschte Missmut, denn auch in die Feldlager hatte 
sich die Teuerung eingeschlichen. Sie war überall, wo das neue Geld 
hinkam. Die Wenigen, zu denen es zuerst und in grossen Mengen kam, 
rissen alles an sich. Sie lebten herrlicher als je zuvor. Die Vielen 
aber, zu denen das neue Geld zuletzt und in dünnen Rinnsalen kam, 
halten das Zusehen, weil sie die hohen Preise nicht bezahlen konnten. 
„Was sollen uns die Zettel?“ rief man in der Stadt und auf dem 
Lande, vor dem Feinde und in den Ruhestellungen, „Sie haben ja 
keinen Wert! Sie sind Schaumgeld! Lasst uns nicht mehr arbeiten, 
denn die Arbeit ist nicht mehr ihres Lohnes wen! Lasst uns nicht 
mehr kämpfen für den Zettelkönig, der die Faulenzer und Betrüger be 
schenkt, uns aber darben lässt, die wir für ihn bluten!“ Und sie warfen 
die Waffen weg. Da drang der Feind in das Land ein, und der König 
wurde fortgejagt. 
Als er traurig aus dem Laude zog, kam er an ein grosses Schloss, 
das er früher nie gesehen hatte, und er fragte, wem es gehöre. Man 
sagte ihm, der Professor Aurifax habe es unlängst bauen lassen und 
wohne jetzt darin. Da ging der König in das Schloss, das über die 
Massen prächtig war, und in dem es von goldstrotzenden Dienern 
wimmelte. Professor Aurifax kam ihm entgegen und lud ihn ein, sein 
Gast zu sein. 
Als man beim Mahle sass und den köstlichen Weinen zusprach, fragte 
der König den Professor, wie es zuginge, dass er, der früher doch nicht 
begütert gewesen sei, jetzt ein solch herrliches Schloss bewohne. 
Da sagte Professor Aurifax: „Das Schloss verdanke ich Deinen 
Zetteln, o König! Als damals bei Kriegsaufang beschlossen wurde, 
nach Willkür Geld zu drucken, da wusste ich, was kommen würde, 
nämlich ein Kampf zwischen dem Gelde und den Bedarfsgütern. 
Zu jeder Zeit ist ein gewisser Vorrat an Nahrung, Kleidung und 
Wohnraum vorhanden, in der die Menschen sich teilen müssen. 
Wie sie sich in den Vorrat teilen, darüber entscheidet nicht der 
König und nicht das Gesetz, sondern das Geld. Das Geld ist 
nur scheinbar ein Stück Metall oder ein Blättchen Papier. In 
Wirklichkeit ist es der natürliche Schlüssel, nach dem der Vorrat 
au Nahrung, Kleidung und Wohnraum sich unter die Menschen 
® verteilt Wenn nun jemand kommt und neues Geld über das Volk 
aussebüttet, so fälscht er den Schlüssel der Verteilung, denn jeder 
neue Zettel gibt Anrecht auf einen Teil des vorhandenen Vorrats, der doch 
schon Eigentum der Besitzer des alten, echten Geldes ist. Siehst Du 
ein. o König, dass Deine Ratgeber Deine wehrlosen Untertanen bestohlen 
haben, als sie Dir rieten, die Zettel unter sie schütten zu lassen?“ 
Der König sagte, er sei kein Gelehrter und verstehe das nicht. Er 
wolle nur wissen, wie Professor Aurifax zu dem Schlosse gekommen 
sei. Da fuhr dieser fort: 
„Ich habe vorhergesehen, was kommen musste, und habe alles ge 
kauft, was ich nur kaufen konnte: Mehl, Zucker, Holz, Eisen, Stoffe, 
alles was ich sah, und was nicht verdarb. Dann haben Deine Zettel 
die Preise in die Höhe getrieben, und ich habe alles für den dreifachen 
Preis verkauft. Reiche Leute, die meine Erfolge sahen, haben mir ihre 
Geschäfte anvertrant, und ich bin selbst dabei reich geworden. Dann 
habe ich mir zur rechten Zeit dieses Schloss gekauft, bevor Dein Zcttel- 
geld seine letzte Kaufkraft verlor und wertlos wurde. Du siehst, o König, 
wie einfach das alles gewesen ist “ 
„Du bist ein kluger Mann“, sagte der König, 
selbst es gewesen bin.“ 
„O nein“, sagte Professor Aurifax, „das ist es nicht. Denn was 
würde mir meine Klugheit genutzt haben, wenn Deine Gelehrten nicht 
so dumm gewesen wären?" Neander. 
„viel kiüger, als ich
        
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