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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

zu geben. Dieser Zweck sei erreicht worden, und somit könne 
man jetzt von der Trauerwoche zu anderen, ähnlich wichtigen 
Staatsproblemen übergehen. Ich finde, Victor färbt in letzter 
Zeit bedenklich von Onkel Max ab; er spottet schon ganz 
wie der. Als ich es ihm vorhielt, meinte er, das liege nicht 
an ihm, sondern an der Zeit, in der wir leben. Die müsse 
unfehlbar jeden Müllkutscher zu einem Aristophanes machen. 
15. Mai- Ist es möglich? Unser Jadlowker geht vom 
Opernhaus fort. Cousine Eugenie hat es mir eben gesagt. 
'Vir waren beide ganz erschüttert und haben eine Stunde lang 
zu zweien geweint, obwohl wir uns doch im Grunde nicht 
ausstehen können. Gemeinsames Unglück führt eben die Seelen 
zusammen. Weshalb mag er nur gehen? Eugenie meint, der 
neue Betriebsrat sei daran schuld, den das Opernpersonal nach 
dem Rätesystem gebildet hat; Jadlowker fühle sich über die 
Kulissenschieber und Lampenputzer zu erhaben, um an einem 
Institut zu wirken, an dem ihre Stimmen den Ausschlag geben. 
Ich halte das nicht für möglich. Ich glaube an idealere Motive. 
Wahrscheinlich ist ihm die Gage zu niedrig, die ihm der Be 
triebsrat zahlen will. 
Uebrigens sollen demnächst eine ganze Reihe neuer Theater 
in Berlin entstehen, eins sogar in unserer Nähe, am Knie in 
Charlottenburg. Es nennt sich „Die Tribüne“ und will eine 
neue Kulturepoche einleiten. Bühne und Zuschauerraum sollen 
nicht, wie jetzt, von einander getrennt sein, sondern eine natür 
liche Einheit bilden. Das Publikum soll keinen Guckkasten 
vor sich haben, sondern als miterlebende Gemeinde an den 
Vorgängen teilnehmen. So soll das Theater wieder in die 
Nähe der großen Zeiten der Theaterkunst gelangen und uns 
auf die Höhe der japanischen und javanischen Bühne heben. 
Botho will unbedingt mit mir zur Eröffnungsvorstellung gehen. 
Er meint, solch Ulk sei seit den Zeiten des seligen „Parodie 
theaters“ nicht dagewesen, und er habe schon lange gewünscht, 
die Theaterkunst der Buschneger und Hottentotten kennen zu 
lernen. Ich habe aber dankend abgelehnt. Seitdem ich einmal 
mit ihm bei einer Ausstellung der „Kubisten“ und „Futuristen“ 
gewesen bin, und ein anderes Mal zu einem Vortragsabend 
der „Dadaisten“, bringen mich keine zehn Pferde mehr zu 
solchen modernen Kunstveranstaltungen. Ich verstehe gar nicht, 
wie es möglich ist, daß noch immer tausende von Männern 
im besten Alter Zeit für solche Allotria haben, wo es doch 
immer heißt, die ganze Nation müsse mehr als je arbeiten, 
um existieren zu können. Und so ganz verarmt scheinen wir 
doch auch noch nicht zu sein, wenn das nötige Geld für der 
gleichen Unfug sich immer wieder findet. 
23. Mai. Heute habe ich mir von Victor 50 Mark ge 
liehen und mir drei Stück echte französische Toiletteseife ge 
kauft, das Stück zu 16 Mark, was gar nicht so teuer ist, da 
solche Seife schon vor dem Kriege 1 Mark bis 1,50 Mark 
gekostet hat. Zu dem Kauf bin ich auf eine ganz merkwürdige 
Weise gekommen. Heute Vormittag war nämlich Onkel Georg 
bei uns, der in irgend einer Fettstelle sitzt. Der hat uns einen 
langen, sehr lehrreichen Vortrag darüber gehalten, wie glänzend 
die Herstellung und der Vertrieb von Seife organisiert ist. 
Also: Seife darf nur gegen Seifenkarte und zum Höchstpreis 
verkauft werden. Anfertigen dürfen sie nur die Mitglieder 
der Seifenherstellungs-Gesellschaft. Ausländische Seife ist bei 
dem Reichsausschuß für Seife und Fette, Unter den Linden 63a, 
abzuliefern; sonst wird sie unweigerlich beschlagnahmt. Ein 
paar Reichs- oder Stadtämter, deren Namen ich vergessen 
habe, sorgen für Einkauf und Verteilung, und jeder Verstoß 
gegen die Verordnung wird strafrechtlich verfolgt. Nachdem 
ich das alles angehört hatte, konnte ich beim besten Willen 
nicht anders: Ich mußte nach der Tauentzien-Straße gehen 
und mir bei einem der unzähligen wilden Händler die drei 
Stück Seife kaufen. Seitdem kenne ich den Genuß, den straf 
bare Handlungen gewähren. Ich glaube, alle die vielen Kriegs 
ämter und ihre Erlasse sind nur dazu da, um uns besser 
Situierten das Einkäufen zu einem Vergnügen zu machen. 
8. Juni. Gestern bin ich mit Botho in einem Aufklärungs- 
Film gewesen. Es hieß nämlich, die Filmzensur solle wieder 
eingeführt werden, und da wollte ich noch schnell ein recht 
lehrreiches 5000 Meter-Drama sehen, ehe die Gelegenheit 
vorbei wäre. Aber einmal und nie wieder! Es war ganz 
einfach eine Schweinerei, und ich getraute mich den ganzen 
Abend kaum, Botho anzusehen. Man wird eigentlich über 
nichts weiter aufgeklärt, als darüber, was heute alles möglich 
ist. Ich werde ganz rot, wenn ich daran denke, die liebe, 
naive Mama könnte einmal in ein solches Kino geraten! 
18. Juni. Am Sonntag war ich zur Gala-Vorstellung im 
Deutschen Opernhaus. Es gab „Eugen Onegin“ mit Joseph 
Schwarz. Da es eine WohltätigkeitsVorstellung war — ich 
glaube zum Besten der notleidenden Balten — gab Papa mir 
die Erlaubnis und bare 10 Mark. Dafür bekam ich allerdings 
nur einen Platz unter dem Dach. Die Parkett- und Logen 
plätze kosteten 50 und 100 Mark. Ich hätte viel darum ge 
geben, auch dort unten sitzen zu können, mitten zwischen den 
glänzenden Toiletten und den weissen Frackhemden, von denen 
das Waschen ungefähr so viel kostet wie meine Theaterkarte. 
Von der Galerie herunter wurde in einem fort „Schieber!“ 
und „KriegsWucherer!“ geschrien, weil einzelne Damen den 
halben Kriegsgewinn ihres Gatten als Perlenkollier um den 
Hals trugen. Warum konnte ich nicht unter ihnen sitzen? Es 
muss doch entzückend sein, so öffentlich beneidet zu werden! 
Das ist allein hundert Mark wert. 
23. Juni. Das war heute so recht ein Fressen für Papa! 
Dreimal hat er die Morgenzeitung durchgelesen, die er sonst 
immer mit einem Fluch in die Ecke wirft, und jeden Besucher 
empfängt er mit der Frage: „Na, was sagen Sie nun zu 
unseren Soldaten? Der alte Geist ist doch noch nicht aus 
dem Heere verschwunden!“ Er will sich allen Ernstes die 
Depeschen einrahmen lassen, in denen steht, dass ein Offizier 
und zehn Mann die 1814 und 1870 eroberten französischen 
Fahnen, die ausgeliefert werden sollten, verbrannt haben, und 
dass Konteradmiral von Reutier die ganze deutsche Flotte in 
Scapa Flow versenkt hat, um sie nicht in Feindeshand fallen 
zu lassen. Er ist ganz aus dem Häuschen, der alte Papa, und 
ich teile in diesem Falle seine Freude. Weil nämlich Frau 
Poincare und Frau Wilson nun um den Glanzpunkt ihres 
Programmes, um die feierliche Uebernahme der deutschen 
Flotte kommen, wozu sie sich doch sicherlich schon neue 
Kostüme bestellt haben. Ihre Wut kann ich mir denken. 
1. Juli. Das revolutionäre Vergnügungskomite hat wieder 
einmal für eine kleine Ueberraschung gesorgt: In Gross-Berlin 
ist ein allgemeiner Verkehrsstreik arrangiert worden. Es ver 
kehren keine Strassenbahnen, keine Hochbahn, kein Omnibus 
und keine Strassenbahn. Die reizenden Privatfuhrwerke, die 
wir schon von den früheren Streiks her kennen, sind wieder 
zu tausenden auf der Bildfläche erschienen; Torwagen, Möbel 
wagen, Lastautos, Schlächterwagen, alle voll besetzt, und zwar 
nur mit gutem Publikum. Die Gross-Berliner Arbeiterräle 
haben nämlich den Arbeitern streng verboten, diese Fuhrwerke 
zu benutzen, angeblich weil sie dadurch den Streikbruch unter 
stützen würden, in Wirklichkeit aber wohl, damit die bessere 
Gesellschaft unter sich bleibt, was das Vergnügen bedeutend 
erhöht. Ich bin mit Botho ein paar Mal vom Kurfürstendamm 
nach dem Potsdamer Platz und zurück gefahren. So gut habe 
ich mich lange nicht amüsiert. Wenn der Streik nur nicht 
wieder so schnell beendigt wird! Das bischen Karneval 
stimmung ist uns Berlinern doch wirklich eine Zeitlang zu 
gönnen. Wenn der Streik nur wenigstens acht Tage dauert, 
dann bin ich schon ganz zufrieden, denn am 9. Juli reisen wir fort. 
Nach Heringsdorf! Es schüttelt mich schon bei dem 
Gedanken an die Gesellschaft, die wir da antreffen werden. 
Aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir haben uns das 
Reiseziel zu lange überlegt, und als Victor vor acht Tagen 
endlich an ein paar bekannte Hotels im Harz und Thüringen 
schrieb, erhielt er lauter ablehnende Bescheide. Alles überfüllt! 
Dabei versicherte noch Anfang Juni jeder, den man fragte, er 
denke in diesem Jahr garnicht daran, sich in überfüllten Eisen-
        
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