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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Und sie setzte sich und beschrieb die Stimmung dieser Nacht 
und sandte sie dem Helden ihres Intermezzo mit einigen geist 
reich ironisierenden Dankesworten für die Anregung zu dieser 
Skizze und für die Erkenntnis, die ihr bei der Abfassung ge 
kommen, dass auch sie virtuos zu lügen verstände. 
Dann packte sie eine Abschrift ein und adressierte sie an 
eine Zeitungs-Redaktion. 
Denn es ist nach Schnitzler mit die grösste Tragik des 
Schriftstellers, dass er seine Seelenschmerzen zu Markt tragen 
und verkaufen muss, — um 10 oder 20 Pfennige die Druck 
zeile. Outti Alsen. 
Ferien. 
Endlich, endlich war der 1. August gekommen. Seit 
Monaten hatte Ernst Lenz ihn herbeigesehnt. Im dumpfen 
Büro hatte er vom Rauschen des Meers, vom Liegen am 
Strande geträumt, und nun sollte er wirklich reisen. 
Eigentlich hätte seine Frau auch eine Erholung nötig ge 
habt. Die viele Arbeit im Hause, nur mit einer Auf 
wartung für ein paar Stunden täglich, das ewige ümher- 
rennen nach Karten und Lebensmitteln, und dann die 
vier Kinder! Alle waren sie ein wenig blass, Mutter wie 
Kinder, die Seeluft hätte ihnen gewiss gut getan . . . . 
aber was half’s! Er war nun einmal der Ernährer und 
musste sich erholen; für die anderen langte es bei den 
teuren Zeiten nicht. So Hess er sich denn von Frau Minna 
das Koffer eben packen. Sie tat es mit liebevoller Ge 
schäftigkeit und alle fünf begleiteten ihn zur Bahn. Als 
er sich einen schönen Eckplatz in der 3. Klasse gesichert 
hatte, gab es noch eine Reminiszenz an den Alltag, dem 
er jetzt entfliehen wollte; er hörte seine beiden Jüngsten 
heulen und dazwischen seine Frau mit ihrer etwas schrillen 
Stimme schelten. „Gott sei Dank, drei Wochen Ferien“, 
dachte er und winkte vergnügt zum Fenster hinaus. Und 
als der Zug sich in Bewegung setzte, lehnte er sich, 
wohlig aufatmend, in sein gut aufgeblasenes Luftkissen 
zurück. 
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Am Meer war es herrlich. Herr Lenz badete, segelte 
oder lag faul im Sand und genoss die Einsamkeit. Ein, 
zwei, drei Tage. Aber dann musste er doch an die Lieben 
zu Hause denken. Was wussten die in der Gressstadt 
vom Sommer, was sahen seine Kinder von ihm, abgesehen 
von dem bisschen Grün im Park! Ob er sie nicht doch 
nachkommen Hess? Er rechnete und rechnete. Gewiss, 
Frau Minna v/ar ja so sparsam, die würde schon ver 
stehen, aus einem Mittagbrot zu vier Portionen noch ein 
Abendessen za machen. Und wohnen konnten sie be 
quem in zwei Zimmern, er brauchte also nur noch eins 
dazu zu nehmen. Vielleicht Hesse es sich also doch ein 
richten. 
Da kam ein Brief von seiner Frau, der erste seit seiner 
Abreise. Sie schrieb: Lieber Ernst. Nun bist Du hoffent 
lich glücklich angekommen und erholst Dich recht. Du 
bist mancher Unannehmlichkeit aus dem Wege gegangen. 
Meine Aufwartung hat mich schon wieder im Stich ge 
lassen, und nun sitze ich mit all der Arbeit da. Die 
Kinder sind sehr ungezogen, besonders Hans; er hat schon 
wieder genascht und gelogen, und Trude hat ihr neues 
Kleid zerrissen. Wenn Du bei uns wärst, würdest Du 
aus dem Aerger nicht herauskommen. Jedenfalls darfst 
Du ihnen nichts mitbringen. Auch sonst habe ich meine 
liebe Not. Der Hauswirt hat uns um 300 Mark gesteigert. 
Und im rechten Arm habe ich seit gestern das Reissen. 
Tante Grete hat uns zu einem Ausflug nach Babelsberg 
eingeladen, aber ich habe wieder einmal nichts anzuziehen. 
Ich hätte so gern Stoff zu einer neuen Bluse. Wenn Dir 
das Besorgen lästig ist, kann ich sie ja selbst kaufen. 
Meine Kopfschmerzen machen mir wieder viel zu schaßen, 
und es ist niemand da, der mir abends Kompressen macht. 
Wenn Du da wärest, könntest Du mir manche Arbeit ab 
nehmen, zum Beispiel die Kinder baden und ausziehen. 
So muss ich alles allein machen. Sonst geht es uns allen 
gut, ein gleiches hoffe ich von Dir. In Liebe Deine 
treue Minna,“ 
Als Herr Lenz den Brief gelesen hatte, faltete er ihn 
zusammen, streckte sich recht behaglich in den Sand und 
schmunzelte im Gefühl, einer grossen Gefahr entronnen 
zu sein. Gut, dass er Minna noch nichts vom Kommen 
geschrieben hatte! Fast drei Wochen Ferien lagen noch 
vor ihm, ohne Kindergekreisch und Krankenpflegerdienste, 
ohne Haushaltssorgen und feuchte Wäsche. Und er grub 
sich tiefer in den Sand, im Vollgenuss des Glückes, ein 
mal allein, ganz allein zu sein . . . Gertrud Renner. 
Aus Eva van Koster’s Tagebuch. 
10. Mai. Die Regierung muß sich jetzt in der Presse 
gehörig den Text lesen lassen. Sie hat in Anbetracht der 
schweren Friedensbedingungen, die Deutschland auferlegt worden 
sind, den Beschluß gefaßt, eine „Reichstrauerwoche“ einzuführen, 
in der keine Vergnügungen stattfinden dürfen. Nicht einmal 
die Kaffeehaus-Konzerte sollen erlaubt sein, obwohl ich finde, 
daß es nachgerade ein Vergnügen ist, einmal eine Tasse Kaffee 
in aller Ruhe, ohne jedes lärmende Geräusch, zu sich nehmen 
zu können, und daß daher folgerichtig in der Trauerwoche die 
musiklosen Kaffees geschlossen werden müßten. Papa geht 
sogar noch weiter. Er meint, die Darbietungen in den Theatern, 
Konzerten und Kinos seien in letzter Zeit derart traurig, daß 
wir eigentlich schon mitten in einem Trauerjahr drin wären; 
eine Woche, während der wir von all diesem Schund befreit 
sein würden, wäre eher eine Freudenwoche, zu der doch jetzt 
ganz und gar kein Grund vorliege. Die Presse ist, wie gesagt, 
mit der Verfügung ebenfalls unzufrieden, aber aus einem anderen, 
sozialen Grunde. Sie hält es für unrecht, daß den Musikern, 
Theaterarbeitern und sonstigen Angestellten der sogenannten 
Vergnügungsstätten eine Woche lang ihr Verdienst entzogen 
werden soll. Als wenn die Rücksicht auf die arbeitenden 
Klassen für eine revolutionäre Regierung maßgebend sein 
könnte! 
Ich höre eben von Bruder Victor, daß man die ganze 
Idee der Trauerwoche wahrscheinlich stillschweigend fallen 
lassen wird. Der Plan sei ja überhaupt nur aufgekommen, um 
den Reichsämtern, die nicht genügend Beschäftigung hätten, 
für ein paar Tage Gelegenheit zu Konferenzen und Debatten 
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