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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

Intermezzo. 
Sie standen etwas abseits vom grossen Festestrubel an 
einer mit grellfarbigen Plakaten bedeckten Wand. Und so 
war es ihnen möglich, eine immerhin etwas zusammenhängende 
Unterhaltung zu führen. 
„Ich liebe die Frauen“, sagte er, „und ich liebe sie nicht 
nur trotz ihrer Lügen, — sondern gerade um ihrer Lügen 
willen. Sie machen für mein Empfinden den grössten Reiz des 
schwachen Geschlechtes aus.“ 
„Halten Sie die Unwahrheit denn für eine Eigenschaft, die 
jeder Frau unbedingt innewohnen muss?“ 
„Sind Sie etwa anderer Meinung?“ fragte er. 
„Gewiss! Ich halte die meisten Frauen sogar für sehr viel 
ehrlicher als den Mann.“ 
„Welch’ eine entzückende Lüge ist allein dieser Ausspruch.“ 
Und er lachte belustigt. 
Geigentöne klangen herüber. Sie schluchzten laut auf, und 
man wusste nicht, ob es höchster Glückstaumel oder bitterstes 
Weh war, das sich da so schamlos der Menge preisgab. Sie 
jauchzten, und jeder Laut sang und jauchzte heimlich in ihr 
mit, — in ihrem Gemüte, in ihrer Seele, — in ihrem Blute. 
Sie standen sich heute erst zum zweiten Male gegenüber. 
Aber sie hatten viele Berührungspunkte und kannten sich wohl 
schon vorher dem Namen nach, denn ihr Wirkungskreis war 
ein ähnlicher. 
Sonst wussten sie nichts voneinander. Und ihr, deren 
lebendige Phantasie sie ihrem nüchternen Leben so weit zu 
entführen vermochte, schien diese Unkenntnis ein Reiz mehr 
zu sein. War es nicht fast wie ein Märchen, dem nahe zu 
stehn, dessen blosse Anwesenheit diese süsse zehrende Unrast, 
dieses erhöhte Lebensgefühl wieder wachzurufen vermocht, 
das sie für ewig erstorben gewähnt — seit .... Was Hess 
sich nicht alles in dieses Rätsel hineingeheimnissen? 
Sie plauderten weiter. Sie hörte Worte, aber sie fasste 
nicht mehr immer ganz ihren Sinn. Ihre Seele schwang jetzt 
im Takte einer lockenden Wiener Melodie mit. Sprach er 
nicht gerade von Wien? Und von Anatol? — Von wem auch 
sonst? War er nicht die Verkörperung des Schnitzlerschen 
Anatol-Ideals? Wie sollte sie sich sonst auch seine Wirkung 
auf sie erklären? Seine Ansichten über die Frauen, über die 
Liebe waren nicht die ihren. Sie hätten sie bei jedem andern 
empört. Aber die liebenswürdige, vielleicht erheuchelte Gleich 
gültigkeit seiner Sprechweise, seine Blicke, seine Haltung, die 
Vorstellung der Abenteuer die er erlebt haben mochte, das 
war’s, was sie gefangen nahm was selbst die ernstesten 
Frauen in ihrer Unlogik dieser Art von Männern stets entgegen 
treiben wird. 
Blutrote, runde Lampions zitterten als Deckenbeleuchtung 
wie lohende Vollmonde über ihnen. Die Menge schob sich 
an ihnen vorüber. Hier und da sah sie bekannte Gesichter. 
Sie erschienen ihr heute wie Schatten aus einem früheren 
Leben. War sie das noch, sie, die sich so stolz vor der Welt 
verschlossen, in sich selbst zurückgezogen, um ihrer heimlichen 
Wunden willen . . . .? 
Und jetzt stand sie wie gebannt und lächelte diesem 
Fremden zu? 
Weshalb gelang es ihrjnicht, zu lügen? Weshalb wurden 
ihre Blicke zu Liebkosungen — da doch jede Frau sonsteine 
lebende Lüge sein sollte? 
Es war ihr, als ob sie sich verstecken müsste, als ob jeder 
Vorübergehende die jubelnde Begleitmelodie der Faschings 
musik in ihren Augen lesen könnte: „Du . . . ge . . . fällst 
. . . mir, ... du ... ge . . fällst . . mir . .“ 
Sie empfand Scham darüber, wie bei einer Bloßstellung 
ihrer Seele, ihres Körpers und konnte doch nicht 
anders, als die Wahrheit sagen. 
„Ich liebe das Unvorhergesehene“, hörte sie seine Stimme 
jetzt sprechen, „und das ist gut für mich! Wenn man sich nun 
. hortaxin-werke ♦ BERLIN.NO •MGEGR.idm 
Prämiiert Goldene Medaillen 1919" 
an eines jener schlangenfalschen, reizenden Geschöpfe bände Ü 
Treue .... gibts ja garnicht! Und die Untreue allein er 
möglicht mir ein so eingehendes, interessantes Studium der 
verschiedenartigsten Frauentypen! Was habe ich meinen Con- 
fesseurs schon alles beichten können und — müssen! 
„Männlichen oder weiblichen?“ 
„Weiblichen natürlich.“ 
„Würden Sie auch mich zu diesem vertrauenheischenden 
Amte zulassen? 
„Mit Vergnügen.“ 
Er verneigte sich zustimmend. 
Und sie sah sich im Geiste im tete ä tete mit ihm. Dämmer 
stunde natürlich. Draussen musste dichter Schnee nieder 
flocken. Oder phantastische Nebelgebilde schwanken. Das 
Zimmer durfte nur durch ein Kaminfeuer erhellt sein . . . . 
eine Teemaschine summte .... Irgendwoher tönte aus einer 
oberen oder unteren Etage eine Chopinsche oder Griegsche 
Melodie abgerissen her .... ihre Gesichtszüge verschwammen 
im Zwielicht .... und er beichtete . . . ganz absonderliche 
Geschehnisse .... Eindrücke .... kleine Novellen . . . . 
„Würden Gnädige mich entschuldigen .... für einen 
Augenblick .... ich sehe da alte Bekannte . . . .“ seine 
Blicke, die suchend durch den Saal geglitten, schienen einen 
festen Punkt gefunden zu haben .... 
Der Menschenstrom trennte sie voneinander. Sie traf mit 
ihrer früheren Gesellschaft zusammen. 
„Ah, — dort flirtet ja der interessante E . . . . mit der 
kleinen Waldenburg,“ hörte sie eine ganze Weile später einen 
ihrer Begleiter sagen. 
Sie blickte hastig auf. Wirklich, — da ging er mit ihr 
vorüber, Arm in Arm. Sein Gesicht war zu ihr hinabgeneigt, 
und eine innere Erregung, die wenig zu seiner sonstigen un 
durchdringlichen Gesellschaftsmaske stimmte, prägte sich auf 
seinen Zügen aus. .... 
Die Geigen kreischten plötzlich so verletzend auf. Die Aus 
gelassenheit der Menge in ihrer schreienden Gewöhnlichkeit 
beleidigte sie. Es war ihr, als ob ihr Herz ganz fest zusammen 
gedrückt würde, — ein rasender physischer Schmerz. 
Sie bat um einen Wagen und fand sich erst zu Hause 
wieder. 
Lange lag sie im Halbdämmern und sah verlorenen Blickes 
der Kerze zu, wie sie sich allmählich in Wachszähren zer- 
tropfte. Und ihr träumte schliesslich . ... sie weinte mit ihr. 
Sie erwachte, da man ihr die Post brachte, einen ganzen 
Haufen noch zu erledigender Arbeit. Der Tag stieg fahl und 
grau herauf, ein Tag wie ihr Dasein, ihre Erinnerungen, — 
ihre Zukunft. 
Die verlebte Faschingsnacht schien Jahre lang hinter ihr zu 
liegen. 
War sie denn toll gewesen mit den Tollen zusammen ? 
Hatte sie nicht fast ebenso intensiv gefühlt wie damals . . .? 
Und diese ganze Skala der Liebe in wenigen Stunden, von 
dem ersten beginnenden Glückesahnen bis zu der grausamen 
Folter des Beiseitegeschobenwerdens! Und das um eine» 
Fremden willen, von dem sie nicht einmal wusste, ob er nicht 
nur ein geistreicher Salonheld sei .... . 
Welch’ Glück, dass es nur ein Intermezzo gewesen in ihrem, 
ernsten, grossen Interessen geweihten Leben.
        
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