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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

dies Geschäft besser verstanden haben als die Deutschen. 
Ich habe zwar lange geschlafen, aber ich entsinne mich doch 
noch ganz genau, mit welchem Geschick man es der ganzen 
Welt eingeredel hat, Deutschland habe den Krieg gewollt, 
habe beabsichtigt, halb Europa zu knechten, und was solcher 
Unsinn mehr ist. Ganze Völker haben daran geglaubt und 
in Deutschland den Erzfeind gesehen. Mit der Lüge hat man 
die Waffen zusammengebracht, die Deutschland schliesslich 
besiegt haben. In England und Frankreich wird man heute 
den Wert der Lüge zu schätzen wissen, davon bin ich über 
zeugt. 
Das Wiesel: Hahaha! Legen Sie sich wieder schlafen, 
Verehrtester! 
Der Iltis: Sie irren gewaltig, Grossväterchen. Mit Feuer 
und Schwert rückt man drüben der Lüge auf den Leib. Ein 
Gerichtshof soll bestellt werden, der die heilige Wahrheit er 
mitteln und die wirkliche Schuld am Kriege aufdecken soll! 
Das Murmeltier (betreten): Wahrhaftig? (Sinnt nach und 
lacht plötzlich laut auf): Aber natürlich! Es kann ja garnicht 
anders sein! Sehen Sie, ich bin noch immer nicht alt und 
gewitzigt genug. Hätte beinahe vergessen, dass die richtige, 
vollkommene Lüge konsequent sein, bis ans Ende getrieben 
werden muss. Man muss mit der Lüge siegen, aber man darf 
nicht eingestehen, dass man mit ihr gesiegt hat. Hat sie ihre 
Schuldigkeit getan, dann muss man sie an den Pranger stellen 
und die „Wahrheit“ im Triumph dnrch die Strassen führen. 
Erst dann ist die Lüge vollkommen. Ich sehe, die Feinde 
sind Virtuosen auf diesem Gebiet. Ich wette, sie bringen es 
noch dahin, dass sogar die Deutschen sich an dem Triumpf- 
zug der „Wahrheit“ beteiligen. 
Der Iltis: Stimmt Gross Väterchen! Wie klug Sie doch 
sind! Man hilft bei uns schon fleissig bei dem Suchen nach 
der Wahrheit. 
Das Murmeltier: Sehen Sie wohl? Da haben Sie die 
ganze Macht der Lüge und zugleich den Grund, warum 
Deutschland den Krieg verloren hat. 
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Der Gemütsmensch. 
Im Klub von 1914. Der Graf und der Fabrikant sitzen 
behaglich bei einer Flasche Wein. 
Der Graf: Na, und die sozialen Forderungen, mit denen 
die Arbeiter heute auftreten — was sagen Sie dazu? Hält 
unser Wirtschaftsleben das aus? 
Der Fabrikant: Wird alles nicht so heiss gegessen wie 
gekocht. Das meiste schleift sich bald ab. Und was bleibt, 
schadet nicht viel. 
Der Graf: Aber die Löhne! Ich habe mir sagen lassen, 
dass die Herren Arbeiter 200 und 250 Mark Wochenlohn 
fordern. Und dazu noch einmalige Vergütungen von 800 
oder 1000 Mark. Aber ich bitte Sie, das sind ja Geheim- 
rats-Einkommen! Wo soll das hin? Wer soll das bezahlen? 
Der Fabrikant: Geht vorüber, lieber Graf, geht vorüber. 
Und einstweilen wird es einfach aut die Käufer abgewälzt. 
Die Kalkulation wird geändert, der Preis erhöht. Ist alles 
nur halb so schlimm! 
Der Graf; Und der Sechsstundentag? Wenn sie den 
erst einmal eingeführt haben, wird er bleiben, glaube ich. 
Der Fabrikant: Ich hoffe es stark. 
Der Graf: Aeh? Wie? Ich habe wohl nicht recht ge 
hört . . . Sie hoffen es? 
Der Fabrikant: Ja. Ich wünsche, wir hätten den Sechs 
stundentag schon. 
Der Graf: Ihre Kollegen sind anderer Ansicht. 
Der Fabrikant: Mag sein. Die meisten sehen ja nicht 
über ihre Nasenspitze hinaus. Ich will Ihnen einmal aus 
meiner Praxis die Erfahrungen schildern, die ich mit der ver 
kürzten Arbeitszeit gemacht habe. Trinken Sie noch ein 
Gläschen? 
Der Graf; Danke verbindlichst — nicht voll. 
Der Fabrikant: Also hören Sie zu. Vor dreissig Jahren, 
als ich anfing, arbeiteten die paar Leute, die ich hatte, zwölf 
Stunden und waren zufrieden. Auch der Arbeiter Grenzmann, 
den ich neulich mit Zigarren zu Ihnen geschickt habe. Der 
war damals auch schon bei mir. 
Der Graf: Das nenne ich anhänglich! 
Der Fabrikant: Nicht wahr? Also der Grenzmann arbeitete 
seine zwölf Stunden herunter, und wenn er fertig war, ging 
er nach Haus zu seiner Frau, die ihm das Essen gemacht 
und das Bier kaltgestellt hatte, und war zufrieden. Aber da 
kamen die Sozialpolitiker. Es wurde nur noch zehn Stunden 
gearbeitet. Und ausserdem wurden die Löhne höher. Aber 
merkwürdig: Bei den Arbeitern langte das nicht mehr. Da® 
kam daher, dass alle Preise gestiegen waren. Grenzman 11 
verdiente nicht mehr so viel, wie er brauchte. Seine Fra u 
musste jetzt mitverdienen und wurde Packerin bei mir. Da® 
Abendessen musste jetzt die kleine, zehnjährige Tochter her 
richten. Aber meine Fabrik wuchs. 
Der Graf: Trotz der gestiegenen Löhne? 
Der Fabrikant: Trotzdem. Na, und so ging es weiter 
Neunstundentag, Achtstundentag, die Arbeitszeit immer kürzer, 
die Preise infolgedessen immer höher, das Auskommen immer 
knapper. Heute muss die ganze Familie Grenzmann bei mir 
arbeiten, um leben zu können. Die beiden Töchter kleben 
Kartons. Nur zwei kleine Kinder sind noch zu Haus. Aber 
mir geht es ganz gut dabei. Ich beschäftige heute 2000 Leute. 
Der Graf: Sie wollen damit doch nicht etwa sagen, dass 
der Achtstundentag Ihnen genutzt hat? 
Der Fabrikant: Aber natürlich! Sehen Sie, die Familie 
Grenzmann arbeitete ursprünglich nur zwölf Stunden für mich, 
als der Vater allein bei mir war. Heute arbeiten vier Köpfe 
je acht Stunden, dass macht 32. Dabei bleibt mir trotz höherer 
Löhne mehr als früher. Jetzt warte ich nur noch auf den 
Sechsstundentag. 
Der Graf: Warum? 
Der Fabrikant: Dann müssen auch die beiden jüngsten 
Grenzmann’s zu mir in die Fabrik. Die Leute liefern mir dann 
6 X 6 = 36 Stunden, also wieder 4 Stunden mehr pro Tag. 
Der Graf: Und das Familienleben der Arbeiter? 
Der Fabrikant: Ich bin doch kein Sozialreformer! Mir 
genügt es, dass meine Fabrik gut geht. 
Der Graf: Sie sind ein Gemütsmensch! Neancter. 
Geseliw. Sokolowski 
Eva Liebenberg: Paul Rückmann 
Liesel Siegen :: Lissi Carussi 
Hans Elliot : Bnlgaroff Truppe 
Willy Rösch 
Konzert-Kapelle Brachfeld 
Erstkl. Küche und Weine. 
Täglich Anfang 
7 Uhr
        
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