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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

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Als er daheim Fräulein Christines ehrliches, wenn auch 
nicht gerade schönes Gesicht wiedersah, musste er an 
sich halten, um der treuen Seele nicht um den Hals zu 
fallen. 
Die sämtlichen Briefe verbrannte er noch in derselben 
Nacht. Im Bette schwor er sich einen heiligen Eid, nie 
mehr an’s Heiraten zu denken. Und er hat diesen Eid 
getreulich gehalten. Friui Burg. 
Berliner Momentbilder. 
Die tüchtige Hausfrau. 
Im Mietsbüro für Dienstboten. Frau Gutherz und Frau 
Kleinlich warten seit 2 Stunden vergeblich auf das „Mädchen 
für Alles“, das die Vermittlerin herbestellt hat, damit die 
„Gnädigen“ es einer Prüfung unterziehen können. 
Frau Gutherz: Das Mädchen scheint nicht zu kommen. 
Und ich versäume den ganzen Nachmittag ohne Zweck. Da 
bei habe ich zu Hause alle Hände voll zu tun! 
Frau Kleinlich: Eine gute Hausfrau muss immer so dis 
ponieren, dass sie beliebig lange fortbleiben kann, ohne dass 
der Haushalt leidet. Bel mir geht alles am Schnürchen, auch 
wenn ich tagelang nicht nach Hause komme. 
Frau Gutherz (bewundernd): Ist das möglich? 
Frau Kleinlich: Aber gewiss, meine Liebe. Ich habe eine 
Hausordnung ausgearbeitet, nach der sich das Mädchen zu 
richten hat. Jeder Tag und jede Stunde hat eine feststehende 
Bestimmung. Von morgens 6 bis Abends 8 Uhr. Die Haus 
ordnung hängt in der Küche an der Wand und wird genau 
befolgt, gleichgültig, ob ich da bin oder nicht. 
Frau Gutherz: Von 6 Uhr an? Mein Mädchen schläft bis 
7 Uhr! 
Frau Kleinlich: Das wäre noch schöner! Wie sollte meine 
Minna denn da mit allen Arbeiten fertig werden? Mit Früh 
stück richten, Stuben reinigen, Kinder fortbringen und abholen, 
Ra ionen abwiegen, Mittag kochen. ... 
Trau Gutherz: Rationen abwiegen? Was ist das? 
Frau Kleinlich: Haben Sie denn das nicht bei sich ein 
geführt? Muss Ihr Mädchen Ihnen nicht genaue Rechenschaft 
über jedes Gramm Butter, Speck, Zucker, Mehl usw. ablegen, 
das sie verwendet? 
Frau Gutherz: Nein. Ich habe Vertrauen zu der Ehrlich 
keit meines Mädchens. 
Frau Kleinlich: Vertrauen! Ehrlichkeit! Haha! Nein, 
meine Liebe, Vertrauen gibt es bei einer tüchtigen Hausfrau 
nicht. Bei mir wird alles notiert, und am Sonntag Nachmittag 
wird abgerechnet. 
Frau Gutherz: Am Sonntag Nachmittag? Arbeitet Ihr 
Mädchen denn da auch noch? 
Frau Kleinlich: An jedem zweiten Sonntag darf meine 
Minna natürlich ausgehen, von 5 bis 10 Uhr. Das heisst, wenn 
sie mit ihren Arbeiten fertig geworden ist und ich nicht gerade 
Besuch habe. Aber sonst arbeitet sie selbstverständlich. Wie 
sollte sie anders wohl fertig werden? In einem gut geleiteten 
Haushalt gibt es ja immer zu tun, immer! Am vorigen Sonn- 
CIDOLPH 
HEETZOC 
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FORTLAUFEND EINGANG VON 
NEUHEITEN 
IN DAMENKL El DUNG/KINDERKLEIDUNG 
& DAMENHÜTEN 
tag habe ich meiner Minna übrigens den Ausgang verbieten 
müssen, weil sie schlecht reingemacht hatte. Denken Sie nur: 
Ich steige auf die Leiter und fahre mit dem Finger über die 
Oberkante des Ofens im Esszimmer, Was finde ich da? Eine 
WEIN -STUBEN- HUTH 
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1 WEINGROSSHANDLUNG 1m 
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BERLIN W. • POTSDAMER 5TR. 139 
ECKE LINKSTR., NAHE PLATZ 
dicke Staubschicht! Obwohl in der Hausordnung ausdrücklich 
steht, dass da jeden zweiten Tag nass gewischt werden soll! 
Frau Gutherz: Sie haben keine Zentralheizung? 
Frau Kleinlich: Nein, wozu? Damit es den Mädchen noch 
bequemer gemacht wird? Alle diese modernen Alfanzereien 
gibt es bei mir grundsätzlich nicht. Bei mir herrscht in jeder 
Beziehung noch das alte, patriarchalische System. Ich sehe, 
meine Liebe, dass Sie eine von den modernen Hausfrauen 
sind, die ihre Minna — bei mir heisst jedes Mädchen Minna — 
in Grund und Boden verwöhnen. Sie sollten einmal bei mir 
in die Lehre gehen! 
Frau Gutherz; Ja, Sie können Recht haben, eine tüchtige 
Hausfrau in Ihrem Sinne bin ich leider nicht. Ich bin vielleicht 
zu gutmütig. Ich behandle meine Dienstmädchen als vollkommen 
gleichberechtigt und bin gewissermassen selbst mein zweites 
Mädchen Aber dafür ist meine Alwine auch seit 12 Jahren 
bei mir. Und wenn sie jetzt nicht heiratete, würde sie noch 
lange bei mir bleiben. Darf ich fragen, seil wann Sie Ihr 
letztes Mädchen haben? 
Frau Kleinlich: Meine letzte Minna? Seit 2 Wochen. Vor 
her habe ich anderthalb Jahre lang überhaupt kein Mädchen 
bekommen können. Habe immer mit Aushülfen ge wirtschaftet, 
jeden Monat mit einer neuen. Und bin aus dem Aerger und 
der Aufregung nicht herausgekommen. Sehen Sie, wie grau, 
meine Haare geworden sind! Ja, meine Liebe, eine tüchtige 
Hausfrau hat es heute nicht leicht! 
Frau Gulherz: Ich weiss nicht recht. ... Da bleibe ich 
lieber eine untüchtige Hausfrau. . . . 
Die Dichter-Akademie. 
Im allen „Cafe Grössenwahn“ (Cafe des Westens) am 
Kurfürstendamm sitzen der jüngere und der jüngste Dichter. 
Der jüngere Dichter: Was sagen Sie zur Reform der 
Akademie der Künste, lieber Kollege? Ich meine, zu der neuen 
„Abteilung für Dichtkunst“, die der Akademie angegliederl 
werden soll? 
Der Jüngste Dichter: Was ich dazu sage? Nichts weiter 
als „bravo!“ Die Akademie für Dichtkunst ist das dringendste 
Bedürfnis, das die Revolution zu befriedigen hat. 
Der jüngere Dichter: Ich finde eigentlich, dass auch bisher, 
ohne Akademie, in Deutschland schon ganz hübsch gedichtet 
worden ist. 
# Der jüngste Dichter: Passabel. Aber ohne Zielbewusst 
sein und ohne Disziplin. Wollen Sie es glauben, dass es 
Kollegen gibt, die nicht wissen, ob sie impressionistisch, futu 
ristisch, aktivistisch oder expressionistisch dichten? Die 
deutsche Dichtkunst ist eine wild wachsende Blume. Es ist 
höchste Zeit, dass sie systematisch in Beeten gezogen wird. 
Der jüngere Dichter: Sollte es nicht mehr auf das „was“ 
und „wie“ als auf das „wo“ ankommen? 
Der jüngste Dichter: Es kommt allein auf die Wirkung an. 
Und die lässt sich bei unserer bisherigen, ungeregelten Schaffens 
weise niemals exakt festslellen. Die Theaterwirkung zum Bei 
spiel ist heute ganz anarchisch. Der eine applaudiert, wo der 
andere pfeift. Niemand weiss so recht, woran er sich zu halten 
hat, auch die Kritik nicht. Das wird und muss anders werden. 
Das Dichten ist eine Kunst, die nach bestimmten Regeln, so 
zusagen wissenschaftlich betrieben und beurteilt werden muss.
        
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